Die Toten des Jahres 2017 - Kohl
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Findet „Einheitskanzler“ Helmut Kohl (Mitte), hier mit seiner Frau Hannelore sowie seinen Weggefährten Dietrich W. Genscher (links) und Richard von Weizsäcker (rechts), noch seinen Weg auf ein Hanauer Straßenschild? Bisher ist es dazu jedenfalls nicht gekommen.

Streit um Straßenname

Auch drei Jahre nach dem Tod: Keine Würdigung für Alt-Kanzler Helmut Kohl in Hanau

  • Christian Dauber
    vonChristian Dauber
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Hanau – Altkanzler Helmut Kohl ist schon drei Jahre tot, doch noch immer ist weder eine Straße noch ein Platz in Hanau nach ihm benannt. Und das, obwohl CDU-Vertreter kurz nach seinem Tod eine Initiative gestartet haben. Was ist geschehen – oder besser, warum ist nichts geschehen?

Vorläufiger Schlusspunkt eines längeren Hin und Hers war kürzlich die Entscheidung des Ortsbeirats Großauheim/Wolfgang. Dort stand die Benennung von Straßen im neu entstehenden Pioneer Park auf der Tagesordnung. Doch das Gremium gab anderen Persönlichkeiten den Vorzug.

Nun macht sich Hanaus Ex-Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU) erneut dafür stark, Kohl ein würdiges Andenken zu schaffen. Und das nicht auf kurzem Dienstweg innerhalb ihrer Partei. Härtel sucht den Weg über die Öffentlichkeit.

Ex-Oberbürgermeisterin Härtel mit offenem Brief an Politik

In einem dreiseitigen offenen Brief an Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sowie an Vertreter der Hanauer CDU skizziert sie, warum es Kohl in ihren Augen verdient hat, in Hanau geehrt zu werden. Auch macht sie keinen Hehl daraus, dass es ihr am Einsatz ihrer Parteifreunde für das Thema fehle.

„Meine große Hoffnung war, dass sich zumindest die Hanauer CDU für eine Ehrung des ‘Wiedervereinigungskanzlers’ starkmachen würde. Bedauerlicherweise erfolgte bisher hier keine Initiative“, schreibt Härtel.

Mehrere Initiativen nach dem Tod von Altkanzler Kohl

Die Ex-OB hatte sich bereits 2017 kurz nach dem Tod Kohls gemeinsam mit dem ehemaligen Stadtverordnetenvorsteher Jürgen Scheuermann für ein Andenken eingesetzt. Die CDU hingegen verweist auf Nachfrage des HANAUER auf seitdem erfolgte Bemühungen.

Nach dem Vorstoß Härtels im Jahr 2017 habe es „mehrere Initiativen“ gegeben, betonen CDU-Fraktionschefin Isabelle Hemsley, Parteichef Joachim Stamm und der Vorsitzender der Großauheimer CDU, Christopher Göbel, in einer gemeinsamen Antwort auf unsere Fragen.

Ortsbeiräte entscheiden in Hanau über Straßennamen

Auch dieCDU im Ortsbeirat Innenstadt habe einen entsprechenden Antrag gestellt. In der Folge sei das Thema im Präsidium gemeinsam mit den Ortsvorstehern diskutiert und im Ergebnis an den Ortsbeirat Großauheim/Wolfgang verwiesen worden.

Die letzte Entscheidung über Straßennamen wird stets in den Ortsbeiräten getroffen. Das regele das Hanauer Stadtrecht, erläutert Magistratspressesprecherin Güzin Langner auf Nachfrage unserer Zeitung.

Möglicher Widerstand der Anwohner: Straßen werden nicht umbenannt

Bei einem Treffen zwischen OB, Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck, den Fraktionsvorsitzenden und Fraktionslosen sowie den Ortsvorstehern ist laut Langner Folgendes vereinbart worden: Es werde keine Umbenennung von Straßen geben, da mit Widerstand von Anwohnern zu rechnen sei, ebenso keine Umbenennung von Brücken oder Gebäuden.

Einigkeit habe darin bestanden, dass „es eine Option wäre, Straßen von ähnlicher Länge wie bei Adenauer und Brandt in einem Neubaugebiet nach Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher zu benennen“.

Straßennahmen auf Pioneer: Ortsbeirat entscheidet sich gegen Kohl

Aufgrund der aktuellen Bebauungs- und Erschließungslage in Wolfgang sei dem Ortsbeirat Großauheim/Wolfgang vorgeschlagen worden, die auf Pioneer neu entstehenden Straßen unter anderem nach Helmut Kohl, aber auch nach Helmut Schmidt und Dietrich W. Genscher zu benennen.

