Professor Dr. Rainer Dollase, Bildungsforscher aus Bielefeld. Foto: Privat

Hanau

Bildungsforscher: "Eltern stehen unter Druck"

Hanau. In den vergangenen Jahren hat sich das Eltern-Kind-Verhältnis stark gewandelt. Kinder stehen immer häufiger unter Leistungsstress. Die Gründe sind vielfältig. Der Bielefelder Bildungsforscher Rainer Dollase stellt einige Beispiele vor.

Sie gehören zu den profiliertesten Bildungsforschern in Deutschland. Warum stehen Kinder und Jugendliche heute so unter Druck?Die Ursachen fangen bereits im ganz frühen Kindesalter an. Heute müssen beide Elternteile berufstätig sein, um als Familie über die Runden zu kommen. Das Kind besucht daher eine Kita. Dort nimmt es Verhaltensweisen an – es orientiert sich an anderen Kindern – die mit den elterlichen Erziehungsvorstellungen vielleicht nicht übereinstimmen. Hinzu kommt die in unserer Gesellschaft weit verbreitete Meinung, dass man Abitur haben und studieren muss, um später ein ordentliches Gehalt zu bekommen. Das traf früher zu, heute aber nicht mehr. Trotzdem kommen bei Eltern Ängste auf, wenn ihr Kind für ein Studium nicht geeignet scheint.

Warum ist das so?In Deutschland beurteilen wir einen Menschen in erster Linie nach seinem Bildungsabschluss. Im Kopf der Eltern macht sich daher Angst breit: Wie entwickelt sich mein Kind? Wie reagiert das Umfeld, wenn wir zugeben müssen, dass unser Kind das Abitur nicht schaffen wird? Die Folge: Mit den Kindern wird ständig geübt. Der Kontakt zwischen Eltern und Kind besteht vornehmlich durch den Austausch von Noten. Das vergiftet das Verhältnis der Eltern zu ihrem Kind. Die Eltern selber stehen auch unter Druck. Sie wollen im Beruf vorankommen und zugleich ein tolles Kind haben. Hat dieses mal einen Durchhänger und bleibt vielleicht sogar sitzen, verstärkt sich der Druck auf sie und damit aufs Kind. Sie messen es an Punkten und Noten.

Wie wirkt sich das letztlich auf die Kinder aus?Das ist ganz unterschiedlich. Wenn die Ängste der Eltern schon so evident sind, dass sich Kinder bereits für Versager halten, wollen sie ihre Eltern nicht enttäuschen. Also fixieren sie sich auf die schulischen Noten. Das kann sich darin äußern, dass sie innerlich immigrieren, also still und apathisch alles mit sich machen lassen, sich in Traumwelten und Computerspiele flüchten, schlimmstenfalls sogar zu Drogen greifen. Oder sie reagieren rebellisch und aufsässig, gehen mit ihren Eltern in den Clinch, um sich vom Druck zu befreien. Oder sie pfuschen bei den Arbeiten. Sie versuchen so, die schulischen Anforderungen zu managen, damit es für sie einfacher wird. Gern bleiben diese Kinder auch vom Unterricht fern, schwänzen.

Was können Eltern tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?Eltern sollten sich zunächst selbst analysieren: Bin ich jemand, der verbissen arbeitet oder habe ich es auch gern bequemer? Ein weiterer Punkt sind Alltagsfallen, in die Eltern gern hineintappen, die es aber zu vermeiden gilt. Ein Beispiel: Der Vater schimpft abends über seinen Chef, weil dieser ihm kurz vor Feierabend noch einen Auftrag erteilt hatte. Als Erwachsener mache ich so meinem Ärger Luft. Das Kind aber entnimmt daraus, dass sein Vater meckert, wenn er viel arbeiten muss. Wenn sich das Kind über viel Arbeit in der Schule beschwert, hört es von seinen Eltern erstaunlicherweise, dass das, was der Lehrer sage und mache, richtig und wichtig sei. Das passt aber gar nicht zusammen mit dem, was das Kind noch von seinem Vater in Erinnerung hat. Wie geht es also besser?Indem ich als Elternteil genau hinschaue, was mein Kind interessiert, was es leisten kann, was ihm leicht von der Hand geht. Es ist falsch zu glauben, dass es sich einfach nur mehr anstrengen müsse. Eltern sollten die Stärken des Kindes genau beobachten. Diese zeigen sich in der Freizeit, im Urlaub und im freien Spiel. Auch sollte man mit seinem Kind in Ruhe reden und es fragen, was es beruflich gern machen möchte. Es ist absolut wichtig, mit dem Kind im Gespräch zu bleiben. Denn 80 Prozent unserer Gespräche gehen nicht über pädagogische Fragen, sondern sind ganz normale Unterhaltungen über Hobbys, über das Wetter, über Leckeres und andere schöne Dinge. Leider gibt es Eltern, die sprechen mit ihren Kindern nur über Noten, nehmen Bücher mit in den Urlaub. Das ist falsch. Die Schule sollte nicht im Mittelpunkt des Eltern-Kind-Verhältnisses stehen.

Eltern müssen also ihre Haltung ändern?„Ja, exakt. Und sie müssen ihre Kinder dabei unterstützen, ihre Erfolgsfelder zu verbreitern: Sie Praktika machen lassen, damit sie Lebensbereiche kennenlernen, die auch der Realität entsprechen.

Das Interview führte Gabriele Reinartz.

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