Aloys Lenz. Foto: Kleinerüschkamp

Hanau

Aloys Lenz wird 75: "Man muss sich verkaufen können"

Hanau. Rund 30 Jahre saß Aloys Lenz für die CDU im hessischen Landtag. Heute feiert der gebürtige Großauheimer seinen 75. Geburtstag.

Von Holger Weber und Yvonne Backhaus-Arnold

In Wiesbaden hat er sich während seiner aktiven Zeit als Politiker maßgeblich dafür eingesetzt, dass Hanau sich heute Brüder-Grimm-Stadt nennen darf und dass Erlensee vor einigen Jahren den Status einer Stadt bekam.

Ins politische Tagesgeschäft seiner Partei mischt sich der ehemalige CDU-Kreisvorsitzende kaum noch ein. Nur dann, wenn ihn etwas ärgert, wie er im Interview mit dieser Zeitung sagt. Lenz gewann in seiner Laufbahn siebenmal ein Direktmandat in seinem Wahlkreis, dem zuletzt die Kommunen Hanau, Maintal, Erlensee und Großkrotzenburg angehören. Bei der vergangenen Landtagswahl 2013 hatte Lenz bereits den Weg für seinen Nachfolger Heiko Kasseckert freigemacht.

Beim Vorbereitungsgespräch auf dieses Interview hat jemand aus der Redaktion Sie als einen streitbaren Geist bezeichnet. Sehen Sie das als Herabwürdigung oder Kompliment?

„Das empfinde ich als Kompliment. Wie Sie wissen, bin ich vor meiner politischen Laufbahn Lehrer gewesen. Da war das Ziel, die Jugendlichen zu kritischen, eigenständigen Persönlichkeiten zu erziehen. Da steckt das Wort kritisch drin, das heißt, sie müssen hinterfragen. Und das habe ich mir bisweilen erlaubt. Manchmal vielleicht ein wenig stark, da waren viele Leute beleidigt. Nachvollziehbar, wenn man angegriffen wird. Aber ich glaube, wichtig ist – auch in der Partei – den Dialog zu führen, anstatt die Probleme unter den Teppich zu kehren. Manchmal wölbt sich so ein Teppich, dass man Gefahr läuft, darüber zu stolpern, weil so vieles darunter ist. Ich habe es zweimal erlebt, im Übrigen auch hier beim HANAUER ANZEIGER, dass meine Kritik auf Ungnade gefallen ist, als ich den sakrosankten Bundestagsabgeordneten und späteren Generalsekretär Peter Tauber kritisiert habe – öffentlich, nachdem die parteiinterne Kritik nicht gegriffen hatte.“

Sie erwarten keine Geburtstagskarte von Tauber?

„Das weiß ich nicht (lacht). Ich bin aber auch nicht scharf drauf. Aber ich habe da noch so ein Beispiel zum Thema Kritikfähigkeit. Ich hatte Tauber einmal in einem Leserbrief kritisiert, dass die CDU im Kreisausschuss einen Sitz verloren hatte, weil Tauber und zwei weitere nicht bei der Sitzung anwesend waren. Ich habe nur gesagt, dass ich es unmöglich finde, dass ein Kreisvorsitzender seiner Partei Schaden zufügt. Überhaupt finde ich, dass ein Generalsekretär nicht gleichzeitig im Kreistag sitzen sollte. So war meine Kritik, und dann kam auch gleich die Erwiderung. Nicht von Tauber selbst. Der lässt lieber antworten. Es gab einen Leserbrief von einem Dieter Hog, der sich mit dem Inhalt überhaupt nicht auseinandergesetzt hatte, sondern mich persönlich angriff und mir eine Blutgrätsche vorwarf, mit der ich Tauber habe vernichten wollen.“

Ein Kollege in unserem besagten Vorgespräch sagte: Der Lenz ist ein eitler Pfau. Trifft das zu?

„Jeder Politiker ist irgendwo eitel. Wie ein Geschäftsmann seine Ware, muss ein Politiker seine Position verkaufen. Sie müssen sich ja ein Image aufbauen. Wenn die Eitelkeit allerdings dem Teamwork zuwider läuft, dann wird es schlimm. Eitelkeit steckt sicher in jedem. Wenn jemand meint, die sei bei mir besonders ausgeprägt, dann ist das seine Meinung, die kann ich nicht ändern.“

Der letzte Satz Ihrer Rede, die Sie zum Abschied als Landtagsabgeordneter vor der Partei gehalten haben, lautete: Ich gehe freiwillig wie der Papst, bleibe aber mitten unter euch. Daher die Frage: Wie viel Einfluss hat denn Aloys Lenz noch auf die CDU im Kreis?

„Ich habe keinen Einfluss mehr. Aber es könnte sein, dass ich mich noch mal melde, wenn ich mich ärgere, wenn mal wieder etwas hochkocht.“

Frau Leikert hat jetzt die ersten 100 Tage im Amt als Kreisvorsitzende der CDU hinter sich gebracht. Wie bewerten Sie ihre Arbeit?

