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Operation Plunder am 23. März 1945: Die US-Soldaten bauten an 14 Stellen gleichzeitig Pontonbrücken über den Rhein, hier die bei Oppenheim. Innerhalb von fünf Tagen setzten eine Million Soldaten mit Fahrzeugen und Nachschub über.

Als die Amerikaner kamen

Beim Einmarsch vor 75 Jahren stießen die Truppen in der Region immer noch auf sinnlosen Widerstand

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Es ist ein Beispiel für den Irrsinn dieses Krieges, für Wahn und Verblendung: Der aussichtslose Gegenangriff, den Wehrmachts-Oberstleutnant Karlheinz Kurz mit Rekruten und Unteroffiziersschülern am 25. März 1945 gegen einen Brückenkopf startete, den die 4. US-Panzerdivision am Mainufer bei Großauheim gebildet hatte.

Es war das letzte Gefecht des längst verlorenen Zweiten Weltkriegs auf Hanauer Boden vor dem Einmarsch der Amerikaner heute vor 75 Jahren. 38 junge deutsche Soldaten starben, ebenso neun Einwohner. Sie ruhen bis heute auf dem Alten Friedhof in Großauheim. Am 25. März hatten Vorausverbände der 4. US-Panzerdivision das größtenteils unversehrte Klein-Auheim erreicht. Hanau lag da schon in Schutt und Asche. Es war sechs Tage zuvor bei einem verheerenden Luftangriff der Briten zerbombt worden. 

Die Eisenbahnbrücke wird zerstört

Die Auheimer Eisenbahnbrücke über den Main wurde in diesen Tagen von deutschen Soldaten zerstört, die schmale Straßenbrücke war nur beschädigt. Über diese erreichen die ersten US-Truppen Großauheim und bilden den Brückenkopf. Deutsche Soldaten, die sich in nahen Häusern verschanzt haben, eröffnen das Feuer, berichtet Heinrich Kurzschenkel in seinem „Großauheimer Kriegstagebuch“. Am nächsten Tag ist Großauheim Ziel deutscher Flugzeuge, die eine von US-Pionieren errichtete Pontonbrücke zerstören wollen. All das spielt sich vor den Toren des völlig verwüsteten Hanau ab. Aus Großauheim sind Detonationen zu hören. Tiefflieger. Artillerie-Donner. Flak. 

Auch das zeigt den Irrsinn: Die letzten deutschen Messerschmitt-Flugzeuge, die den Brückenkopf angreifen, „fügten ihren Landsleuten mehr Schaden zu als den Amerikanern“, schreibt Kurzschenkel. Derweil lässt das Dröhnen schwerer Waffen die mit Pappe und Sperrholz provisorisch reparierten Fenster und Türen der stehen gebliebenen Häuser in den Stadtteilen erzittern, notiert Gerhard Flämig in seinem Werk „Hanau im Dritten Reich“ über die Kämpfe. Es sind noch zwei Tage bis zum Ende des Krieges in der Brüder-Grimm-Stadt. 

Schießerei an etlichen Stellen

Noch wird an etlichen Stellen weiter geschossen, während in den Häusern der Vororte, aber auch in den Kellern der Ruinen in der Innenstadt, Menschen nach weißen Stofffetzen suchen, „um ihr Schlusszeichen des Krieges zu setzen“ (Flämig). Einige sollen den letzten kämpfenden deutschen Soldaten zugerufen haben: „Jungs, hört doch endlich auf!“ Aber selbst in den Ruinen folgen etliche noch den Nazi-Durchhalteparolen, wird auch noch am 28. März Widerstand geleistet, als die US-Army mit schweren M4 Sherman- und M26 Pershing-Panzern weiter vorrückt – und Hanau besetzt. 

