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An der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Hanau sind Respekt und Toleranz wichtig

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Von: Jutta Degen-Peters

Dass Verschiedensein für alle Beteiligten einen Gewinn und keinen Störfaktor bedeutet, ist die Grundlage der Schulphilosophie.
Dass Verschiedensein für alle Beteiligten einen Gewinn und keinen Störfaktor bedeutet, ist die Grundlage der Schulphilosophie. © Privat

Das Anderssein kennenlernen und niemanden ausschließen: Das lernen Kinder an der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Hanau. Vielfalt gilt hier als Bereicherung.

Hanau – Wenn Daumen und Zeigefinger der einen Hand erst einen Kreis formen und danach beide Hände mit aufgefächerten Fingern eine aufgehende Sonne beschreiben, heißt das „Guten Morgen“. Mit dieser Geste begrüßen sich die Mädchen und Jungen der Sophie-Scholl-Schule. „Wir arbeiten alle mit Gebärden“, sagt Steffen Lautermann vom Leitungsteam, ein sympathischer Mann mit offenem Blick.

Denn die in die Luft gemalten Zeichen verstehe jedes Kind an der inklusiven Schule. Ganz gleich, ob es eine körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigung hat oder nicht, ob seine Wurzeln in einer anderen Kultur liegen – die Gebärden verbinden.

Inklusive Schule in Hanau: Kinder lernen das Anderssein kennen

170 Schüler aus dem Main-Kinzig-Kreis, Friedberg, dem Frankfurter Raum oder aus Alzenau werden derzeit in acht Klassen an der Sophie-Scholl-Schule unterrichtet, einer Ganztagsschule in freier Trägerschaft des Behindertenwerks Main-Kinzig (BWMK). Jedem Klassenteam stehen 1,5 Lehrerstellen zur Verfügung. Hinzu kommen Erzieherstunden und Teilhabe-Assistenten für Kinder mit festgestelltem Förderbedarf. In jeder Klasse sitzen rund 22 Schüler, vier bis sechs von ihnen haben körperliche oder geistige Beeinträchtigungen, andere haben Verhaltensauffälligkeiten. Dass Verschiedensein für alle Beteiligten einen Gewinn und keinen Störfaktor bedeutet, ist die Grundlage der Schulphilosophie. Jede profitiert von jeder, alle lernen von allen. „Da wir Vielfalt als Bereicherung empfinden und dies auch an die Kinder weitergeben, bauen wir Unsicherheiten, Angst und Befangenheit von Beginn an ab“, sagt Lautermann, der die Leitungsfäden gemeinsam mit Marion Kreile-Deysenroth in der Hand hält. Die Kinder gingen ganz selbstverständlich mit dieser Vielfalt um. „Kinder sind frei von Schubladendenken, und wir fördern dies, indem wir die Teilhabe in allen Bereichen ermöglichen. Wir grenzen nicht aus.“

Diese Erfahrung machen auch die Eltern, die sich ganz bewusst für die inklusive Schule entschieden haben. „Wir haben diese Entscheidung noch kein einziges Mal bereut“, sagt eine Mutter, deren Tochter die zweite Klasse besucht. Der Sohn, der aufs Gymnasium gewechselt ist, hatte eine Klassenkameradin, die im Rollstuhl sitzt, die Tochter erzählt von einem Mädchen, das seine Gefühle schlecht kontrollieren kann. Die Kinder lernten, dass es Menschen gibt, die anders seien, sagt die Mutter. Menschen, die Hilfe bräuchten, mit denen man anders umgehe, aber die dennoch dazu gehören. Das Anderssein, so haben es ihr Sohn und ihre Tochter immer wieder berichtet, werde auch mit den Kindern in der Klasse besprochen.

Schulleitung an inklusiver Schule in Hanau: Kinder sind frei von Schubladen-Denken

„Eigentlich haben die Kinder einen Blick dafür und achten drauf, was andere können und dürfen“, sagt Steffen Lautermann, der sechs bis acht Stunden pro Woche Sportunterricht gibt. „Die Mehrheit hilft ganz selbstverständlich.“ Doch bisweilen müsse man die Kinder auch bremsen und ihnen vermitteln, dass es für jeden Menschen wichtig sei, Dinge eigenständig und ohne Unterstützung zu können. Dass Respekt und Toleranz auch getragen werden vom stetigen Abwägen zwischen Hilfsbereitschaft und Offenheit einerseits und Zurückhaltung und dem Wahren von Grenzen andererseits, gehört zu den Themen, die in regelmäßigen Schülerkonferenzen besprochen werden. Sie haben aber auch in Fächern wie Sachkunde, Ethik, Sport oder Kunst ihren festen Platz. „Wir haben ein Beschwerdemanagement installiert, bei dem auch einzelne Schüler ihre Anliegen, Probleme oder Fragen genau zu diesen Themen mit den Vertrauenslehrern besprechen können“, so Lautermann weiter.

Trotz allem ist auch die Sophie-Scholl-Schule keine Insel der Glückseligen. Auch hier kommt es zu Konflikten. Denn nicht jedes Kind kommt immer damit klar, sich zurückzunehmen. Solche Probleme sind nach den Worten Lautermanns in der Regel mit den Kindern gut aufzuarbeiten.

Eltern werden im Konzept der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Hanau eingebunden

Komme es doch mal zu gravierenderen Schwierigkeiten, werden die Eltern einbezogen, die stark ins Konzept der Schule eingebunden werden. Mit ihnen findet ein regelmäßiger Austausch statt. „Wir bieten den Elternhäusern auch Beratung an in Fragen des Umgangs und der Strategien bei der Wertevermittlung“, sagt der Pädagoge.

Falle auf, dass ein vorhandenes Wertesystem nicht mit dem der Schule zusammenpasse, werde gemeinsam mit Eltern und Kindern daran gearbeitet. Sollte auch das nicht fruchten, habe es schon Situationen gegeben, in denen sich die Wege trennen mussten. „Bei uns hat jeder gleiche Werte und Pflichten. Sagt ein Junge: ,Auf eine Frau muss ich nicht hören’, müssen wir ganz klar unsere Grenzen aufzeigen“, wird der Pädagoge deutlich. Doch so etwas passiere sehr selten.

Gefragt, ob die Gesellschaft in den letzten Jahren gelernt hat, Menschen mit Handicap mit mehr Offenheit und Toleranz zu begegnen, wird Lautermann nachdenklich. „Die Parallelgesellschaft ‘Behinderte’ – das ist nicht despektierlich gemeint – findet mehr Raum und Teilhabe im Alltag“, ist er überzeugt. Menschen mit Handicap seien präsenter, auch medial, als vor 20 Jahren. Trotzdem seien noch dicke Bretter zu bohren. „Inklusion ist ein Bestandteil unserer Lebenswelt. Da macht es keinen Sinn, darüber zu diskutieren, ob man das will oder nicht. Die Gesellschaft müsste lernen, diese Dinge einfach anzugehen!“ (Jutta Degen-Peters)

Wie bunt ist Hanau? Alle bisherigen Teile unserer Serie sind nachzulesen unter hanauer.de.

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