Hanau

"365-Euro-Ticket für alle": Stadtverordnete diskutieren Antrag

Hanau. Die Aussicht klingt verlockend: Könnte sich jeder Bürger, ungeachtet seiner Jugend oder seines Alters, ein 365-Euro-Ticket leisten, ließe sich das Verkehrsproblem in den Griff bekommen. Ein Antrag der CDUführte in der Stadtverordnetenversammlung zu spannenden Einsichten und Erkenntnissen.

Von Jutta Degen-Peters

Die CDU brachte den Antrag ein, der Magistrat möge sich aktiv an den Gesprächen über die Einführung eines solchen Billig-Tickets für Bus- und Bahnfahrer im Rhein-Main-Gebiet beteiligen.

Der von Dr. Peter Schäfer (CDU) in seiner Antragsbegründung formulierte Wunsch, die Stadt Hanau solle ohne Wenn und Aber das „Ein-Euro-Ticket für alle“ unterstützen, rief gleich mehrfach kritische Antworten auf den Plan. Nicht nur Dr. Hans-Volker Lill (FDP) gab sich mit dem Satz „Es geht darum, Visionen weiterzuverfolgen“ nicht zufrieden und fragte nach, ob ein solcher Schritt für die Hanauer HSB überhaupt darstellbar sei.

200-Millionen-Zuschuss wäre nötig

Stadtrat Thomas Morlock (FDP) weitete den Blick für die finanziellen Dimensionen. Man führe Gespräche mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), erklärte er. Und der RMV müsse sich in der Tat mit seiner Preisstruktur auseinandersetzen.

Allerdings würde laut Morlock ein „365-Euro-Ticket für alle“ pro Jahr einen Zuschussbedarf von 200 Millionen Euro bedeuten – und das über Jahre hinweg, wollte man wirklich versuchen, auf diese Weise mehr Bürger im Rhein- Main-Gebiet zum Umsteigen vom Auto auf Busse und Bahnen bewegen. „Solche Signale von der Landesregierung sehen wir derzeit nicht“, erklärte Morlock.

Morlock will Mittel in Infrastruktur stecken

Er plädierte dafür, „die Mittel, die da sind“, in die Verbesserung der Infrastruktur zu stecken: in mehr Trassen, mehr Fahrzeuge und mehr Personal. In Hanau jeden falls orientiere man sich im Nahverkehrsplan so, dass mehr Busse eingesetzt würden, die häufiger fahren sollten.

Wollte man in Hanau die „Stadtpreisstufe“ für das Jahresticket von derzeit 451 Euro auf 365 Euro verbilligen, erfordere das einen Zuschussbedarf von rund einer halben Million Euro, rechnete der Stadtrat vor. Beim Raum Hanau–Frankfurt, derzeit mit einer Jahreskarte für 1612,50 Euro zu befahren, wären über 1200 Euro pro Jahr und Nutzer zusätzlich zu finanzieren. Und ein RMV-Ticket im gesamten Rhein-Main-Gebiet würde das auszugleichende Defizit noch erheblich weiter nach oben treiben.

Ungleiche Verkehrsverteilung macht Lösungen schwierig

Kommunen, darin waren sich alle Diskutierenden einig, können solche Zuschüsse nicht schultern. Doch nicht nur die Frage, wer zahlt, um den öffentlichen Nahverkehr für die Nutzer attraktiver zu machen, stand im Raum. Es ging auch um Gerechtigkeit.

Der Steinheimer Sozialdemokrat Max Bieri, selbst Pendler, lud alle Versammelten ein, sich an einem Werktag auf die Steinheimer Brücke zu stellen und die Verkehrsströme zu beobachten. Dann werde jedem klar, dass es keine einfachen Antworten auf die Frage geben könne, wie der Verkehr der Zukunft aussehen solle.

Unstrittig sei zwar, dass ein guter ÖPNV hermüsse, der vor allem bezahlbar sei. Doch dabei sei auch im Blick zu behalten, dass die Kassiererin aus Steinheim genauso gut nach Hanau gelange müsse, wie der Frankfurter Chefarzt, der von einem Ende Frankfurts ans andere Ende in seine Klinik wolle.

Unterschiedliche Bedingungen für Stadt und Land

Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich um so mehr, wenn man die Infrastruktur zwischen Stadt und Land noch intensiver in den Blick nimmt, betonte Thomas Morlock: Ist ein System, bei dem alle ohne Ausnahme 365 Euro für ein Ticket zahlen, wirklich gerecht?

Menschen in den größeren Städten könnten mit dem Billigticket Busse, U- sowie Straßenbahnen nutzen. Der Bürger aus dem kleinen Dorf im Odenwald bekäme fürs selbe Geld aber allenfalls zwei Busverbindungen täglich geboten. „Die Zeche zahlen vor allem die Stammkunden“, legte Morlock nach.

Stadt braucht langen Atem

Sein kurzer Ausflug in die in Verkehrsfragen vorbildliche Vorzeigestadt Wien machte deutlich, dass es eines langen Atems bedarf, wenn Verkehrsströme umgelenkt werden sollen. Wien habe über 20 Jahre hinweg den öffentlichen Nahverkehr ausgebaut, habe im Anschluss den Parkraum für Autos massiv verteuert und über eine „Dienstgeberabgabe“ von zwei Euro, die jeder Arbeitgeber pro Beschäftigten und Jahr bezahle, weitere Mittel für die Finanzierung des Umbaus generiert.

„Wir sind hinter dem Thema her“, bekräftigte abschließend Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Doch auch er erklärte, dass die Frage, wer wann wie wohin fahre, keine unbedeutende Frage sei. „Wir brauchen auch Angebote für Arbeitnehmer, die nicht nur die 'Party' bezahlen, sondern die auch gut nach Hanau kommen“, so Kaminsky weiter.

OB befürchtet Ticketkauf "zum Spaß"

Für Menschen, die sich „zum Spaß“ ein 365-Euro-Ticket zulegten, um damit ausschließlich am Wochenende kleine Trips zu unternehmen – und in der Woche lieber das Auto nähmen, weil sie damit täglich eine Stunde Fahrt- oder Wartezeit sparten – könnten nicht dieselben Maßstäbe angelegt werden, wie für Vielnutzer.

Schließlich stimmten die Vertreter sämtlicher Fraktionen dafür, den CDU-Antrag in den Haupt- und Finanzausschuss zu verweisen und dort intensiv zu beraten.

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