Die silberfarbene Fehlprägung neben einem normalen 50-Cent-Stück.
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Die silberfarbene Fehlprägung neben einem normalen 50-Cent-Stück.

Der falsche Fuffziger

20 Jahre Euro: Wie ein Hanauer zu einer äußerst seltenen Fehlprägung kam

  • Christian Spindler
    VonChristian Spindler
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Ein Mann aus Hanau erhält im Jahr 2001 eine äußerst seltene Euro-Münze. Die Geschichte zieht weite Kreise.

Hanau – Das Besondere kommt manchmal recht unscheinbar daher. Beispielsweise in einem scheckkartengroßen Plastikmäppchen, in dem sich ein graues Brillenputztuch befindet. Als Michael Rüfer es aufschlägt, kommt ein Silberling zum Vorschein, wie es ihn vermutlich unter Milliarden nur einmal gibt: ein falscher Fuffziger, der Geschichte geschrieben hat.

Als vor 20 Jahren der Euro eingeführt wurde, fand sich in Rüfers Starterkit eine 50-Cent-Fehlprägung. Der Münze und Rüfer wurde seinerzeit schon eine veritable Medienaufmerksamkeit zuteil. Heute, 20 Jahre danach, hütet Michael Rüfer seinen Schatz noch immer.

Der 62-Jährige, der bei den städtischen Verkehrsbetrieben HSB für Marketing und Vertrieb zuständig ist, erzählt gerne. Er hat auch etwas zu erzählen. Die Geschichte von seinem Geld-Sonderling hat er wohl schon unzählige Male zum Besten gegeben. Sie ist nach wie vor faszinierend.

Hanau: Gibt es 50-Cent-Stücke auch silberfarben?

Wenn es damals, im zu Ende gehenden Jahr 2001, die interne Schulung der HSB für ihre Busfahrer, zu denen Rüfer damals gehörte, nicht gegeben hätte, wäre ihm vielleicht gar nicht aufgefallen, was er Tage später Besonderes in die Hände bekommen sollte. Weil zum Jahreswechsel 2001/2002 die Euro-Einführung anstand und die D-Mark ausgedient hatte, stellte die HSB die neuen Scheine und Münzen vor, mit denen die Busfahrer beruflich beim Fahrscheinverkauf zu tun haben würden. Schließlich waren Euro und Cent damals komplett neu. Keiner hatte bis dato das neue Geld in Händen.

Banken und Sparkassen hielten seinerzeit Starterkits bereit, damit sich auch die Bürger mit den neuen Münzen vertraut machen konnten. Alle Euro- und Cent-Stücke waren in den Tütchen. Wert damals: 20 D-Mark beziehungsweise 10,23 Euro. „Mein Chef hat bei der Sparkasse an der Lamboystraße vier solcher Starterkits gekauft“, erzählt Rüfer. Eines davon bekam Rüfers Frau. Als Michael Rüfer das Starterkit kurz vor Weihnachten 2001 aufmachte, wurde er angesichts der 50-Cent-Münze stutzig, zumal er kurz zuvor besagte Schulung hatte.

Ein ganz besonderes Starterkit erwischte Michael Rüfer bei der Euro-Einführung vor 20 Jahren. Der kleine Silberschatz schlummert normalerweise im Bankschließfach.

Geschichte über Hanauer Münze zieht weite Kreise

Anruf bei der Hausbank: „Gibt es 50-Cent-Münzen auch silberfarben?“ Der Bankmitarbeiter holte Informationen ein, mutmaßte etwas von einer Fälschung. Ein Verdacht, der freilich schnell zerstreut werden konnte. Der Hanauer Fall zog vor 20 Jahren immer weitere Kreise und die Münze wanderte zur Überprüfung zwischenzeitlich durch etliche Hände – bis zur Landeszentralbank, einem Münzfachmann in Frankfurt und zu diversen Medien. Schnell war klar: Im Rüferschen Starterkit befand sich eine äußerst seltene Fehlprägung, quasi eine „Blaue Mauritius“ der Euro-Einführung.