GIs durchstöbern Kellerräume unter den Trümmern. Die Ruinen der zerstörten Innenstadt qualmen weiter. Die Ostertage 1945 stehen vor der Tür, als der Krieg in Hanau zu Ende geht. Es ist warm. „Penetranter Brand- und Leichengeruch“ liegt in der Luft, schreibt Gerhard Flämig. Aber auch von ganz anderen Bränden wird berichtet. Brände, die löschen sollen, was vorher war: Hakenkreuzfahnen und -armbinden, braune Uniformteile und nicht zuletzt Hitlers Buch „Mein Kampf“ wurden unter Waschkesseln und auf kleinen Scheiterhaufen im Garten verbrannt. Am Gründonnerstag, 29. März 1945, war Hanau fast ganz in amerikanischer Hand. Nur noch 10 000 Menschen sind in der Stadt. Vorher waren es über 40 000. 

„Der Luftkrieg über dem Raum Hanau“

Die meisten leben in den weniger zerstörten Randgebieten wie Kesselstadt, schreibt Hans-Günter Stahl in seinem Buch „Der Luftkrieg über dem Raum Hanau“. Andere richten sich in den Kellergeschossen ihrer zerstörten Häuser und auch in unversehrt gebliebenen Gartenhütten in Schrebergärten ein. Tausende suchen Unterkunft bei Bekannten und Verwandten oder werden in den Dörfern des Landkreises einquartiert. Am 31. März soll im Raum Hanau letztmals Flakfeuer zu hören gewesen sein. Es ist Ostersamstag. Endlich Kriegsende. Das Kämpfen ist vorbei. Der alltägliche Kampf ums Essen, um eine Bleibe geht in der zerbombten Stadt indes weiter. Während im Lamboywald vor Hanau in hunderten von Zelten amerikanische Soldaten lagern („Ein gespenstischer Anblick“, wie Nachkriegsbürgermeister Dr. Hermann Krause später zu berichten wusste) und die Amerikaner im heutigen Olof-Palme-Haus ihre erste Stadtkommandantur einrichten, ist in der Trümmerlandschaft der Innenstadt mitunter kaum ein Durchkommen. 

„Ein riesiger amerikanischer Bulldozer schiebt sich von der Ehrensäule her durch das, was einmal die Nürnberger Straße war“, heißt es in einem Zeitzeugenbericht. Im Freigericht und im Lamboyviertel, wo noch die meisten Häuser stehen, flattern weiße Fahnen aus den Fenstern. „Nur ein paar junge Leute grüßen einander noch gedankenlos mit dem eingebleuten ,Heil Hitler’“, notiert Flämig. Die Ernährungslage in der Stadt ist bei Kriegsende katastrophal. Laut Hen Donaths Buch „Hanau im 20. Jahrhundert“ gab es in diesen Tagen auf Lebensmittelkarten gerade mal 1000 Gramm Brot, 125 Gramm Fleisch, 62,5 Gramm Fett und ein halbes Ei – pro Person und Woche. 

Die ersten Begegnungen sind vorsichtig

Die ersten Begegnungen der Deutschen mit den Amerikanern sind vorsichtig. Anfangs besteht ein Kontaktverbot. Und es gibt auch so etwas: Die damalige Rotkreuzschwester L., so hat Gerhard Flämig festgehalten, erzählt von einem Kollegen, der im zerstörten Hanau von einem US-Soldaten aufgegriffen wird. Der GI hatte auf dem Koppelschloss der Rotkreuz-Uniform ein Hakenkreuz entdeckt. „Unsere Englischbrocken zusammensuchend, machten wir dem Ami klar, dass es sich nicht um einen Nazi-Funktionär, sondern um einen Kollegen vom Roten Kreuz handelt. Zum Glück hat er uns geglaubt.“ Die Gottesdienste zum Osterfest 1945 in Hanau – das erste nach sechs Kriegsjahren – sollen sehr gut besucht gewesen sein. Flämig: „Man betete und dankte Gott, dass nun der Kampf und das Grauen des Krieges für Hanau zu Ende waren.“ 

Andernorts gingen die Kämpfe noch Wochen weiter. Am 1. Mai um 22.26 Uhr meldet der Großdeutsche Rundfunk, dass Adolf Hitler in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei „bis zum letzten Atemzug kämpfend für Deutschland gefallen ist“. Es ist die letzte große Lüge der Nazi-Propaganda.

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