Verabschiedung des „verdienten Schulmannes“ Meißner, ein Zeitungsbericht vom 19. August 1966: Die Ausgaben des HANAUERS dokumentieren die Geschichte der Stadt sehr detailliert.
+
Verabschiedung des „verdienten Schulmannes“ Meißner, ein Zeitungsbericht vom 19. August 1966: Die Ausgaben des HANAUERS dokumentieren die Geschichte der Stadt sehr detailliert.

Teil 5

Ahnenforschung für Anfänger: Ein Besuch im Hanauer Stadtarchiv

  • Christine Semmler
    vonChristine Semmler
    schließen

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wer sind unsere Vorfahren? Unsere Redakteurin will mehr über die Geschichte ihrer Familie herausfinden und begibt sich auf eine spannende und erkenntnisreiche Spurensuche.

Hanau – Monika Rademacher ist die Herrin des Hanauer Stadtarchivs. Unter ihrer Regie lagern all die Schätze, die Geschichtsinteressierte und Familienforscher glücklich machen. Als ich zum ersten Mal das Archiv betrete, kommt mir gleich eine strahlende Besucherin entgegen, mit einem vergilbten Plan in der Hand.

Offenbar hat sie die Bauunterlagen ihres Hauses hier gefunden. Ein älteres Pärchen brütet flüsternd über einem Buch. Alle tragen Maske: Im Moment dürfen im Archiv wegen Corona nur eingeschränkt Besuche stattfinden.

Dokumente fein säuberlich auf Karteikarten geordnet

Nachdem ich Rademacher die Namen meiner Hanauer Familie, Meißner und Rumpf genannt habe, verschwindet sie kurz im Büro und kommt kurz darauf mit einem kleinen Stapel Karteikärtchen wieder: „Das“, sagt sie lächelnd, „habe ich jetzt auf die Schnelle gefunden.“ Jeder Karte sind Dokumente zugeordnet, die irgendwo im Archiv schlummern. Für den nächsten Termin will die Archivarin sie heraussuchen.

Verabschiedung des „verdienten Schulmannes“ Meißner, ein Zeitungsbericht vom 19. August 1966: Die Ausgaben des HANAUERS dokumentieren die Geschichte der Stadt sehr detailliert.

Ich erfahre aber schon jetzt, dass mein Ururgroßvater Franz Meißner städtischer Bademeister in der Badeanstalt am Steinheimer Tor war. Als es noch keine Badezimmer in den Häusern gab, existierten in Hanau zahlreiche dieser Anstalten, in denen sich die Hanauer gegen Gebühr in der warmen Wanne waschen konnten. Auch zu meinem Urgroßonkel Heinrich Meißner hat sie ein Kärtchen gefunden. Ich hatte ihn mir ja immer als Künstler vorgestellt, wegen seiner Zeichnung des alten Hanau, die bei mir im Flur hängt.

Ahnenforschung kann auch ernüchternd sein

Aber die Realität ist ernüchternd. „Er war Lehrer. Und Ortsgruppenleiter der NSDAP in Wilhelmsbad“, erklärt mir Rademacher mit Blick auf das Papier und ich muss erst mal schlucken. Bei meinem zweiten Besuch im Archiv, eine Woche später, hat Rademacher alles, was sie zu meinen Anfragen gefunden hat, auf einen Tisch gestapelt. Personalakten, Zeitungsausschnitte, Baupläne, Sitzungsprotokolle. Der Stapel bleibt auch für die nächsten Besuche am Platz liegen.

Als ich Heinrich Meißners Personalakte von 1930 bis 1945 durchforste, nehme ich Einblick in die erschreckende Welt der Nazizeit: Da wird um Posten geschachert, intrigiert, angeschwärzt. Und das obligatorische „Heil Hitler“ steht unter jedem Schreiben. Klar, weiß ich das alles aus den Medien – aber jetzt wird mir erst bewusst, dass auch meine eigene Familie Teil dieses Systems war.

Familienforschung im Selbstversuch

Wer waren eigentlich meine Vorfahren? Das fragen sich viele Menschen und würden gerne mehr wissen. Aber oft scheitert es daran, dass man nicht so recht weiß, wie man es angehen soll. Eine HA-Redakteurin hat den Versuch gemacht – und ist ihren Ahnen auch schon vor dem ersten Archivbesuch ziemlich schnell auf die Spur gekommen. In den kommenden Wochen, immer montags, erzählt sie, wie sie vorgegangen ist und was sie über ihre Familie erfahren hat.

Teil 1: Einen Stammbaum erstellen

Teil 2: Der Spaß am Ordnen alter Fotos

Teil 3: Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden im Internet finden

Teil 4: Die Vielfalt der Familienforscher-Webseiten

Teil 5: Ein Besuch im Hanauer Stadtarchiv

Teil 6: Sehr speziell aber nützlich: Ortsfamilienbücher

Dokumente für Bauauftrag aus 1888

Doch es gibt auch erquickliche Momente: Zum Beispiel als ich ehrfürchtig einen 130 Jahre alten Bauauftrag entfalte. 1888 bekam die Neustädter Bäckerei meiner Vorfahren, die 1945 durch eine Bombe zerstört wurde, einen neuen Backofenschornstein. Und ein hochmodernes Wasserklosett mit Leitung zur Abortgrube auf dem Hof. Das war damals echter Fortschritt. Glücklicherweise ist es erlaubt, alle Dokumente abzufotografieren.

Familienforscher bekommen im Hanauer Stadtarchiv eine sehr intensive Betreuung. „Das ist unser Job“, sagt Monika Rademacher. Sie sucht auf Wunsch Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden heraus, durchforstet das Magazin nach brauchbaren Quellen oder gibt Hilfestellung beim Durchsehen der Kirchenbücher, die alle auf Mikrofiches archiviert sind – einem scheinbar veralteten und umständlich zu händelnden Medium, das aber die Zeit verlässlich überdauert. Digitalisierte Daten dagegen sind kurzlebig und für eine Langzeitarchivierung gar nicht ideal.

Archive verfügen über einzigartige Originaldokumente

Fazit: Der Familienforscher kommt am Besuch der Stadt- und Gemeindearchive nicht vorbei. Erstens begegnet er dort Menschen, die sich richtig gut auskennen. Und zweitens erfüllen erst die zahlreichen Originaldokumente, die man teilweise nirgends sonst einsehen kann, das blanke Datengerüst mit Leben. Es lohnt sich garantiert, auch die Archive in den weiter entfernten Herkunftsorten der Vorfahren nach und nach einmal zu besuchen.

Stadtarchiv Hanau

Das Stadtarchiv im Kulturforum am Freiheitsplatz bewahrt stadtgeschichtlich relevante Unterlagen auf, die bis ins 15. Jahrhundert zurück reichen. Dazu gehören Urkunden, Amtsbücher, Akten, Zeitungen, Karten, Pläne, Postkarten, aber auch Nachlässe von Privatpersonen, Firmen- und Vereinsunterlagen. Das Stadtarchiv ist Montag bis Freitag 10 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Wegen der aktuellen Hygieneregeln ist ein Besuch nur nach Terminvereinbarung unter Telefon 06181 9825251 möglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema