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Findet den Austausch mit der Jugend ganz wichtig: Johanna Leipold – hier im Gespräch mit unserer Redakteurin Jutta Degen-Peters – hofft, dass ihre Schilderungen von den Zeiten des Krieges, der Zerbombung Hanaus und des Lebens in den Monaten danach dazu beitragen, das friedliche Miteinander in der Zukunft zu fördern.

Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Die 98-jährige Johanna Leipold will ihre Geschichte erzählen, so lange sie kann

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Johanna Leipold will ihre Geschichte erzählen. Wieder und wieder und wieder. Aus diesem Grund hat sich die 98-jährige Hanauerin auch auf den Aufruf unserer Zeitung hin gemeldet und will Zeugnis ablegen von der Zeit des Krieges.

Ihre Aussage als Zeitzeugin ist das Eine. Sie spricht darüber hinaus mit Zwölfjährigen in der Lindenauschule, sitzt vor Mittelstufenschülern im Kulturforum und antwortet auf die Fragen von jungen Erwachsenen an der Hola: „So lange ich kann, will ich jungen Menschen berichten, wie das damals war, vor und während des Krieges. Sie haben diese Zeiten ja nicht erlebt und können sich das sonst genau so wenig vorstellen, wie wir das Leben vor und im Ersten Weltkrieg verstanden haben, als wir jung waren.“ 

Zwischen zwei Kriegen geboren

Johanna Leipold kam 1921 in Hanau zur Welt, drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Zehn Tage vor ihrem 18. Geburtstag brach der Zweite Weltkrieg aus. Ein leises Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht, als sie berichtet, dass ein 15-Jähriger sie bei ihrem Besuch an der Lindenauhalle mit den Worten „Ich muss sie betreuen“ an der Hand packte. In den Gesprächen mit den Schülern erlebt die Frau mit den grauen Locken und der Brille die jungen Leute meist sehr wissbegierig. Zu erzählen hat Johanna Leipold eine Menge. Im Jahr vor der fast vollständigen Zerstörung der Hanauer Innenstadt war sie 23 Jahre alt und arbeitete noch bis 1944 als städtische Angestellte am Hanauer Stadttheater. 

Neben ihrem Beruf war die Jüngste von sechs Geschwistern, die in der Hintergasse in Kesselstadt aufwuchs, als ehrenamtliche Rotkreuzschwester tätig. „Dabei gehörte zu unseren Aufgaben, am Bahnhof für durchreisende Soldaten und Kranke und Verwundete in Lazarettzügen Suppe zu kochen“, sagt sie. Dass sie dabei auch Dinge zu Gesicht bekam, die sie eigentlich nicht sehen sollte, schildert sie den Mädchen und Jungen ebenfalls. Denn die Schüler scheuten sich nicht, auch unbequeme Fragen zu stellen, sagt die 98-Jährige. „Haben Sie auch Juden gesehen?“ wollten etwa die Lindenauschüler von der gebürtigen Hanauerin wissen und rührten damit an eine schmerzliche Erinnerung. 

Die Angst in den Knochen

„Wir mussten zur Versorgung von Kranken in den Baracken über die Gleise am Hauptbahnhof laufen, wo der Wasseranschluss für die Lokomotive war. Dabei kamen wir an einem langen Zug mit verriegelten Türen und Fenstern vorbei“, erinnert sie sich. Es sei ein heißer Sommertag gewesen, aus den Waggons hätten unzählige jüdische Menschen geschaut und um Wasser gebettelt. Leipold und ihre Freundin trauten sich nicht, den Dürstenden Wasser zu geben. Die BDM-Führerin hatte ihnen eingeschärft, sie dürften das auf keinen Fall tun, sonst würde die ganze Gruppe erschossen. 

Die Erinnerung an die im Zug eingepferchten Menschen und daran, zu welch unmenschlicher Haltung das nationalsozialistische System die Menschen anhielt, hat Leopold bis heute nicht losgelassen. Genauso wenig wie die Erinnerung an den Tod des Vaters im Januar 1945, der durch einen Blindgänger auf dem Rückweg vom Kohlen Holen ums Leben kam. Oder an die Nacht des 19. März 1945, die sie schon unzählige Male geschildert hat. Da der Angriff ohne Vorwarnung kam, wachten Johanna und ihre Familie auf, als die Fensterscheiben barsten, die schwere Haustür herausgedrückt und heftigste donnernde Einschläge zu hören waren. Unten im Keller angekommen, hatte sie Todesangst: „Die Erde bebte, die Wand wellte sich. Man kann es nicht beschreiben, man kann es nicht vergessen.“

Von dem Erlebten traumatisiert

Und sie sagt auch: „Wer so etwas erlebt, ist traumatisiert. Bei jedem Gewitter kommt die Angst.“ Damals hatte die Stadt eine halbe Stunde lang gebebt, „eine halbe Ewigkeit“. Als sich die Lage etwas beruhigt hatte und nur noch einzelne Detonationen zu hören waren, lief die junge Frau zur Dienststelle des Roten Kreuzes, die in einer Baracke an der Nussallee untergebracht war (dort, wo sich später der Club Voltaire befand). Denn dort, so hatten die Frauen Order, sollten sie sich unverzüglich nach einem Luftangriff melden. „Ich kam nur bis zur Hellerbrücke“, erinnert sich Leipold an die Bilder von damals. Ein Zug Menschen, viele noch im Nachthemd, alte Leute, Kinder, die meisten barfuß, bewegte sich über die Brücke. „Die versteinerten Mienen vergesse ich nie“, sagt Leipold. „Sie überquerten die Brücke und fielen auf die Wiesen am Main.“ Die Hilfsschwestern, die weder Verbandszeug noch Medikamente dabei hatten, versuchten Trost zu spenden, so gut es ging. 

„Aber die Menschen wollten nur in Ruhe gelassen werden, was nicht möglich war, weil dann die Tiefflieger kamen.“ Sie flogen so tief, dass man die Gesichter der Piloten erkennen konnte“, sagt Leipold und kann nicht verstehen, dass die Piloten in dieser Situation so unmenschlich reagierten. Bis heute treibt die Seniorin die Frage um, was ein Soldat – so er denn in dieser Situation überhaupt denken kann – denkt, wenn er töten muss, und ist dabei in Gedanken wieder bei der Bombennacht. Was empfinde er, wenn er doch wisse, dass er mit einem Knopfdruck die Menschen in der unter ihm liegenden schlafenden Stadt auslösche. „Wenn ihr später einmal zur Bundeswehr geht“, gibt sie den jungen Menschen deshalb mit auf den Weg, „überzeugt euch genau, was ihr mit eurem Gewissen vereinbaren könnt. Denn das Gewissen lässt euch nicht mehr los!“

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