Die fünffache Mutter Anja Hörning hat eine wahre Kinderarzt-Odyssee hinter sich. (Foto: Biehl)

Hanau

Abgefertigt wie auf dem Bahnhof

Hanau. In Hanau einen Kinderarzt zu finden, ist nicht einfach. Auf unseren Facebook-Aufruf hin hat sich eine Mutter gemeldet und uns von ihrer Odyssee berichtet.

Von Kerstin Biehl

Als Anja Hörning vor 27 Jahren mit ihrem ersten Kind schwanger war, war die Suche nach einem Kinderarzt kein Thema. Damals rief sie einfach bei der Kinderärztin ihres Stadtteils an und bekam umgehend einen Termin für die ersten U-Untersuchungen ihrer kleinen Tochter. Mittlerweile hat die 43-Jährige vier weitere Kinder zur Welt gebracht. Einen Kinderarzt für diese zu finden, hat sich mitunter als nervenaufreibend herausgestellt.

Mit ihrem zweiten Kind wurde Hörning auch noch bei der damaligen Kesselstädter Kinderärztin ihrer Tochter aufgenommen. „Da gab es den Geschwisterbonus. Wenn ein Kind bereits Patient war, wurde das Geschwisterkind auch genommen“, erzählt die Kesselstädterin.

Praxis voll, keine Patienten-Neuaufnahme

Anders bei Kevin. Als der heute 13-Jährige zur Welt kam, wohnte Hörning in Steinheim. Einen Kinderarzt gab es dort damals nicht. Ihre bisherige Kinderärztin in Kesselstadt lehnte eine Aufnahme ab. Begründung: Die Praxis hatte zu viele Patienten und sah sich nicht in der Lage, neue, dazu noch solche aus anderen Stadtteilen, aufzunehmen. Die Tatsache, dass Hörnings erste beiden Kinder einst Patienten bei der Kesselstädter Kinderärztin waren, nutzte nichts.

Schließlich kam Hörning bei einem Kinderarzt in der Innenstadt unter. „Ohne Auto war die Anreise aus Steinheim immer sehr umständlich“, erinnert sich die Mutter. Das Glück währte nicht lange. Kurze Zeit später schloss der Kinderarzt, Hörning stand erneut ohne da. Zeitgleich stand für die Familie ein Umzug an. Es ging zurück nach Kesselstadt. Hörning wurde bei der alten Kinderärztin vorstellig. Ohne Erfolg. Praxis voll, keine Patienten-Neuaufnahme, hieß es dort.

Kampf um Arztplätze

„Doch ich bin hartnäckig geblieben“, erzählt Hörning. „Ich habe die so lange beschwatzt, bis sie mich schließlich genommen haben.“ Mit ihrem jüngsten Sohn, Luca-Pascal (acht Jahre) durfte sie schließlich auch dort bleiben. Als ihre jüngste Tochter Lena (fünf Jahre) zur Welt kam, wollte die Kesselstädter Kinderärztin sie erneut abweisen. Praxis zu voll. Doch wiederum kämpfte Hörning für den Platz beim Kinderarzt. Letztlich mit Erfolg. Doch zu welchem Preis? „In der Praxis gibt es unheimlich lange Wartezeiten, die Ärztin muss die Flut von Patienten ganz alleine bewältigen. Für ausführliche Gespräche hat sie entsprechend wenig Zeit“, beschreibt die Mutter die Situation.

Irgendwann hat man genug

Oft müsse sie, weil die Praxis geschlossen sei, einen Vertretungsarzt aufsuchen. „Obwohl meine Tochter einen Pseudokrupp hatte, wurde ich bei einer Vertretung abgefertigt. Weil es dort eben auch zu voll war, die Ärztin zu viel zu tun hatte.“ Gleiches Spiel bei Sohn Kevin, als dieser sich den Fuß brach. Die Kinderärztin war im Urlaub, die Vertretung überlastet, es gab Probleme mit der Rezeptausstellung. „Da hat es mir gereicht. Seit Jahren habe ich dieses Spiel mitgemacht. Irgendwann hat man dann einfach genug. Ich bin mit Kevin zum Hausarzt gewechselt.“

Täglich fünf bis zehn Anfragen

Dort ist sie bis heute. Der 13-Jährige findet es gut. „Und für den Hausarzt ist es überhaupt kein Problem, er zeigt Verständnis“, sagt Hörning. Auch mit ihren beiden Kleinen war sie nun bereits öfter dort. Allein für die U-Untersuchungen muss sie zum Kinderarzt. Diese führt ein Hausarzt nicht durch. Ihre Kesselstädter Kinderärztin wird die Praxis aus Altersgründen zum Ende des Jahres aufgeben. Zwar soll, so hat Hörning gehört, die vakante Stelle neu besetzt werden, allerdings nicht in Kesselstadt. Die nachfolgende Ärztin ziehe in die Innenstadt. Und Hörning wohl mit ihr. Der Wunsch der Mutter: mehr Kinderärzte für Hanau, im Idealfall einen für jeden Stadtteil.

Das wünscht sich auch Barbara Göttsche-Roßkopf. Die Kinderärztin praktiziert seit 21 Jahren in Klein-Auheim und nimmt seit rund einem Jahr nur noch Patienten aus ihrem Stadtteil und Steinheim auf (wir berichteten). Täglich erhält die Medizinerin fünf bis zehn Anfragen, von welchen sie die überwiegende Zahl aus Kapazitätsgründen ablehnen muss.

Versorgung nicht mehr zu schaffen

Ein bis zwei zusätzliche Kinderärzte im Raum Hanau, so Göttsche-Roßkopf, würden die Situation entspannen. Derzeit praktizieren in der Grimmstadt vier Kinderärzte. Somit kommt rein rechnerisch auf einen Kinderarzt 4000 Kinder und Jugendliche, eine Zahl, die der Gemeinsame Bundesausschuss im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen für angemessen erachtet. In der Praxis, so die Ärztin, sei damit eine qualitativ gute und angemessene Versorgung der Kinder nicht mehr zu schaffen.

Engpass „primär ein gesellschaftliches Phänomen“

Und was sagt die Kassenärztliche Vereinigung? Die empfiehlt Eltern, den Hausarzt in Anspruch zu nehmen. Oft reiche dieser aus, heißt es von der dortigen Pressestelle. „Nicht immer muss es der Spezialist sein und falls der Hausarzt meint, ein Kinderarzt sei notwendig, wird er sich darum kümmern“, ist in dem Antwortschreiben der KV zu lesen. Die KV sieht den Engpass „primär als ein gesellschaftliches Phänomen“, nennt als Stichwort „Helikoptereltern“ und weist darauf hin, dass viele Kinder, die 1970 oder früher geboren wurden, keinen Kinderarzt gesehen haben. „Und heute sind die Kinder nicht gesünder oder kränker als damals.“

Die Problematik der kinderärztlichen Versorgung allerdings sei hessenweit bekannt. Rein rechnerisch gelte der Main-Kinzig-Kreis aber als überversorgt, der Versorgungsgrad liege bei 131 Prozent. Bezogen auf Hanau sei bekannt, dass die vier Kinderärzte mit ihren Fallzahlen deutlich über dem Fachgruppendurchschnitt liegen. Ein in Auftrag gegebenes Gutachten zur Bedarfsplanung werde nun abgewartet.

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