Auch mit 71 Jahren nach wie vor ein Flötenschmeichler: Ian Anderson, Bandleader von Jethro Tull, hier mit den Gitarristen Florian Ophale (rechts) und David Goodier (Bass). Foto: Jutta Degen-Peters

Hanau

Ian Anderson begeistert Fans mit Jethro-Tull-Klassikern

Hanau. Ian Anderson, Bandleader von Jethro Tull, gönnte sich beim Konzert im Hanauer Amphitheater kaum Pausen und begeisterte die Fans mit Flötenzauber und großen Hits. Doch es gab auch Wermutstropfen an diesem Konzertsommer-Abend.

Von Jutta Degen-Peters

Flötet er noch auf einem Bein oder nicht? Wahre Fans – und von ihnen gibt es viele am Samstagabend im ausverkauften Amphitheater von Schloss Philippsruhe – werden diese profane Frage mit Stirnrunzeln quittieren. Denn ganz klar: Ian Anderson, der Mann, der die Querflöte als tragendes Element in die Rockmusik einführte und die Rockband Jethro Tull gründete, tänzelt und springt auch mit seinen 71 Jahren noch immer energiegeladen über die Bühne. Und er bleibt ein Flöten(ver)zauberer, der – unterstützt von seiner Band – mit Blues und Rock mit Einflüssen von Folk und Jazz das Publikum mehrfach zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Allerdings sind nicht nur die Jahre, sondern auch selbst gestellte musikalische Herausforderungen nicht spurlos am Meister vorbeigegangen, der sich wie meist im schwarz-weißen Outfit mit getönter Brille und schwarzem Kopftuch präsentiert. Seine Stimme hat im Laufe der Jahrzehnte stark gelitten, was Anderson nicht verhehlen kann. Nicht nur zu Beginn bei Titeln wie „Beggar's Farm“, sondern das ganze Konzert hindurch bis zum Schluss, dem Finale Furioso mit dem atemnehmenden Song „Locomotive Breath“, ringt er sich die Töne regelrecht ab, presst sie heraus und unterstreicht (ob gewollt oder nicht) seine Anstrengungen noch dadurch, dass er für die höheren Tonlagen auf die Zehenspitzen geht.

Musikalische Zeitreise

Doch Alter hin, Stimmprobleme her. Wer Jethro Tull hören will, deren Gründung, wie Anderson gleich zu Beginn erinnert, ja über 50 Jahre zurückliegt, will sich nicht bei solchen Feinheiten aufhalten. Er und sie sind gekommen, um der bekannten Titel Willen und um sich wohlzufühlen auf der musikalischen Zeitreise, die 1968 im „Marquee Club“ begann. Dass Anderson mit seiner angenehmen Erzählstimme in feinstem Englisch von dieser Vergangenheit erzählt, macht einen großen Reiz seiner Auftritte auf.

Begleitet wird Anderson, der selbst auch Gitarre und Mandoline spielt, von John O'Hara an den Keyboards, David Goodier am Bass, Scott Hammond am Schlagzeug und dem Lead-Gitarristen Florian Opahle.

Anderson der Flötenzauberer

Lange müssen die knapp 3000 Besucher im Amphitheater nicht warten, bis ihre Hymne erklingt: „Bourrée“. „This is not mine“, erklärt Anderson mit einem augenzwinkernden Hinweis auf die Urheberschaft des Stücks. Die Band, die im Zwei-Halbe-Takt mit Cembaloklängen einsteigt, malt musikalisch das Bild des barocken Hoftanzes, der im 17. Jahrhundert in Frankreich in Mode kam, als Motiv von Bach für seine Cembalo-Suiten entdeckt und später von Anderson bearbeitet wurde. Diese Entwicklung vom Barock zum Rock vollzieht die Band im Zeitraffer nach – und erntet begeisterten Applaus, nicht erst dann, als Anderson in Storchenhaltung mit der Flöte den letzten Ton spielt.

Und überhaupt: die Flöte. Dass sich der 71-jährige Schotte das Querflötenspiel als Autodidakt so virtuos einverleibt hat, dass er nach wie vor komplizierteste Läufe und Grifffolgen mit ungewöhnlichsten Lautkombinationen verbindet, lässt den Laien staunen. Der Klang von Andersons Flöte schmeichelt und perlt wie ein Wasserfall. Er kann wehklagen, ruppig sein und antreiben. Legendär sind Andersons zweigleisige Passagen, bei denen er Flötenton und Gesang parallel erklingen lässt wie in „Locomotive Breath“.

Der Meister gönnt sich kaum Pausen

Kaum zu glauben, dass sich Anderson kaum Pausen gönnt und seit Jahren um den Globus tourt. Davon zeugen die T-Shirts, mit denen viele Fans zum Konzert erschienen sind. Die besonders treuen Anhänger, wie der 67-jährige Jo aus der Wetterau, haben Anderson schon 1969 in Ludwigshafen gesehen und seitdem über 20 Auftritte begleitet. Auch der in Hanau lebende Vogelsberger Hans-Jürgen Schmidt hat Jethro Tull erstmals 1972 in der Frankfurter Festhalle erlebt. Sie alle wird freuen, dass der Rockstar in einem Interview erklärte, er werde so lange weiter auftreten, bis man ihn von der Bühne trage. Dem Flötenzauberer wird nachgesagt, dass er sich nie schone, sogar im Rollstuhl soll er schon Auftritte absolviert haben.

Auch an diesem Abend schont er sich nicht. Allerdings läutet er um 21 Uhr mit „Aqualung“ nicht etwa die Pause ein, wie naive Konzertbesucher vermuten. Als nach einem erstklassigen Gitarrensolo von Florian Ophale und dem Song um einen von der Gesellschaft abgehängten Penner auf der Parkbank die Bühne dunkel wird, da klatscht und ruft die Menge – so lange, bis die Musiker wieder erscheinen und der große Meister auch.

Knappe Zugabe

Vor lila und gelben Lichtstreifen, die über den schwarzen Hintergrund wandern, liefert Anderson noch „Locomotive Breath“ als Zugabe und verschwindet kommentarlos. Kein Wunder, denn wenn er so weiter über die Bühne tanzen und springen und dabei so virtuos flöten will, muss er wenigstens bei seinen Auftritten mit seinen Kräften haushalten. Wie heißt es in „Aqualung“: „The train it won't stop going, no way to slow down“ (Der Zug fährt immer weiter, keine Chance, dass er langsamer wird).

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