Minderjähriger Flüchtling liefert kryptische Antworten im Prozess um versuchten Mord im Hanauer Landgericht. Archivfoto: Thorsten Becker

Hanau/Bad Orb

Angeklagter liefert kryptische Antworten im Prozess

Hanau/Bad Orb. Diesen Fall aufzuklären, dürfte für die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht ein hartes Stück Arbeit werden: Es geht im Hintergrund um Bürgerkriegselend, Flucht über das Mittelmeer und das Thema unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge.

Von Thorsten Becker

Bereits am ersten Verhandlungstag wird es sehr zäh. Das mag an den ständigen Übersetzungen der Dolmetscherin liegen. Doch vor allem scheint der Angeklagte, ein – angeblich – 19 Jahre alter Somalier, immer wieder neue Versionen zu erzählen.

Dabei geht es zunächst gar nicht um den Tatvorwurf, den Staatsanwalt Mathias Pleuser in der Anklageschrift vortrug: Mascud W. – wenn dieser Name stimmt– soll am 28. August vergangenen Jahres im Umfeld des Blasmusikfestivals in Bad Orb während einer verbalen Auseinandersetzung mit einem abgebrochenen Flaschenhals auf seinen Kontrahenten losgegangen sein.

Werdegang von W

Zwei Stiche, so der Staatsanwalt, hätten den Brustkorb und die rechte Halsseite des Gegners getroffen. „Ein Stich ging knapp an der Halsschlagader vorbei“, so Pleuser, dessen Anklage auf versuchten Mord lautet.

Da der Verteidiger erklärt, dass zum Fall selbst zunächst keine Angaben gemacht werden sollen, konzentriert sich die Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück zunächst auf den Werdegang des jungen Mannes. W. schildert, dass er 2014 aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Solmalia geflohen sei. Schlepperbanden hätten ihn, seine Mutter und Schwester über Äthiopien, Sudan und Libyen nach Italien gebracht.

Unterschiedliche Antworten

Mit leiser Stimme, beinahe flüsternd antwortet er in Richtung Dolmetscherin. Doch die Antworten sind eine ganz andere Version als die, die in den Akten steht. „Sie haben das zuvor ganz anders erzählt. Das sind sehr kryptische Antworten, die wir bekommen“, bemerkt der Vorsitzende und fragt eindringlich: „Was stimmt den nun?“

Der Sohn eines Imam will gelegentlich als Fischer gearbeitet haben. Und bei der Frage nach seinem Geburtsdatum stellt sich heraus, dass die Version, es könnte sich um den Februar 1999 gehandelt haben, die naheliegende ist. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft den vermeintlich 19-Jährigen auch als Heranwachsenden angeklagt.

Vier weitere Termine

Ziemlich sicher ist, dass W. mit gefälschten Papieren in Europa eingereist ist. Darauf ist ein Geburtsdatum aus dem Jahr 2000 vermerkt. Und auch ein anderer Name. „Das ist mein Spitzname, den habe ich dem Schlepper genannt. Das Geburtsdatum hat der selbst erfunden“, gibt W. zu Protokoll.

Für den Prozess hat die Schwurgerichtskammer zunächst vier weitere Verhandlungstermine anberaumt. Fortgesetzt wird die Verhandlung am Donnerstag, 16. Mai, um 9 Uhr im Saal A 215.

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