Ein Geisterhaus in bester Lage: Seit Jahren gammelt das Gebäude in Erlensees Mitte vor sich hin. Die Stadtverwaltung ist machtlos. Foto: Reinhard Paul

Bruchköbel

Bittner-Skandal ist kein Einzelfall: Meist Senioren betroffen

Bruchköbel/Erlensee/Großkrotzenburg. Wegen ausbleibender Zahlungen wird das Gas abgestellt. Es gibt keine Heizung, kein heißes Wasser – und manchmal nicht einmal kaltes, weil auch die Rechnungen der Kreiswerke unbezahlt sind.

Von Holger Weber

Viele Male hat unsere Zeitung in den vergangenen Jahren das Leid von Menschen beschrieben, die in den Liegenschaften leben, die dem Firmenkonglomerat des Immobilienunternehmers Ulrich Bittner zugeschrieben werden. Zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen. Immer wieder taucht bei den Recherchen als Eigentümer das Unternehmen Rendinvest AG mit Sitz in Zug in der Schweiz auf.

Die Gesellschaft, in der Bittner als Verwaltungsratsmitglied geführt wurde, existiert nach Informationen unserer Zeitung nicht mehr. Sie wurde laut einem Auszug des Handelsregisters des Kantons Zug, der der Redaktion vorliegt, im Jahr 2017 gelöscht.

Bereits 2014 wurde darüber berichtet

Bewohner der betroffenen Mietshäuser berichteten von Bedrohungen und Einschüchterungen. Bei den Opfern handelt es sich meist um ältere oder hilfebedürftige Menschen, die zwar Umlagen für Wasser, Strom und Gas bezahlt haben, deren Geld aber bei den Versorgungsunternehmen nicht angekommen ist. Die Erste Kreisbeigenordnete Susanne Simmler spricht von einer fünfstelligen Summe, die Bittner und dessen Firmen allein der Gasversorgung Main-Kinzig GmbH schuldet. Nicht berücksichtigt seien dabei die Ausstände in anderen kreiseigenen Versorgungsbetrieben wie den Kreiswerken.

2014 berichtete unsere Zeitung über ein Gebäude an der Schulstraße 10 in Großkrotzenburg. „Angst und Einsamkeit im Horrorhaus“, lautete der Titel des Bericht, in dem die Wohnverhältnisse der Menschen beschrieben wurden. Bei den meisten von ihnen handelt es es sich um Bewohner, die es schwer haben, auf dem Wohnungsmarkt eine Alternative zu finden. Das Gebäude haben mittlerweile alle Bewohner verlassen.

Frust ist auch bei Stefan Erb groß

Zuletzt wurde ein Postverteilungszentrum im Untergeschoss geschlossen, das nur noch über eine Baustromversorgung sowie ein Standrohr mit Wasser versorgt worden war. Das Gebäude und das angrenzende ehemalige Posthotel stehen seitdem leer. „Herr Bittner hat sich vor geraumer Zeit einmal bei uns gemeldet und Ideen vorgetragen, sich aber dann nicht mehr gemeldet“, berichtet Großkrotzenburgs Bürgermeister Thorsten Bauroth.

Auch bei Erlensees Verwaltungschef Stefan Erb ist der Frust groß, wenn er aus seinem Amtszimmer auf den Wohn- und Geschäftskomplex blickt, der sich vor ihm im Herzen seiner Stadt auftut. Die Immobilie verkommt zusehends. Die Eigentumsverhältnisse seien selbst im Grundbuch noch nicht abschließend dargelegt. „Es handele sich in jedem Fall um Unternehmen, die Herrn Bittner zugerechnet werden können.

Mieter legen jetzt schon Strom zurück

Wir haben eine Rechtsanwaltskanzlei damit beauftragt, hier Licht ins Dunkel zu bringen und die offenen Forderungen der Stadt zu realisieren. Nach dessen Auskunft kann das gesamte Verfahren Jahre in Anspruch nehmen“, befürchtet der Bürgermeister. In dem Haus gab es früher Filialen der Sparkasse und der Post. Den Eingang der Postfiliale hatte der Unternehmer 2014 kurzerhand zumauern lassen, weil sich die Post angeblich geweigert hatte, den Mietvertrag zu erneuern.

Derzeit sind in dem rückwärtigen Teil des Gebäudes noch fünf Wohnungen bewohnt. Zudem gibt es ein Optikergeschäft sowie eine Musikschule. Auch in diesem Gebäude funktioniert die Heizung nicht mehr. Die Bewohner und Geschäftsleute haben Elektroheizer gegen die Kälte aufgestellt. „Wir legen jetzt schon Geld für die Jahresstromabrechnung zurück“, sagt ein Mieter. Der Pächter des Ladens hingegen zieht die Stromkosten dem Eigentümer von der Miete ab.

„Dennoch traue ich der ganzen Sache nicht“

Vor einem Jahr wurde dort auch das Wasser abgestellt. Erst nachdem die Stadt kurzfristig eine Ausfallbürgschaft übernommen hatte, kehrte das Wasser wieder zurück. „Dennoch traue ich der ganzen Sache nicht“, sagt der Mieter. Unter seinem Wohnzimmertisch stapeln sich die Wasserflaschen. Für den Fall der Fälle.

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