Dieter Nuhr bei seinem Auftritt in der Schärttner-Halle: „Bin heute mal einen anderen Weg nach Hanau reingefahren, da kommt einem die Halle gar nicht mehr so hässlich vor.“ Foto: Habermann

Hanau

3800 Fans und Verkehrschaos: Blaulicht nur wegen Nuhr

Hanau. Die Situation am Samstagabend, um Viertel nach Sieben am Beginn der Martin-Luther-King-Straße: Blaulicht und dicker Stau auf dem Alten Rückinger Weg. Nichts geht mehr im Hanauer Westen. Was ist da los? Kein Unfall, es ist nur der Nuhr, der da um 20 Uhr in der August-Schärttner-Halle vor die Massen treten will.

Von Rainer Habermann

Der Dieter Nuhr, „nur hier, nur heute“. Was für eine Aufregung über mit oder ohne kleines „h“! Und dass da gleich der gesamte Verkehr zusammenbricht?

Es sind Tausende, die in die Halle wollen, ihre Blechkarossen irgendwo parken müssen, und dann notgedrungen zu Fuß zum Kultkabarettisten pilgern. Abendkasse Fehlanzeige: Nuhr ist ausverkauft. Und das in dieser Riesenhalle, in die bis zu 3800 Menschen passen.

Was die Bühne betrifft, kommt wieder das Wortspiel ins Spiel. Nuhr steht darauf; nur Nuhr. Nuhr pur, bis zum Schluss. Der Auftritt, schon unter Applaus: „Ich habe festgestellt, ich habe überhaupt keine Bühnenfotos. Jetzt mache ich Bühnenfotos.“ Nuhr hat kein Smartphone dabei, er bringt eine ausgewachsene Spiegelreflexkamera mit, die er hinter sich hält für das Selfie mit Publikum. Das gibt gleich den ersten Lacher.

Anwärmphase„Bin heute Mal auf einem anderen Weg nach Hanau rein gefahren. Da kommt einem die Halle gar nicht mehr so hässlich vor“ – das Publikum kichert und klatscht.

„Anwärmphase“ nennt sich das, was ziemlich jeder Comedian, der sich in die Brüder-Grimm-Stadt verirrt, so zelebriert: am Anfang. Fehlen nur noch die Flieger, die in Hanau aufs Klo gehen. Aber dieser Gag ist wohl dem Amphitheater vorbehalten, in das auch über 1000 Leute passen.

Doch ist Nuhr eigentlich ein Comedian? Die Geister streiten sich. Er geht wohl eher als Kabarettist durch. Auch in Hanau kommt er ziemlich schnell zur Sache. „Wir können uns 'nen gemütlichen Abend machen. Ganz unbeobachtet. Wir haben ja noch nicht mal ne Regierung...“

Politischer EulenspiegelDie offenen Schlüsse, die Rückschlüsse fordern, die Stotterer, hinter denen sich Frechheiten und pointierte Wahrheiten verbergen: sie sind auch Nuhrs Spezialität. Hat er das von weiland einem anderen Dieter, von Dieter Hildebrandt, gelernt? Er deutet es an, bei 30 erfolgreichen Jahren auf deutschen Bühnen auch kein Wunder.

Der 57-jährige Niederrheiner verbindet den Schalk mit dem politischen Eulenspiegel. Er hält der gesamten Gesellschaft den Spiegel vor. So lassen sich seine – hoch politischen – Themen auch vor keinen parteipolitischen oder Lagerkarren spannen.

Welche Parteien hätten denn heute den Durchblick? Außer die Angst- und Panikschürer: die kanzelt Nuhr ab. „Wir hatten in diesem Jahrtausend bisher in Deutschland 14 Tote durch islamistischen Terror. Aber im gleichen Zeitraum rund 10 000 Badetote.“ Er macht aus, woher dieses ständige Bedrohungsgefühl komme: „Die Welt sieht nur im Internet so aus. Wir sehen täglich 1000 Bilder und denken: Oh, der Terror ist rund um uns.“

StickoxydeDie Automobilindustrie bekommt ihr Fett weg, aber nicht auf jene Art und Weise, die man sich unwillkürlich erwartet: „Alleine die 15 größten Schiffe der Welt blasen im Jahr soviel Schadstoffe in die Luft wie 750 Millionen Autos.“ Feinstaub: „Die messen im tiefsten Loch von Stuttgart in einem Meter Höhe den Feinstaubgehalt der Luft. Das ist so, als wenn Sie hier Körpergeruch messen würden.“ Nuhr deutet demonstrativ dicht auf seinen Allerwertesten. Stickoxyde: „Haben Sie schon mal von Leuten gehört, die an Stickoxyden gestorben sind?“

Hubschrauber-Mentalität vieler Eltern („Früher wurden Kinder gehänselt, heute werden sie gleich gemobbt“); die deutsche Nörgelkultur („Alles ist besser geworden hier, in den letzten 30 Jahren.“ – Das Publikum schweigt. – „Sehen Sie, das ist es, was ich meine.“); Sexismus („Man traut sich ja heute nicht mehr, bei Frauen irgendwo hin zu gucken. Vielleicht wäre es einfacher, wenn es auf der Welt nur noch Frauen gebe, und Blinde“); Erdogan und Böhmermann („auch ich halte 'Ziegenficker' für beleidigend. Nicht zuletzt für die Ziege“); Burkas („Wir brauchen die Burka auch für Männer und manche Politiker. Hauptsache: von innen schalldicht.“); Frauenklo („Wenn Frauen auf den Toilettenbrillen stehen, um ja nicht mit Keimen in Berührung zu kommen, dann sieht das in der Kabine auch sehr spritzig aus, hab ich mir sagen lassen.“).

Lacher und SzenenapplausDer Humor, in den Nuhr seine Gesellschaftskritik verpackt, ist sehr viel subtiler, als es Zitate – in wenigen Sätzen – wiedergeben. Es hat wohl genau diesen Grund, weshalb die Fans zu ihm hinpilgern: raffiniert und etwas feinsinniger, statt plakativ und brutal. Der (echte) Kabarettist ist sicher weniger deftig und pornografisch als ein Ingo Appelt, wesentlich politischer und pointierter als ein Mario Barth, kein „Mannemer“ wie „Deutschtürk“ Bülent Ceylan.

Auch sie füllen die großen Hallen, auch sie haben ihr Publikum. Das in der August-Schärttner-Halle jedenfalls liebt Nuhr, keine Frage. Hunderte Lacher und Szenenapplaus während der Show, tosender Beifall zum Schluss nach so einigen Zugaben, und lange Schlangen vor dem Merchandising-Stand, an dem Nuhr auch sein neues Buch signiert: Fazit eines Abends mit dem wohl besten Eulenspiegel, den die Republik derzeit hat.

Das könnte Sie auch interessieren