Vor vielen Zuschauern war im Jahr 1923 diese Rennmannschaft der "Möve" unterwegs. Foto: Seifert

Großauheim

Die bewegte Geschichte des 100 Jahre alten Ruderclubs "Möve"

Großauheim. Otto Decher und Heinrich Peter hatten für den 11. August 1919 in das Gasthaus „Zum Anker“ an der Langgasse eingeladen. Dort trafen sich einige junge Männer, um den Ruderclub „Möve“ aus der Taufe zu heben.

Von Thomas Seifert

Aus den Gründungsmitgliedern sind im Jubiläumsjahr rund 180 Mitglieder geworden. Der Verein kann auf sehr erfolgreiche Zeiten zurückblicken. Erfahrung mit der Sportart Rudern hatte keines der Gründungsmitglieder, vielmehr gehörten einige von ihnen einer Tanzkapelle an – und die erspielte bei verschiedenen Veranstaltung so viel Geld, dass schon einige Monate nach der Gründung ein gebrauchtes Schulboot erworben werden konnte.

Boote mit 500 Kilogramm

Die „Frauenlob“ wog über 500 Kilogramm und wurde von Offenbach per Kettenschlepper nach Großauheim gezogen. Zum Vergleich: Ein heutiges Boot wiegt je nach Größe bis zu 75 Kilogramm. Nach ersten Regattastarts konnten die „Möve“-Ruderer 1922 den ersten Sieg in Gießen feiern, 1924 setzte sich eine Mannschaft beim Dauerrudern in Frankfurt gegen starke Konkurrenz durch. Von 1926 an durften auch Frauen an die Riemen.

Seit 1935 erscheint monatlich die Vereinszeitschrift „Möve“-Post, aber erst 1938 konnten weitere Boote angeschafft werden und die Einteilung der Ruderer für die kommende Woche entfiel. Im selben Jahr kam es zur Zwangsfusion, der neue Name lautete „Ruder- und Tennis-Club 1919 Großauheim a. Main“, was der Entwicklung der Ruderabteilung bis zum Jahr 1944 aber keinen Abbruch tat, erst dann wurde der Betrieb eingestellt. Lediglich der stark beschädigte Gig-Achter hatte die Kriegswirren überstanden, mit diesem wurde 1948 die Ruderei wieder aufgenommen. 1951 kam ein weiteres Boot hinzu.

Das erste, 1925 im Garten des ehemaligen Gasthauses „Zum Engel“ erbaute Domizil hatte sich der Grundstückseigentümer nach dem Krieg unter den Nagel gerissen. Deshalb diente der „Bunker“, ein behelfsmäßiger Unterstand auf dem Grundstück des ehemaligen Schwimmklubs Undine unterhalb der Mainbrücke, von 1949 bis 1964 als Notbootshaus.

Einweihung des Bootshauses

1965 konnte dann das neue Bootshaus an Flusskilometer 60,4 eingeweiht werden. Da der Verein weiter wuchs, musste auch das Bootshaus in den Jahren 1974, 1984 und 1990 den Gegebenheiten angepasst werden. Allerdings wurde die Anlage am Main bei Hochwasser schon etliche Male überschwemmt.

In der Neuzeit hat die „Möve“ seit 1969 großen Wert auf eine umfassende und gründliche Ausbildung des Nachwuchses gelegt, um den Kindern trotz des notwendigen intensiven Trainings den Spaß an diesem anspruchsvollen Sport, verbunden mit dem Naturerlebnis auf dem Wasser, zu vermitteln. Der Lohn dieser intensiven Arbeit sind bis heute rund 1000 Siege bei Regatten des Deutschen Ruderverbands inklusive Hessen- und Bundessieger. Die erfolgreiche Nachwuchsarbeit hat zudem zahlreiche Nationalkaderruderer hervorgebracht, die bei Europa- und Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilgenommen haben.

Die Erfolgschronik der Rennruderer der „Möve“ kann sich sehen lassen. Über 3000 Siege bei Verbandsregatten stehen zu Buche wie Erfolge bei Weltmeisterschaften, Master Championaten, europäischen Hochschulmeisterschaften und Ländervergleichskämpfen. Bei Titelkämpfen auf Bundes- und Landesebene standen „Möve“-Ruderer über 250-mal auf dem Siegertreppchen. Blickt man in die Historie sind eine Bronzemedaille vor dem Krieg in Berlin bei den nationalen Meisterschaften oder der erste Sieg im Stadtachterrennen 1931 zu erwähnen.

