Alleine der Nachlass des verstorbenen Ur-Grünen Elmar Diez umfasst 70 Meter Akten. Foto: Bender

Hanau

Ein Blick hinter die Kulissen des Stadtarchivs

Hanau. Versteckt hinter hinter mehreren Türen verbirgt sich das Gedächtnis der Stadt – das Stadtarchiv. Alles darin entstammt der Vergangenheit und wird von seinen Hütern sorgfältig für die Zukunft bewahrt. Und das bedarf einiger Anstrengungen – sowohl körperlich, als auch technisch.

Von Mike Bender

Der Raum, in dem rund 3000 Meter Akten und Dokumente lagern, ist klimatisiert. Seine Temperatur liegt exakt zwischen 16 und 18 Grad Celsius, und die Luftfeuchtigkeit beträgt 50 Prozent. Sollte es hier einmal brennen, was natürlich niemand hofft, darf nur mit Wasser gelöscht werden. So könnte man das aufgeweichte Papier danach gefriertrocknen. Viel Aufwand, doch nur so kann altes Papier vor dem Zerfall geschützt werden.

Aber das Archiv beherbergt noch weitaus mehr als nur Papier. Was genau, davon konnten sich Besucher kürzlich bei einer öffentlichen Führung ein Bild machen. Neben dem gesetzlichen Auftrag zur Aufbewahrung der Akten städtischer Ämter lagern im Archiv auch Nachlässe, die einen Beitrag zur Geschichte Hanaus leisten, oder manches, das seiner Besonderheit wegen zu schade zum Wegwerfen ist.

Alle Akten sind öffentlich zugänglichDabei kommen auch allerlei Speichermedien zum Einsatz, um den Platz so gering wie möglich zu halten. Eine Zeitungsseite des HANAUER ANZEIGER, archiviert auf sogenanntem Microfiche, analogem, belichtetem Filmmaterial, ist nur noch etwa so groß wie eine Briefmarke und erinnert ein bisschen an Agententechnik aus dem geheimen Entwicklungslabor von „Q“ aus James Bond. Doch geheim ist im Stadtarchiv nichts. Alle Akten sind der Öffentlichkeit zugänglich und können auf Anfrage eingesehen werden. Vor allem Zeitungen und Kirchenbücher sind beliebt, doch die Anfragen kommen aus allen Bereichen.

Auf einem Tisch hinter zahlreichen Aktenschränken haben Diplom Archivarin Monika Rademacher, die das Archiv seit 34 Jahren betreut und ihr Mitarbeiter Stephan Loquai, Fachwirt für Informationsdienste, der die digitale Langzeitarchivierung aufbaut, einige Raritäten für die Besucher aufgereiht.

Zeichnunge aber auch Haare werden verwahrtWer wusste schon, dass Hanau einst einen zeichenbegabten Oberbürgermeister hatte? Zumindest ist dem Selbstporträt, das August Rühl unter einen Brief zeichnete, eine gewisse Ähnlichkeit zu seinem Schöpfer nicht abzusprechen. „So, jetzt bitte nicht pusten“, sagt Rademacher und entfaltet vorsichtig aus einem Papier ein Haarbüschel des Bürgermeisters, das man ihm vor seiner Beerdigung offenbar noch abgeschnitten hatte. Rühl war 1850 an den Folgen eines Reitunfalls verstorben.

Gleich daneben liegen ein Tonband mit einer Rede von Karl Rehbein sowie das Protokoll einer Stadtverordnetensitzung. Dabei wird eines ganz schnell deutlich – damals begnügte man sich mit weitaus weniger Bürokratie als heute. Das einseitige Protokoll würde heute wohl mehrere Gigabyte umfassen, und auch die Dokumentation des Polizeieinsatzes zum Besuch von Kennedy auf dem Fliegerhorst umfasst nur wenige Seiten.

Dankbar für jedes AngebotDa meldet sich eine Besucherin zu Wort und erzählt, dass ihr Onkel der damalige Polizeichef war und Kennedy sich in einem Brief persönlich bei ihm bedankte. Nur leider hat sie den Brief weitergegeben, ohne sich eine Kopie davon zu machen. „Wir freuen uns erst mal über alles, was wir angeboten bekommen. Wegwerfen kann man später immer noch“, sagt Rademacher.

Im Hintergrund reiht sich der Nachlass von Politiker und Umweltaktivist Elmar Diez auf. 70 Meter bislang unsortierte Akten. „Das ist unser Problem, wie wir da durchsteigen, aber unsere Aufgabe ist es auch nicht, den Inhalt zu verstehen“, erklärt Rademacher. „Manchmal ist es Detektivarbeit, die Mosaiksteine zusammenzutragen“, fügt sie hinzu. Damit beschäftigen müssen sie und ihr Mitarbeiter sich dennoch, denn die Dokumente müssen mit treffenden Schlagwörtern und Angaben zu Herkunft und Art versehen werden, um sie später auch über die Suchmaske in der Datenbank suchbar zu machen.

Befreiung von allem, was der Sammlung schadetDavor müssen die Dokumente jedoch erst einmal vorbereitet und überflüssiges entfernt werden. „Jede Generation hatte da so ihre Eigenheiten“, weiß Rademacher. Mal haben sie getackert wie die Wilden, dann jedes Blatt in eine Plastikhülle gesteckt, oder die Faxbestätigung angeheftet. Doch egal, worin die Akten und Dokumente auch stecken, sie müssen davon befreit werden, da die Heftklammern rosten und der Kunststoff sich auflöst.

Und was, wenn das Archiv voll ist? „Die Kapazitäten sollten für 30 Jahre reichen – ich werde es nicht mehr erleben, ich habe mir das ausgerechnet“, meint Rademacher und lacht. Zudem wird die zunehmende Digitalisierung Papier in noch ferner Zukunft immer mehr verdrängen. Und so wird der Platz wahrscheinlich eher für Server-Kapazitäten benötigt werden, die die großen Datenmengen speichern können.

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