Gestern ist der Prozess gegen Roman R. (rechts) am Landgericht Hanau fortgesetzt worden. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Angeklagter redet sich um Kopf und Kragen

Hanau. Eigentlich ist die Beweisaufnahme längst geschlossen: Richterin und Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel lässt sie wieder aufleben. Denn endlich redet der 33-jährige Roman R., dem das Gericht vorwirft, Körperverletzung und andere Delikte zu Lasten seiner früheren Geliebten begangen zu haben.

Von Rainer Habermann

Und eigentlich sollte gestern das Plädoyer der Verteidigung gehalten und das Urteil verkündet werden. Doch noch einmal wird es spannend. Auf Antrag der Verteidigung sollen zwei Zeugen aussagen, welche die Aussage bereits beide verweigert hatten: Romans Mutter Monika R. und seine Halbschwester Anastasia. Seine Verteidigerin, Rechtsanwältin Olivia Ulbrich, hatte bereits zu Beginn des eigentlich letzten Verhandlungstages – anstatt wie vorgesehen ihr Plädoyer zu halten – den Wiedereintritt in die Beweisaufnahme gefordert.

Beweis laut Gericht unzulässig

Und war zunächst damit krachend gescheitert, weil die Kammer es partout nicht einsehen wollte, einen angeblichen Brief als Beweismittel zuzulassen, den das Opfer und Nebenklägerin im Verfahren geschrieben habe. Und in dem sie angeblich die Klage habe zurückziehen wollen. Das „Dementi“ rief Verwunderung bei der Nebenklägerin hervor, Kopfschütteln; das Gericht beriet sich und lehnte den angeblichen Beweis als unzulässig ab

Ein zweiter Versuch der Verteidigung: Ulbrich verlas ein Statement des Angeklagten als „Erklärung zum Tatgeschehen“, in dem er sämtliche Vorwürfe bestritt. Der Tenor der Aussage: Eigentlich habe Roman seine Beziehung zum Opfer bereits längst beenden wollen. Er sei gemeinsam mit dem Opfer in der Gegend herumgefahren, um seine Schwester zu suchen. Kernsatz: Der Entschluss, ein Messer mitzunehmen auf die Fahrt, sei vom Opfer selbst gekommen, als „Sicherheit gegen Salvatore“, der im Prozess bereits als Zeuge ausgesagt hatte.

Angeklagter plaudert aus dem Nähkästchen

Dann aber sei „die Sache etwas aus dem Ruder gelaufen“, und er, Roman, habe dem Opfer „ein paar Schläge verpasst“, um sie zu „beruhigen“, da sie „ausgeflippt“ wäre. Wetzel wie auch Mitrichterin Oberländer entgegnen der Verteidigerin, dass das Opfer im Prozess die ganze Angelegenheit völlig anders dargestellt habe. Dann redet der Angeklagte, der bisher beharrlich geschwiegen hatte. Er sprudelt sogar. „Die zwei sind beste Freunde, die geben sich hier nur so“, sagt er von seiner Schwester, die er partout suchen wollte, und dem Opfer, seiner damaligen Freundin. „Ich werd jetzt zu emotional, das ist mein Problem“, meint der Angeklagte hörbar aus einem Wortschwall.

Man könnte dazu auch sagen: „Der Mann redet sich um Kopf und Kragen.“ Denn – wiederum deutlich hörbar – lässt Roman durch: „Ich geb zu, ich habe sie geschlagen, ja. Aber ich hatte meine Gründe dafür. Ich wollte mit ihr eigentlich nichts mehr zu tun haben.“ Und meint sein Opfer, seine Geliebte. Richterin Oberländer stellt rhetorisch fragend fest: „Es ist Ihnen schon klar, Herr R., dass das alles Straftaten sind, die Sie uns hier erzählen?“ Roman sprudelt geradezu über vor Mitteilungsbedürfnis. Ob ihm das am Ende nützt?

Der FallAm 13. Januar 2019 soll der Angeklagte Roman R. seine Lebensgefährtin und frühere Schwägerin als Geisel genommen und erheblich verletzt haben, um dadurch den Aufenthaltsort seiner Schwester zu erfahren. Die Geiselfahrt wird von der Polizei gestoppt, R. verhaftet.20. Mai 2019:Der Prozess beginnt vor der 2. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hanau unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Die Anklage auf Geiselnahme und Körperverletzung wird vertreten von Staatsanwältin Sarah Lehmann.22. Mai 2019: Der Angeklagte verlangt einen neuen Pflichtverteidiger. Rechtsanwalt Dr. Andreas Bensch wechselt die Robe mit Rechtsanwältin Olivia Ulbrich.6. Juni 2019: Das Opfer sowie weitere Zeugen sagen aus. Der Angeklagte schweigt. Die Schwester des Angeklagten, um die es bei der Tat ging, macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.13. Juni 2019: Die Beweisaufnahme wird nach Vernehmung mehrerer Zeugen beendet. Die Staatsanwältin fordert vier Jahre und zehn Monate Haft für den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Freiheitsberaubung. Die Nebenklage schließt sich an, die Verteidigung will erst am folgenden Verhandlungstag plädieren.18. Juni 2019: Die Beweisaufnahme ist wieder eröffnet, der Angeklagte hat im Prozess ausgesagt. Heute sollen zwei Zeuginnen gehört werden, die eigentlich die Aussage schon verweigert hatten. Am gleichen Prozesstag wird mit dem Schlussplädoyer der Verteidigung, dem letzten Wort des Angeklagten, und mit dem Urteil gerechnet.

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