1. Startseite
  2. Hanau

Ausstellung zum Kriegsjahr 1916

Erstellt: Aktualisiert:

Jens Arndt verdeutlicht mit seinem über zwei Meter großen Nachbau eines Rads in seiner Garage die Dimension des Dreideckers.  Foto: Breyer
Jens Arndt verdeutlicht mit seinem über zwei Meter großen Nachbau eines Rads in seiner Garage die Dimension des Dreideckers. Foto: Breyer

Hanau. Das Jahr 1916 steht im Blickpunkt einer weiteren Ausstellung über den Ersten Weltkrieg. Die Dokumentation wird am 8. November eröffnet.

Von Reinhard Breyer

HANAU.  Geschichte wird vor allem dann erlebbar, wenn sie prägnante lokale Aspektebietet und damit Einblicke in Lebensumstände frühererGenerationen erlaubt. Darum haben sich die Organisatoren des zweiten Teils der Ausstellung „Hanau in feldgrauer Zeit“ der Stadt und des Hanauer Geschichtsvereins 1844 über das Kriegsjahr 1916 bemüht.

Das Jahr 1916 zeichnete sich durch besonders blutige kriegerische Auseinandersetzungen aus. In den Schlachten von Verdun und an der Somme ließen Hunderttausende Soldaten ihr Leben; viele verließen mit schweren Verwundungen die Gräben, Kriegsversehrte beherrschten noch viele Jahre später das Bild auf Deutschlands Straßen, so auch in Hanau.Hier wurden die Soldaten beim Reserve-Infanterie-Regiment 88 in der Infanteriekaserne am Paradeplatz auf den Kriegseinsatz vorbereitet. Wie Jens Arndt in seinem umfangreichen Buch „Hanau in feldgrauer Zeit – Stadt und Garnison Hanau im Weltkrieg 1914–1918“ schreibt, meldeten sich in der angeheizten Kriegseuphorie ganze Schulklassen für die Ausbildung mit der Waffe. Bei Übungen auf dem Groß‧auheimer Exerzierplatz bereiteten sich die jungen Männer auf den Einsatz an der Front vor.

1600 Hanauer Opfer in VerdunDreimal rückte das Reserve-Infanterie-Regiment 88 in die Felder von Verdun aus. 308 Tage dauerte der erbitterte Kampf im Nordosten Frankreichs. Rund 700 000 Menschen hatten das Deutsche Reich und Frankreich zu beklagen. Rund 220 Hanauer kamen in Verdun, dem „Schmelztiegel des Todes“, ums Leben; 1600 waren es im gesamten Krieg.Zahlreiche Relikte der Schlachten von 1916 sind in der Ausstellung zu sehen, so etwa ein „Priesterwerfer“ – ein spezieller Granatwerfer für den Einsatz in Grabenkämpfen – sowie Stahlhelme. 1916 wurden die Soldaten erstmals mit dem „deutsche Stahlhelm“ – dem Nachfolger der Pickelhaube – ausgerüstet. Die Lederriemen des Stahlhelms stammten teilweise aus der Hanauer Fabrik Zeh und Schien. Leihgaben privater Sammler und des Landesmuseums der Pfalz ergänzen die Ausstellung.

Erinnerungen an Admiral ScheerEine weiterer Schwerpunkt der Dokumentation wird der Skagerrak-Schlacht vom 31. Mai und 1. Juni 1916 gewidmet, einer der größten Seeschlachten der Geschichte. Sie kostete auf Seiten der Briten mehr als 6000 Tote, etwa 2500 Deutsche kamen um.Die deutsche Hochseeflotte stand unter dem Kommando von Admiral Scheer, der als großer Marinestratege in die Geschichte eingegangen ist. In Großbritannien nannte man ihn später in einem Atemzug mit Lord Nelson. Scheer wurde 1863 in Oberkirchen (Weserbergland) geboren. 1867 zog die Familie nach Hanau, wo sein Vater eine Stelle als Lehrer an der Ober-Realschule annahm.Scheer brach 1879 seine schulische Laufbahn an der Hohen Landesschule ab und ging zur Marine. Zahlreiche Text- und Fotodokumente werden an den Admiral, der in Hanau zum Ehrenbürger ernannt wurde, erinnern. Scheer lebte bis 1928 in Weimar. Als Reinhard Scheer sich anschickte, einer Einladung seines Rivalen in der Skagerrakschlacht, Admiral John Jellicoe, nach England zu folgen, starb er am 26. November 1928 im Alter von 65 Jahren während der Bahnfahrt nach Wilhelmshaven bei Marktredwitz an einer Lungenembolie.Hierbei konnten die Organisatoren der Ausstellung auf den Klein-Auheimer Sammler Manfred Peter zurückgreifen (unsere Zeitung berichtete). Der Marineexperte hat mit Akribie die an der Skagerrak-Schlacht beteiligten Schiffe im Maßstab 1:200 nachgebaut. Sie werden nun erstmals öffentlich zu sehen sein. Das Besondere: Es handelt sich um Papiermodelle. Auch Großfiguren eines Korvettenkapitäns und eines Kapitänleutnants werden im Rathausfoyer gezeigt.

