Gleich zwei Haftbefehle sind gegen den jungen Mann in der Welt, gegen den am Jugendschöffengericht verhandelt wird. (Symbolfoto)

Hanau

Ahmed und die Zuwanderungspolitik

Hanau. Die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Familie aus dem Libanon kam, wieder ging und wieder kam.

Von Dieter A. Graber

Hanau. Die als Zeugin geladene Ex des Angeklagten schrieb ans Gericht, sie sei schwanger, könne daher nicht zur Verhandlung erscheinen und wolle im Übrigen ohnehin nichts sagen. Seine Kumpels hatten bereits bei der Polizei jegliche Angaben verweigert. Die Sprechrollen sind spärlich gesät in diesem Stück. Auch Ahmed hat sich eine stoische Mimik ins Gesicht gekleistert und beschränkt sich auf das Notwendigste: „Ja, so war's“, sagt er oder: „Daran erinnere ich mich nicht.“ Ahmed ist der Angeklagte.

Eigentlich eine sympathische Erscheinung. Dunkle Augen in einem weichen Gesicht, das Haar himmelwärts gegelt und pechschwarz wie der Vollbart, was ihn älter aussehen lässt, reifer, irgendwie abgeklärt. Ahmed ist 21, Libanese mit deutschem Pass, und da fragt man sich doch, wie er den gekriegt hat.

Saal 19, Jugendschöffengericht.Sie bringen ihn in Handschellen rein. Zwei Haftbefehle sind gegen ihn in der Welt. Einer, weil er zum Jugendarrest nicht erschienen war, 14 Tage wegen Körperverletzung und Drogenhandel, der andere wegen einer Reihe weiterer Straftaten, die heute verhandelt werden sollen.

Er hat einen Taxifahrer mit Pfefferspray angegriffen, eine junge Frau um ihr Handy betrogen und sie mit einem Totschläger bedroht, damit sie keine Anzeige erstatte, einen florierenden Marihuanahandel betrieben, war ohne Führerschein unterwegs gewesen mit dem Auto seiner Eltern . . . Eine unendliche Geschichte ist das, die mit einer, zwei Anklagen begann und unversehens zu einem Fortsetzungsroman mutierte, der heute in diesem altehrwürdigen Amtsgerichtssaal zur Sprache kommen soll.

Kommen und GehenAhmed hält unsere Gesetze bestenfalls für unverbindliche Empfehlungen und Nachsicht für Schwäche. Ahmed ist das personifizierte Elend deutscher Zuwanderungspolitik.

Er kam in Leer zur Welt, einer Kleinstadt in Ostfriesland. Die Eltern waren kurz zuvor aus dem Libanon dorthin geflüchtet. Seit der Torfabbau in der niedersächsischen Küstenregion zum Erliegen kam, gibt‘s keine Jobs mehr für Ungelernte. Die Familie übersiedelt nach Berlin. Auch da ist nichts zu verdienen. Rückkehr mit Ahmed in die alte Heimat. Der Junge war damals in der sechsten Klasse. Mehr Schule hat er nicht. 2014 tauchen dann alle wieder in Deutschland auf. Ja, es ist ein Kommen und Gehen in dieser Republik.

ParallelweltDer inzwischen 18-Jährige bestreitet fürderhin seinen Lebensunterhalt mit dem An- und Verkauf von Krautprodukten der Hanfpflanze. Er macht erste Bekanntschaft mit den Strafverfolgungsbehörden. Körperverletzung zum Beispiel, was mit einer Ermahnung „geahndet“ wird. Oder Fahren ohne Fahrerlaubnis – 30 Sozialstunden, die er bis heute nicht abgeleistet hat. Jugendrichter Filbert ist es nicht gelungen, ein aktuelles Strafregister des Angeklagten aufzutreiben; so schnell lässt sich das nämlich gar nicht auf den neuesten Stand bringen.

Die Mutter spreche gut Deutsch, sagt Verteidiger Clemens Bergmann, der Vater hingegen schlecht, ist in der von muslimischen Werten geprägten, religiösen Familie aber nun mal das Oberhaupt. Wenn Ahmed über ihn spricht, glimmt so etwas wie Respekt in ihm auf. Der Vater nimmt den Sohn mit auf Schrottplätze, wo sie Autowracks ausweiden. Ein alter und ein junger Mann, die in einer Parallelwelt leben mit eigener Kultur, eigenen Werten, fernab der bundesrepublikanischen Wirklichkeit.

