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Biografie des Hanauer OB Eugen Gebeschus vorgelegt

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Hanau. Als vor sechs Jahren im Lamboy die ehemalige Bezirksschule V ihr Hundertjähriges feierte, da resümierte der Festredner, dies sei an einem traditionellen Bildungsstandort wie Hanau angesichts wesentlich älterer schulischer Einrichtungen nichts Ungewöhnliches.

Von Werner Kurz

Allerdings, so fuhr er fort, trage die heutige Gebeschus-Schule seit 1925 den Namen eines Mannes, der im öffentlichen Bewusstsein Hanaus als Person nahezu vergessen sei. Außer der 1912 gegründeten Schule gebe es in der Stadt keinen öffentlichen Hinweis auf Eugen Gebeschus.

Dies hat sich seither gründlich geändert; das Schuljubiläum von 2012 hat die Person des Hanauer Oberbürgermeister mit der längsten Dienstzeit in den Vordergrund gerückt, aber auch den Blick auf eine Phase der Stadtentwicklung gelenkt, die für Hanau wesentliche, bis heute nachwirkende Weichenstellungen brachte.

Gerade die Hanauer Stadtentwicklung des frühen 21. Jahrhunderts hat mit jener „Ära Gebeschus“ zu tun, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Hanau geprägt hat wie kaum eine spätere Phase, sieht man einmal von der gewaltigen Leistung des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Wenn beispielsweise heute von militärischen Konversionsflächen wie im Lamboy Impulse für die städtische Zukunft ausgehen (Hutier-Kaserne) oder ausgingen (Landesgartenschau), dann hat dies durchaus mit der kommunalen Strukturpolitik des Oberbürgermeisters Gebeschus zu tun.

Nun hat Markus Häfner, Hanauer Stadthistoriker von 2014/15, eben jenem Eugen Gebeschus als Ergebnis seiner Forschungen eine umfangreiche Publikation in der Reihe der Hanauer Gesichtsblätter des Hanauer Geschichtsvereins 1844 gewidmet. Dabei standen ihm neben den städtischen Akten auch die Chroniken und Lebenserinnerungen der Familie Gebeschus zur Verfügung, ebenso die persönlichen Aufzeichnungen des Oberbürgermeisters.

So verbindet der Autor, der bereits umfangreich über Hanaus Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gearbeitet hat, die persönliche Vita des Oberbürgermeisters mit einem Abriss der Geschehnisse in der Goldschmiedestadt vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in den Ersten Weltkrieg.

Er erhellt ein bis dato eher vernachlässigtes Kapitel Stadtgeschichte und zeichnet zugleich den nahezu exemplarischen Lebensweg eines preußischen Beamten nach, war doch die Rolle eines Stadtoberhaupts vor 125 Jahren beileibe eine andere als heute. Das Amt eines Oberbürgermeisters in Preußen, zu dem Hanau seit 1866 gehörte, verkörperte eine hohe Autorität, die sich aus diesem selbst ergab und nicht aus der demokratischen Legitimation wie heute.

Gebeschus, Jahrgang 1855, aus einer pommerschen Beamtenfamilie stammend, machte 1874 in seiner Heimatstadt Demmin das Abitur. Der Wunsch zur See zu fahren hatte sich aus familiären Gründen, der Weg in eine Karriere beim Militär hatte sich an der attestierten „Militäruntauglichkeit“ zerschlagen. Aber auch in der Verwaltung, so schreibt er in seinen Lebenserinnerungen, könne man es durchaus zu einem ordentlichen Einkommen bringen. Die Karriereplanung lief auch glatt: Studium in Greifswald und Tübingen, Referendariat an Gerichten unter anderem in Wiesbaden und Frankfurt, Große Staatsprüfung im Dezember 1883 in Berlin, Heirat im Februar 1884.

Danach Anwalt in St. Goarshausen, die Praxis durchaus erfolgreich, Hauskauf, Familienzuwachs – aber er hadert dennoch mit seinem Beruf. Da wollen ihn 1887 die Farbwerke Hoechst zu ihrem Justitiar machen, zugleich aber ist das Amt des Bürgermeisters der Stadt Hoechst vakant. Für dieses bewirbt sich Gebeschus mit Erfolg. Er sieht er sich als Bürgermeister nun in einer ganz neuen Rolle: Er stelle fortan seine Fähigkeiten ganz in den Dienst der Menschen, notiert er zum Dienstantritt in Höchst.

Dies ist für einen preußischen Juristen, der sich im damaligen Selbstverständnis der staatstragenden Elite bewegt, eine eher ungewöhnliche Position. Die Staatsgläubigkeit des Bildungsbürgertums und der Wirtschaftseliten, das der preußischen Beamten allemal, ist sprichwörtlich. Die Staatliche Ordnung hatte in Preußen in jedem Falle Priorität, für etwaige demokratische Umtriebe war die Polizei zuständig. Preußen war, das müssen wir uns vor Augen halten, kein demokratischer Staat.

Um in Preußen Bürgermeister zu werden, galt es, sich bei der Kommunalaufsicht, bei diversen Zirkeln und vordemokratischen Gremien richtig in Position zu bringen. Entschieden hat dann die Landeskommunalversammlung. Dort ging es 1893 um den seit dem zeitigen Frühjahr vakanten Sessel des Oberbürgermeisters in Hanau, denn der war 1893 vakant. Der nach Kassel gewechselte Albert Westerburg hatte wohl eigene Vorstellungen über seine Nachfolge, hinter den Kulissen wurde heftig gerungen. Doch Gebeschus, in Hessen inzwischen ja auch nicht ganz ohne Reputation und Unterstützung, gelang letztlich der Sprung an die Spitze der Stadt Hanau. Am 6. Juni 1893 war Amtseinführung und mit seinem Salär konnte er auch zufrieden sein, es waren 8000 Mark im Jahr.

Häfner zeichnet ein dichtes, plastisches und durchaus von Sympathie getragenes Bild des Menschen und Oberbürgermeisters Eugen Gebeschus, der 23 Jahre lang die Geschicke der Stadt maßgeblich bestimmen sollte. In diese Zeit fällt nicht nur die erste wesentliche Stadterweiterung durch die Militäransiedlung im Lamboy. Hanau wird in diesen Jahren „modern“. Kanalisation, Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Verkehr (Hanauer Straßenbahn), Krankenhauswesen, in all diesen Bereichen fielen in der Amtszeit Gebeschus‘ richtungsweisende Entscheidungen. Industrieansiedlung (Dunlop) und die Planung eines Mainhafens ebenso. Vorausschauend fädelte Gebeschus 1907 erfolgreich die Eingemeindung des Dorfes Kesselstadt ein, denn was Hanau um die Jahrhundertwende nicht hatte, war Raum für die weitere Stadtentwicklung.

1916 zog sich Gebeschus als Oberbürgermeister zurück. Ohnehin von nicht allzu robuster Gesundheit trotz täglichen kalten Duschens, hatte er sich im Amt aufgerieben. Doch kann sich die Bilanz seiner 23 Jahre an der Stadtspitze sehen lassen. Markus Häfner breitet sie akribisch aus und spart auch manchen Nebenweg nicht aus. Dieses Buch schließt sowohl eine biografische als auch eine stadtgeschichtliche Lücke, für historisch interessierte Hanauer ist der Name des 1936 gestorbenen Gebeschus also nunmher kein „weißer Fleck“ mehr.

Das Buch „Stadtoberhaupt aus Leidenschaft. Leben und Wirken von Eugen Gebeschus – Hanauer Oberbürgermeister 1893–1916 (Hanauer Geschichtsblätter 52)“ hat 356 Seiten und kann unter der ISBN 978–3–935395–31–1 im Hanauer Buchhandel zum Preis von 25 Euro, für Vereinsmitglieder des Hanauer Geschichtsvereins zehn Euro, erworben werden.

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