„Der Ortsbeirat hat diesen Vorschlag verworfen und sich anders entschieden“, so die Stadtsprecherin. Wie der Großauheimer und Wolfgänger Ortsvorsteher Reiner Dunkel (SPD) auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt, seien 27 Straßen auf dem ehemaligen Militärareal zu benennen gewesen.

Frauenquote spielt Rolle bei Benennung der Straßen

Bei der Erstellung einer entsprechenden Liste sei der Fokus auf Pioniere und Entdecker gelegt worden, passend zum Viertel, das künftig 5000 Menschen ein Zuhause bieten soll. Die Ortsbeiratsmitglieder hätten jeder für sich ein Ranking erstellt, anschließend seien die Kandidaten mit den meisten Stimmen berücksichtigt worden, so Dunkel.

Eine Rolle habe auch die Frauenquote gespielt, denn es sei Usus, ungefähr gleich viele Frauen- wie Männernamen bei der Benennung von neuen Straßen zu wählen. Es sei schade, dass Kohl, aber auch Schmidt und Genscher nicht zum Zuge gekommen seien, fügt der Ortsvorsteher hinzu.

Straße für Kohl im Bahnhofsgebiet in Hanau?

Er könne sich aber vorstellen, dass sich bei der bevorstehenden Umgestaltung des Bahnhofsgebiets in Hanau neue Chancen dafür auftun. Für Härtel wäre eine kleine Straße, versteckt auf Pioneer, einer „verdienstvollen großen politischen Persönlichkeit“ sowieso unangemessen gewesen.

Es sei „wahrlich gut so“, dass Kohl dort nicht berücksichtigt worden sei, schreibt sie in ihrem Brief. Etwas Größeres, Bedeutsames soll her, etwa der innerstädtische Ring. Zudem sei auffällig, dass viele prominente Straßen und Plätze nach SPD-Vertretern benannt seien.

Hanau: Eher kleine Straßen nach CDU-Politikern benannt

Den Vorschlag, den innerstädtischen Ring umzubenennen, halte OB Kaminsky für „nicht praktikabel“, weil er aus verschiedenen Straßen bestehe, schreibt Langner. Zu viel Aufwand. Aus einer Aufstellung, die sie dem HA zukommen lässt, geht hervor, dass in Hanau auch CDU-Politiker mit Straßennamen gewürdigt wurden.

Dennoch fällt auf, dass dies eher kleinere Straßen sind, im Vergleich zur Willy-Brandt-Straße etwa. Die CDU verweist auf Nachfrage nun darauf, vor dem Hintergrund des 30-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung erneut einen Antrag vorzubereiten. Im Visier haben sie dabei eine Brücke.

CDU-Vorschlag: Brücke nach Alt-Kanzler Helmut Kohl benennen

„Helmut Kohl galt als Brückenbauer. Daher sehen wir alsCDU Hanau weiterhin die Chance, eine unserer Brücken nach ihm zu benennen.“ Der Vorschlag sei damals abgelehnt worden, weil Brücken meist in die Zuständigkeit von Land und Bund fielen. Dies sei jedoch kein Grund, die Idee zu verwerfen.

Zudem umgehe man damit die Problematik für Anwohner, die bei der Umbenennung einer bestehenden Straße entstehe.

Alt-Kanzler Kohl gilt als nicht unumstritten

Viel Hin und Her um Kohl also. Die Zustandsbeschreibung zeigt: Hanau tut sich schwer damit, ihm ein Andenken zu verleihen. In der Antwort aus dem Rathaus auf unsere Fragen findet sich kein Hinweis darauf, dass dort nach der Ablehnung aus dem Ortsbeirat über eine Alternative gegrübelt oder sich aktuell mit dem Thema anderweitig beschäftigt würde.

Auch wenn es niemand offen zugibt, mag es damit zu tun haben, dass Kohl nicht als unumstritten gilt. Für einen Teil der Bevölkerung hat er vor allem mit dem Parteispendenskandal viele Sympathien verspielt.

Auch andere Städte würdigen Kohl nicht

Nicht nur in Hanau ist aus einer Würdigung Kohls nichts geworden. Wie die Zeitung „Welt“ im November 2018 berichtete, war etwa in Osnabrück ein Helmut-Kohl-Platz schon ausgemachte Sache. Doch plötzlich verschwand die Umbenennung von der Agenda des Stadtrats.

Auch in Ludwigshafen, Halle an der Saale oder der Hauptstadt Berlin wurde ein Andenken zunächst diskutiert, scheint aber mittlerweile wieder in weiter Ferne, ging aus dem Bericht der „Welt“ hervor. Man darf gespannt sein, wie es in der Brüder-Grimm-Stadt weitergeht.

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