Der Brünig'sche Riese: EIne gewagte Konstruktion  Auch ein Stück Luftfahrtgeschichte wurde in jenen Jahren in Hanau geschrieben: So ist der Teil der Ausstellung dem Fahrzeugbauunternehmen Brüning gewidmet. Die Firma wurde 1848 in Langendiebach gegründet und beschäftigte sich zunächst mit der Herstellung von Sperrholz für Zigarrenkisten. Nach dem Jahr 1910 spezialisierte sich Brüning auf die Produktion von Sperrholzplatten für den Flugzeugbau. Auch die Lithographische Kunstanstalt Brüning, an der heutigen Willy-Brandt-Straße gelegen, war ein Teil des Unternehmens.Eine neue Produktionsnische tat sich im Zuge der Entwicklung von Flugzeugen auf. Es war der schwedische Konstrukteur Villehad Forssman, der den Kommerzienrat Heinrich Brüning bei einem Besuch im Jahr 1915 von der Idee überzeugte, ein Flugzeug zu bauen. Die Absicht: Die Maschine sollte in der Lage sein, den Atlantik zu überqueren, um so die englische Seeblockade zu umgehen. Der Zugang zu Waren und Rohstoffen aus den neutralen USA sollte somit ermöglicht werden.Auch das Reichs-Marineamt interessierte sich für die Pläne. Im März 1916 wurde die Firma Fahrzeugbau Brüning GmbH in Hanau gegründet. Für Kredite stand die Hanauer Filiale der Deutschen Bank bereit. Auch ein Standort für die Flugzeugwerft war bald gefunden: ein Großauheimer Fußballplatz nahe dem dortigen Exerzierplatz, der in den Kriegsjahren brachlag.Dort wurde der sogenannte Brüning'sche Riese gebaut. Es war eine Holzskelettkonstruktion mit Leinwandbespannung, ausgestattet mit zehn 240 PS starken Maybach-Motoren, wie sie auch in den Zeppelinen für Auf- und Antrieb sorgten.

Imposanter DreideckerDas Flugzeug hatte imposante Maße: Auf 14,6 Meter Höhe brachte es der Dreidecker, die Länge betrug 52 Meter, die Spannweite 53 Meter. Trotz aller Bemühungen der Firma Brüning hat sich der Gigant nie in die Lüfte erhoben.Jens Arndt schreibt in seinem Buch, das auch als Katalog der Ausstellung dient und 29 Euro kostet: „Als im April 1917 die USA gegen Deutschland in den Krieg eintraten, schien das Ende des Transportfliegers gekommen. Man unternahm noch einmal den Versuch, eine Bomberversion zu bauen, und konstruierte um. Nun sollte der Riesendreidecker gar das gut6000 Kilometer entfernte New York bombardieren können. Kommerzienrat Heinrich Brüning aber wollte davon nichts wissen, er war Geschäftsmann und kein Waffenhersteller.“So kam es, dass die Firma Mannesmann-MULAG den Riesenvogel übernahm und ihn auf dem Wasserweg nach Köln brachte. Eine englische Militärkommission entdeckte den Prototyp dort 1919 in einer Lagerhalle und brachte einige Teile nach England.Die Geschichte um den Brüning'schen Riesen hat Arndt so fasziniert, dass er in seiner Garage ein Rad des Flugzeugs, dem im Imperial War Museum in Duxford befindlichen Original, aus Holz nachbaute. Er will so die Dimensionen verdeutlichen. Der Nachbau wird ebenfalls im Rathausfoyer ausgestellt.Beeindruckt ist der Konditormeister Arndt vor allem, wenn er die relativ kurze Geschichte des „Riesen“ mit den jahrzehntelangen, milliardenschweren Planungen der deutschen Luftwaffe vergleicht, den Airbus A400M, ein Transportflugzeug, zu realisieren, die kaum vom Fleck kamen.

Auch interessant