„Die Überschrift zu dem Artikel über ihre 100-Tage-Bilanz haben zwar Sie gemacht: 'Mehr Rathaussessel erobern.' Ich sage aber: Es geht nicht um CDU-Bürgermeister. Es geht um gute Bürgermeister. Es geht um Leute, die ausgebildet sind. Politik ist ja der einzige Beruf, in dem man keine Ausbildung braucht. Da kann jeder mitmachen. Ich finde, als Politiker sollten Sie erst einmal einen ordentlichen Beruf erlernt haben. Sie müssen mittendrin stehen im Leben und sich nicht nur in diesem Parteibetrieb bewegen. Mittlerweile ist es ja so: vom Kreißsaal über den Hörsaal in den Plenarsaal. Natürlich muss eine Partei anstreben, Positionen zu besetzen, aber sie muss gute Leute dorthin setzen. In Erlensee gibt es einen SPD-Bürgermeister (Stefan Erb; Anmerkung der Redaktion). Der bringt seine Stadt nachweislich voran. Der arbeitet gut mit der CDU zusammen, und der ist erfolgreich. Und dann habe ich CDU-Bürgermeister hautnah erlebt, die gehen morgens ins Amt und nachmittags vielleicht noch zu ein paar Jubiläen. Denen fehlt aber eine Vision, eine Idee, wie man eine Gemeinde voranbringt. Der Punkt ist aber: Wir sind nicht für die Partei, sondern für die Bevölkerung da. Das Ideale sind CDU-Bürgermeister, die gut sind. Wir brauchen gute Kandidaten und keine Springer, die mal als Bürgermeister, mal als Beigeordneter und mal als Landtagsabgeordneter kandidieren. Das vermittelt so den Eindruck, als ob man nur an die Töpfe ran will. Wir brauchen keine Parteifunktionäre, sondern Leute, die sich um die Probleme vor Ort kümmern.“

Das hört sich so an, als ob Sie gegen die Kandidatur von Max Schad für den Landtag gestimmt haben.

„Auf mich hört ja niemand (lacht). Es gibt gewisse Anforderungen an politische Amtsträger: dass sie Ideen, eine klare Vorstellung davon haben, wie man etwas gestalten kann und dass sie von der Bevölkerung angenommen werden. Wir haben CDU-Kandidaten gehabt, die haben noch nicht einmal 20 Prozent Zustimmung von der Bevölkerung erhalten. Das kann doch nicht das Ziel sein.“

Bei der Delegiertenversammlung der CDU in Langenselbold haben Sie sich skeptisch hinsichtlich der Nominierung von Katja Leikert zur Kreisvorsitzenden gezeigt.

„Ich war der einzige. Ja.“

Warum?

„Ich hatte eine einzige Kritik, weil Sie vorher in einem Interview mit Ihrer Zeitung gesagt hatte, dass sie am Samstag und am Sonntag auf keine Veranstaltung ginge, weil ihr die Familie da wichtiger sei. Da habe ich sie gefragt, wie sie das Amt als Teilzeitvorsitzende dann wahrnehmen möchte. Mittlerweile habe ich sie auf einigen Veranstaltungen gesehen, auch samstags und sonntags. Da hat sie ihre Vorstellungen anscheinend ein bisschen geändert.“

Vor dem Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters in Hanau gab es eine Versöhnung mit Margret Härtel, die medial inszeniert wurde. Haben Sie sich seitdem eigentlich noch einmal mit Frau Härtel getroffen?

„Getroffen habe ich sie nicht, begegnet bin ich ihr ein paar Mal. Wir haben uns ‚Guten Tag’ gesagt.“

Wie würden Sie ihr Verhältnis heute beschreiben?

„Normal, sie hat auf diese Versöhnung damals gedrängt. Warum sollte ich mich dagegen wenden? Ich meine, sie ist ja noch im Hintergrund tätig und kann es auch nicht lassen. Das verstehe ich sehr gut. Der Ruhestand fällt mir auch schwer. Sehen Sie, ich war 30 Jahre in diesem Job. Da musste ich auch mächtig an mir arbeiten und mir eingestehen, dass ich jetzt nicht mehr auf der Spielfläche bin und mein Kommentar nicht mehr begehrt ist.“

Warum haben Sie eigentlich den Stadtverband der CDU Großkrotzenburg verlassen und sich dem in Erlensee angeschlossen?

„Es gab Probleme. Die CDU hatte die Wahl krachend verloren, das Amt des Bürgermeisters nach zwölf Jahren ebenso. Da habe ich darum gebeten, dass man im Vorstand über dieses Problem redet. Da man meiner Bitte nicht entsprochen hat, bin ich nach Erlensee gegangen, weil ich wusste, dass man da was machen kann.“

Teilen Sie die Meinung, dass man die AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen müsste?

„Ich weiß ja nicht wie der Verfassungsschutz arbeitet. Aber Leute wie diesen Höcke sollte man beobachten. Und wenn der Gauland sagt, der Nationalsozialismus war ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte, dann ist das so entlarvend. Das ist so schlimm.“

Die AfD gibt es auch im Kreis. Welchen Umgang empfehlen Sie Ihren Parteifreunden mit dieser Partei?

„Die dauernden gegenseitigen Beschimpfungen führen uns nicht weiter, dieses ständige Rechts gegen Links, Links gegen Rechts. Die Bürger müssen aufstehen, die müssen sagen: Das wollen wir nicht.“

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