Zusammenschluss mit Hassia

Ein besonderes Kapitel stellt der Zusammenschluss der „Möve“ mit dem Hanauer Ruderclub Hassia und dem Mühlheimer Ruderverein im Jahr 1972 zur „Rudervereinigung Mittelmain“ dar, zu der 1974 noch die Hanauer Rudergesellschaft stieß. Vier Ruderer des Zusammenschlusses saßen 1973 im Juniorenachter, der Weltmeister wurde, darunter Rainer Manke von der „Möve“. Bei der Wiederholung der Erfolge 1974 und 1975 steuerte Stefan Frei das Boot. Dreimal wird die „Rudervereinigung Mittelmain“ in den acht Jahren ihres Bestehens als bester Jugendverein ausgezeichnet, „Möve“-Ruderer holen in dieser Zeit über 400 Bootssiege.

Doch es gibt auch negative Seiten, und wegen divergierender Interessen löst sich die „Rudervereinigung Mittelmain“ 1980 wieder auf. Die alten Bande halten aber über Jahrzehnte hinweg bis in die Gegenwart.

Die erste Regatta, die der Verein ausrichtete, wurde zum 25-jährigen Jubiläum 1944 organisiert. Auch zur Stadterhebung von Großauheim 1956 und zum 50. Geburtstag gab es Rennen auf dem Main. 1973 dann beginnt die Ära der Großauheimer Kurzstreckenregatten nach dem Reglement des Deutschen Ruderverbands, die sich bis heute im offiziellen Rennkalender findet.

Rennen als Großveranstaltung

Im Laufe der Jahre entwickelten sich die Rennen mit einer Distanz bis zu 500 Metern zu einer Großveranstaltung, die den Mitgliedern einiges an Organisationstalent abverlangt, denn es gehen zwischen 600 und 1000 Boote an den Start. Erst einmal, nämlich im September 1998, musste die Traditionsveranstaltung wegen Hochwassers abgesagt werden. Aktuell gibt es etwa 35 Leistungsruderer, die an Regatten teilnehmen.

2018 wurden 94 Siege nach Hause gefahren. Der Rest, etwa 60 Mitglieder, sind Breitensportruderer. Diese rudern am Dienstagabend, Freitagabend und am Sonntagmorgen. Einige Rentner treffen sich auch an Wochentagen zum Rudern. Weitere Events sind Wanderfahrten über mehrere Tage auf allen beruderbaren Flüssen und Seen in Deutschland und im Ausland.

Teilnahme an "Vogalonga"

Ein Höhepunkt war die Teilnahme an der „Vogalonga“ in Venedig. In diesem Jahr wird auf der Elbe von Decin (Tschechien) nach Meißen gerudert. Hinzu kommen Eintagesfahrten stromauf oder auch strom‧ab. In den Sommermonaten trifft man sich an einem Freitag im Monat zum Mondscheinrudern. Auch an Breitensportveranstaltungen nehmen Hobbyruderer teil. In der warmen Jahreszeit bietet der Verein seit 25 Jahren dienstagsabends einen Schnupperkurs für Anfänger ab 18 Jahre an.

Dieser wird von zwei erfahrenen Übungsleitern betreut. Auch Schulrudern findet bei der „Möve“ statt, denn es gibt seit einigen Jahren eine Kooperation mit der St.-Josef-Schule. In den Sommermonaten rudert montags eine komplette Jahrgangsstufe im Sportunterricht. Die Geselligkeit kommt bei der „Möve“ nicht zu kurz. Neben der Gründungsfeier sowie anderer Anlässen wurden früher auch verschiedene Bälle gefeiert. In den Sommermonaten lassen die Mitglieder den Dienstag mit einem „After-Rowing-Snack“ auf der Bootshausterrasse ausklingen. Mehrmals im Jahr gibt es Treffen zum Ü-60-Kaffee und in den Wintermonaten Spielabende.

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