Das weiß angestrichene Fahrrad soll auf die Gefahren aufmerksam machen, die von abbiegenden Lkw für Fahrradfahrer ausgeht. Foto: Rainer Habermann

Hanau

ADFC erinnert mit Gedenkaktion an verstorbene Radfahrerin

Hanau. Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat der ADFC gestern zum Volkstrauertag der Opfer im Straßenverkehr gedacht. An der Kreuzung Hospitalstraße und Nußallee, wo am 17. April dieses Jahres eine Radfahrerin zu Tode kam, wurde ein weißes „Ghost Bike“ postiert.

Von Rainer Habermann

Das ist damals geschehen: Ein Ehepaar fährt mit seinen Fahrrädern die Nussallee entlang auf die Hospitalstraße zu. Beide wollen zum Heinrich-Fischer-Bad, wie andere Radfahrer am 17. April dieses Jahres, und die Kreuzung zur Vorstadt geradeaus überqueren. Sie fahren hintereinander und auf der richtigen Straßenseite, also rechts. Alles richtig gemacht, bisher. Sie halten an der Kreuzung an, die Ampel zeigt rot.

Neben dem hier nur rudimentär vorhandenen Fahrradstreifen stoppt ein großer Lkw auf seiner Fahrspur ebenfalls an der roten Ampel. Er will zum Freiheitsplatz, also rechts abbiegen. Der Mann auf dem Fahrrad bleibt etwas hinter dem Lkw, ihn sieht der Lkw-Fahrer auch in seinem rechten Rückspiegel. Die Frau sieht er nicht, sie steht unmittelbar neben dem Führerhaus im toten Winkel und ist durch die Seitenscheibe nicht zu erkennen für den Fahrer. Auch nicht im Seitenspiegel: wie gesagt, toter Winkel.

Frau starb noch am Unfallort

Es wird grün, der Lkw biegt rechts ab, denkt wohl, der Mann, denn er hinter sich im Rückspiegel sieht, wartet. Doch die Frau ist tot, gestorben noch am Unfallort, an ihren schweren Verletzungen, die sie durch das Überrollen erlitt. Denn auch für die Radfahrerin galt grün: geradeaus wie rechts abbiegend.

Es ist ein Schock für alle Beteiligten. Doch diese Situationen – abbiegende Lkw, Busse, auch noch die meisten Pkw haben keinen Warner, der ihren Fahrern signalisiert: „Da ist noch jemand im toten Winkel“ – geschehen täglich auf deutschen Straßen, in deutschen Städten.

ADFC geht es nicht um Schuldzuweisungen

Manchmal gehen sie glimpflich aus, mit Verletzungen, manchmal enden sie tödlich. Immer für den Radfahrer oder Fußgänger, nie für den motorisierten Verkehrsteilnehmer. Trifft ihn/sie dann eine Schuld? Diese Frage stellte der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, am Sonntag ausdrücklich nicht.

Es geht nicht um Schuld: Der ADFC wollte mit seiner Aktion „Ghost Bike“ („Geisterfahrrad“) auf die Problematik aufmerksam machen. Es gibt Abbiege-Warnsysteme, die auch verlässlich funktionieren. Sie sind aber verkehrsseitig verboten oder zumindest noch in der Prüfung, wie beispielsweise in Garbsen bei Hannover. Es gibt sie auch fahrerseitig – also innerhalb von Pkw, Lkw oder Bus. Aber freiwillig und nicht verpflichtend, bisher. Die Hanauer Busse jedenfalls fahren nach Aussage des ADFC-Main-Kinzig-Sprechers Ulrich Klee bereits mit Abbiege-Assistenten.

Bundesweit starben 2018 445 Radfahrer

Unfallforscher der Versicherer schätzen, dass etwa ein Drittel der jährlich im Straßenverkehr getöteten Radfahrer bei Abbiegeunfällen durch rechtsabbiegende Lkw ums Leben kommen. Im Jahr 2018 verunglückten bundesweit insgesamt 88 850 Radfahrer, davon 10 225 Kinder. Dabei starben 445 Radfahrer und davon 21 Kinder.

Viele dieser Unfälle waren Kollisionen mit Kraftfahrzeugen, wobei laut Daten des statistischen Bundesamts in rund 75 Prozent der Fälle die Schuld beim Kraftfahrzeuglenker lag. Auch das war für den Hanauer ADFC ein Grund, zunächst eine Trauerfahrt vom Marktplatz an die Unfallstelle vorzunehmen und dort dann das „Ghost Bike“ anzuketten.

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