Ein Konzert, das im Gedächtnis bleibt: Joram Bejarano Esther Bejarano und Kutlu Yurtseven (von links) rappen im Kulturforum gegen das Vergessen. Foto: Biehl

Hanau

Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano rührt Publikum zu Tränen

Hanau. Über das, was im Konzentrationslager Auschwitz geschah, können nur nochwenige Zeitzeugen berichten. Eine von ihnen ist die deutsch-jüdische Überlebende Esther Bejarano. Am Samstag war sie im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus zu Gast im ausverkauften Kulturforum.

Von Kerstin Biehl

„Als wir ins KZ kamen, wurden unsere Namen abgeschafft. Wir waren nur noch Nummern.“ Bereits die ersten Sätze, die die heute 93-Jährige aus ihrem Buch „Erinnerungen“ vorträgt, gehen unter die Haut. Die Nummer 41 948 wurde ihr in Auschwitz auf den Oberarm tätowiert. Das war am 20. April 1943.

Die kleine zierliche Frau mit wachem Blick hat Auschwitz überlebt. Ihre Geschichte hat sie in einem Buch festgehalten. Auszüge daraus, Auszüge ihrer schrecklichen Erlebnisse, hat sie mit nach Hanau gebracht. Die Musik sei es gewesen, die sie hat überleben lassen. Sie konnte Klavier spielen, hatte Mut und Glück, kam als Akkordeon-Spielerin ins Mädchenorchester. „Niemand wusste ob und wann man selbst ins Gas geschickt wurde“, sagt sie. Ihr Blick ist starr. An die Hand Mengeles erinnere sie sich. Wies diese nach rechts, bedeutete das die Gaskammer. Ein Wink nach links stellte eine Galgenfrist in Aussicht.

„Wir haben alles gegessen.“„Wir mussten Musik machen, als Menschen aus ganz Europa in Auschwitz ankamen, um ins Gas geschickt zu werden.“ Es sind Sätze wie dieser, die vielen im Publikum die Tränen in die Augen treiben. Bejarano spricht von großer psychischer Belastung. Doch auch physisch war es schwer zu überleben. Nässe und Kälte, dazu Suppe die aus heißem Wasser mit Kartoffelschalen bestand. „Es war uns egal. Wir haben alles gegessen.“ Zittern um ihr Leben musste Bejarano oft. Etwa als eine neue, bessere Akkordeon-Spielerin ins Orchester kam und sie ihren Platz verlor. Doch ihr fiel ein, dass sie Blockflöte spielen konnte, so konnte sie ihr Überleben sichern. Dann aber kam der Keuchhusten, machte ein weiteres Flötenspiel unmöglich. Also lernte Bejarano Gitarre. Und überlebte abermals.

Viel zu ihrem Überleben trug auch ihre christliche Großmutter väterlicherseits bei. Durch sie wurden Bejarano ein Viertel arische Wurzeln bestätigt. Sie kam ins Frauenstraflager Ravensbrück, musste fortan keinen Judenstern mehr tragen. Nun galt sie als politische Gefangene. „Im Herzen blieb ich Jüdin, nutzte jedoch die Vorteile des Ariertums aus.“

Bejarano konnte fliehenWährend eines Marschs zum KZ Malchow konnte Bejarano gemeinsam mit einigen Freundinnen fliehen und wurde von Amerikanern gerettet. „Meine Erinnerung an meine Befreiung ist ein brennendes Bild von Hitler auf dem Marktplatz: meine zweite Geburt.“

Bejarano ruft dazu auf, selbst aktiv zu werden. Jeder Mensch bestimme sein eigenes Handeln. Diese Botschaft überbringt sie auf einem Weg, der skurril klingt, bei den Menschen aber ankommt: Gemeinsam mit ihrem Sohn Joram und dem Kölner Hip-Hopper Kutlu Yurtseven von der Rap-Formation Microphone Mafia gibt sie im Anschluss an die Lesung ein Konzert.

Seit neun Jahren auf der Bühne„Bescheuerter Name“, soll Bejarano gesagt haben, als Yurtseven vor einigen Jahren bei ihr anfragte, ob sie sich eine Kooperation mit seiner Hip-Hop-Band vorstellen könne. Bejarano gab den Musikern eine Chance. Mehr als 240 Konzerte spielte die Kombo in den vergangenen drei Jahren, insgesamt stehen die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Menschen, die der Kampf gegen den Faschismus und Rassismus eint, seit neun Jahren auf der Bühne.

Sohn Joram spielt dabei Gitarre, der „eingeenkelte“ Kutlu rapt, Bejarano singt den Refrain. Durch das Kulturforum tönen Widerstands- und Partisanenlieder. Höhepunkt des Abends, gesungen vor einem aufgerollten Banner mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg“, ist das mitreißende Lied „Viva la liberta“. Als Zugabe folgt der Widerstands-Hit „Bella Ciao“.

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