Wie aber kam das zustande? „Um herauszufinden, ob womöglich nur die äußere Farbschicht abgegangen war, sägte der Redakteur einer Boulevardzeitung sogar eine normale 50-Cent-Münze durch“, erinnert sich Rüfer schmunzelnd.

Hanauer Silberling ist eine Stahl-Nickel-Legierung

10-, 20- und 50-Cent-Münzen werden aus sogenanntem Nordischen Gold gemacht, eine Verbindung aus Kupfer, Aluminium, Zink und Zinn. Wie sich herausstellte, besteht der in der ältesten deutschen Prägeanstalt in Hamburg hergestellte „Hanauer Silberling“ hingegen aus einer Stahl-Nickel-Legierung, erläutert Michael Rüfer. Die Erklärung, die er liefern kann: Wahrscheinlich geriet eine sogenannte Ronde – so nennt man die Münzrohlinge – aus einer anderen Münzproduktion in die 50-Cent-Prägemaschine. So entstand statt einem Gold- ein Silberstück, bei dem auch ein Teil des geriffelten Randes fehlt.

Schon damals wurde heftig spekuliert, was denn die Fehlprägung wert sein könnte. Mehrere Zeitungen, aber auch TV-Sender berichteten darüber. In einem Internetartikel wurde kürzlich gar ein hoher Millionenbetrag als Wert genannt. Rüfer ärgert das. „Weil das bei der ganzen Geschichte nicht mein Thema ist“, sagt er. Im Gespräch mit unserer Zeitung verrät er, dass ihm seinerzeit ein Hanauer Geschäftsmann 100. 000 Euro für die 50 Cent geboten habe. „Ich wollte nie verkaufen und habe nie verkauft – warum auch?“, sagt Rüfer, um die Frage gleich selbst zu beantworten: Er sei zum einen nicht auf den Ertrag angewiesen. Und zum anderen: „Gesundheit kann ich mir davon ohnehin nicht kaufen.“

Die ganz besondere Münze, die nun 20 Jahre alt geworden ist, ist für Michael Rüfer so etwas wie ein Sparbuch. Ein Sparbuch mit 50 Cent, die einen unschätzbaren Wert haben. Im Übrigen, sagt Rüfer, sei das wie bei Kunstwerken. „So etwas ist eben so viel wert, wie jemand zu zahlen bereit ist.“

Seltene Fehlprägungen

Als Fehlprägungen bezeichnet man Münzen, die durch fehlerhafte Herstellung Materialmängel haben oder bei denen das Münzbild Fehler aufweist. Aufgrund der Qualitätskontrollen gelangen nur wenige Fehlprägungen in den Umlauf. Diese sind manchmal äußerst wertvoll und haben sich teilweise als eigenständiges Sammelgebiet etabliert. Bekannte Fehlprägungen sind 50-Cent-Stücke aus dem Jahr 2002, auf denen der Bundesadler der 1- und 2-Euro-Rückseiten zu sehen ist statt das Brandenburger Tor. Außerdem gibt es unter anderem einige wenige 2-Euro-Münzen aus Belgien, bei denen das Prägebild verdreht ist. Eine der wertvollsten Pfennig-Fehlprägungen sind 1949 herausgegebene 50-Pfennig-Stücke mit der Inschrift „Bundesrepublik Deutschland“ anstatt der noch gültigen Umschrift „Bank deutscher Länder“. Heute sind nur sieben dieser Münzen bekannt.  cs.

Bis heute wird Michael Rüfer, der auch durch die von ihm initiierte HSB-Busschule und Rollatortraining für Fahrgäste bekannt wurde, immer wieder mal von Leuten, die ihn kennen, auf die 50-Cent-Geschichte angesprochen: „Na, hast Du denn Deine Münze von damals noch...?“

Ja, hat er. Für die Aufnahmen unseres Fotografen holt Michael Rüfer sie in seinem Büro aus dem kleinen Plastikmäppchen, auf dem mit Edding-Stift geschrieben „50 Cent“ steht. Danach schlägt er die Münze wieder in das graue Brillenputztuch. Mittlerweile ist das kleine Bündel wieder dort, wo es auch die vergangenen 20 Jahre war: im Bankschließfach. (Christian Spindler)

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