ZeugenaussageAbdul A. ist 60, Taxifahrer, das Haar grau, das Gesicht zerfurcht wie eine Google-Earth-Aufnahme vom Grand Canyon. Fast sein halbes Leben hat der Mann aus Syrien in Deutschland verbracht. Immer gearbeitet. Hier leben zu dürfen begriff er als Chance, als Pflicht zur Integration.

Herr A. sagt nun als Zeuge aus. „Er stieg am Marktplatz ein“, erinnert er sich mit einer Kopfbewegung zum Angeklagten hin, „wollte in die Eisenbahnstraße. Der Fahrpreis machte 16,40. Stattdessen zog er ein Pfefferspray aus der Tasche und sprühte mir ins Gesicht und ins Ohr. Dann sprang er aus dem Wagen.“ Er wurde in der Nähe des Tatorts festgenommen. Schulterzuckend maulte er: „Wenn ich doch kein Geld hab' . . .“ Mit Blick auf die steigende Flüchtlingskriminalität sagt Abdul A. nachdenklich: „Ich war immer stolz auf meine syrische Herkunft. Heute schäme ich mich ein bisschen.“

Zerrissenheit eines jungen MenschenAhmed schämt sich nicht. Er führt seine Delinquenz auf Alkohol und Drogen und seine Freunde zurück. Die heißen Mustafa, Orhan, Hassan. Er würde gern Mechatroniker werden. Er müsste erst mal einen Schulabschluss machen. Davon ist er so weit entfernt wie der 1. FC Köln von der Championsleague.

Verteidiger Bergmann hält ein bemerkenswertes Plädoyer. Es kommt gänzlich ohne juristische Manöver aus. Keine Ausreden, keine Entschuldigungen. „Geben Sie ihm eine letzte Chance. Er möchte endlich ein gutes, anständiges Leben führen“, bittet er das Gericht. Dann erzählt er von seinen Gesprächen mit dem Mandanten, mit dessen Familie, er berichtet von der Zerrissenheit eines jungen Menschen durch das Hin und Her zwischen Heimat und Fremde.

Keiner fühlte sich zuständigDa wird sukzessive klar, dass dieser Angeklagte vielleicht nur ein armes Schwein ist, ein Opfer derer, die vor lauter „Refugees welcome“-Trunkenheit, Grenzöffnungsenthusiasmus und Mulitikulti-Gedöns beharrlich die Tatsachen negieren, nämlich: Zigtausende von Ahmeds, die sich in unser Land aufgemacht haben, sind verloren, ohne Chance, ohne Zukunft, eine immerwährende teure Belastung für diese Gesellschaft.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für das Chaos in der Flüchtlingsfrage, so liefern ihn nun die Jugendämter von Kreis und Stadt. Keiner fühlte sich zuständig. Das Hanauer Stadtjugendamt schickte die Akten an den Main-Kinzig-Kreis; schließlich sei Ahmed zuletzt in Neuberg gemeldet gewesen. Das Landratsamt sah sich aber auch nicht in der Pflicht, da die Taten zu einem Zeitpunkt begangen worden seien, als Ahmed noch in Hanau wohnte. Und so kommt es, dass heute kein Vertreter der Jugendgerichtshilfe anwesend ist. Richter Filbert zuckt die Schultern. Was soll man da sagen?

Neue Anklage bereits auf dem TischStaatsanwältin Höra fordert 20 Monate, und zwar ohne Bewährung. Ihr Plädoyer ist knapp und prägnant: Die Vielzahl der Delikte, keine positive Sozialprognose – nichts zu machen.

Und so kommt es auch. Was noch nachzutragen wäre: Die schwangere Ex ist damit gerade noch mal um 200 Euro Ordnungsgeld herumgekommen. Anwalt Bergmann will Herrn A., dem syrischen Taxifahrer, die 16,40 Euro irgendwie zukommen lassen. Anstandshalber. Und Staatsanwältin Höra hat eine neue Anklage gegen Ahmed auf dem Tisch.

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