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Gewalt gegen Schiris: Sportpädagoge Christian Gaum im Interview

Fußball

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    Profisportler als schlechte Vorbilder? Ja, sagt Sportpädagoge Christian Gaum (rechts): „All das, was von Hitzköpfen im Profisport wahrgenommen wird, spiegelt sich im Amateurbereich wider. Das ist schon eine negative Vorbilderscheinung, insbesondere für den Jugendbereich.“ Auf dem Foto muss der Schiedsrichter beim Regionalligaspiel FSV Frankfurt gegen Kickers Offenbach energisch eingreifen. Archivfotos: TAP, Privat

Sport allgemein. Sportlich ist oft gleichbedeutend mit fair. Doch immer wieder kommt es zu unklaren Situationen, wenn etwa ein Fußballspieler durch eine Grätsche zu Fall kommt. Dann muss einer genau hinschauen, ob der Ball gespielt, absichtlich ein Bein gestellt wurde oder ein Schwalbenkönig am Werk ist: der Schiedsrichter. 

Artikel vom 31. Dezember 2019 - 10:31

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In den vergangenen Monaten berichteten die Medien jedoch häufiger von drastischen Übergriffen auf die Unparteiischen, die wie in Münster sogar bewusstlos geschlagen wurden. Zeichnet sich darin ein Wandel ab? Dr. Christian Gaum, Sportpädagoge der Goethe-Universität Frankfurt, leitet eine Studie, bei der 3000 Schiedsrichter unterschiedlicher Spielklassen befragt wurden, was sie als fair ansehen und was sich im Umgang mit ihnen wünschen würden.

Im Interview spricht Gaum, der seit drei Jahren die Sportprofessur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel vertritt, darüber, wie sich die Rolle des Schiedsrichters gewandelt hat und wie sich Eskalationen auf dem Spielfeld vermeiden ließen.

Herr Gaum, welche Erwartungen haben Spieler an den Schiedsrichter? 
"Der Schiedsrichter soll im Hintergrund bleiben, aber er ist in den Augen der Spieler auch dafür verantwortlich, dass das Spiel optimal abläuft. Das ist natürlich ein Widerspruch. Das, was im Einzelnen erwartet wird, ist sehr stark spielertypabhängig. Es gibt welche, die wollen sich auspowern, andere haben Spaß daran, ein Stück weit wirklich Fußball zu spielen, wiederum andere freuen sich am meisten auf das Getränk danach in der Kabine." 

Kein gravierender Anstieg der Gewalt

Hat Sie das überrascht, dass zuletzt in den Medien öfter zu hören war, dass die Gewalt gegen Schiedsrichter zugenommen hat? 
"Nein, ich würde nicht sagen, dass solche Situationen jetzt vermehrt aufgetreten sind. Es waren zwei, drei drastische Fälle, die in kurzer Zeit aufgefallen sind. Die Zahlen sind nur leicht nach oben gegangen, aber nicht so gravierend, dass wir sagen können, dass die Gewalt gegen Schiedsrichter insgesamt stark zugenommen hat. Diese Extremfälle sind der Auslöser, mal darüber zu sprechen. Ich warne davor, das zu skandalisieren, zu hypersensibilisieren, denn das hat eher zur Wirkung, dass eine kurzzeitige Verunsicherung entsteht und dann keiner mehr darüber spricht. Wir müssten eher überlegen, wie man dauerhaft auf dem Spielfeld aber auch an dessen Rändern miteinander kommunizieren kann, dass jeder dabei Spaß und Freude hat."

Dennoch hat man jetzt nur von Übergriffen im Amateurfußball gehört. Wird in anderen Sportarten der Schiedsrichter weniger häufig oder aggressiv angegangen? 
"Ja, die Studien, die ich bisher gelesen habe, bestätigen das. Im Fußball ist es etabliert, dass die Spieler mit dem Schiedsrichter relativ offensiv in die verbale Auseinandersetzung gehen. In vielen vergleichbaren Ballsportarten ist das nicht der Fall. Rugby zum Beispiel zeichnet sich auf dem Feld durch einen stärkeren Körperkontakt aus, durch mehr körperliche Gewalt. Aber Schiedsrichter werden in ihrer Rolle klarer akzeptiert. Diskussionen sind da nicht üblich. Dort ist es auch nicht so akzeptiert, Gegenspieler gezielt zu provozieren, diese zu täuschen und sich so durch den Schiedsrichter Vorteile zu erschleichen. Auch im Eishockey ist man bei den eigenen Mannschaftskollegen dann schneller unten durch. Den Versuch der gezielten Beeinflussung von Schiedsrichtern sehe ich im Fußball schon als problematisch an. Da ist das völlig legitim und akzeptiert und wird teilweise auch gefordert."

Regeln im Fußball werden nicht konsequent eingehalten

Wie erklären Sie diesen Unterschied? Ist das ein Problem, das in den Regeln der jeweiligen Sportart verankert sehen? 
"Das ist eher eine Frage des spielkulturellen Umgangs. Ich würde sagen, das ein solches Verhalten im Rugby von der Spielkultur ausgeschlossen ist. Auch im Fußball ist verankert, dass ich für Rudelbildung, für Lamentieren und Reklamieren sofort die gelbe Karte ziehen kann. Es wäre mal ein interessantes Experiment, wenn die Regeln konsequent ausgelegt werden würden. Das würde die Karten pro Spiel exponentiell erhöhen." 

Wie erklären Sie sich dann den Unterschied? 
"Im Fußball geht es deutlich theatralischer zu. Damit meine ich schauspielerische Leistung im Hinblick auf Jubelgesten, Schwalben, Provokationen. All das, was von Hitzköpfen im Profisport wahrgenommen wird, spiegelt sich im Amateurbereich wider. Das ist schon eine negative Vorbilderscheinung, insbesondere für den Jugendbereich." 

Psychische Gewalt im Fußball ausgeprägter

Inwiefern begünstigen diese theatralen Gesten, dass Konflikte eskalieren? Führt das dazu, dass Emotionen aufkochen?
"In allen Sportarten gibt es immer wieder emotionale Entgleisungen, aber diese Dinge sind nicht das zentrale Problem. Dass aus dem Privatleben unbewältigte Konflikte mit auf das Spielfeld genommen werden, lässt sich auch nicht vermeiden. Was im Fußball negativ aufschlägt, und das ist auch eine Erscheinung aus dem Profisport, dass insbesondere die verbale, auch psychische Gewalt von außen her doch drastischer auffällt, als in anderen Bereichen."

Was heißt das genau? 
"Von außen her, heißt aus dem Zuschauerbereich, heißt von Mannschaftskollegen, die von der Bank aufspringen, von Trainern, die permanent an der Seitenlinie lamentieren. Das trägt zu einer Steigerung der Eskalationsstufen bei. Hier müsste frühzeitig, nicht nur zum Schutz des Schiedsrichters, sondern zum Schutz des gesamten sozialen Miteinanders von Vereinsseite entgegengetreten werden. Im Amateurfußball kennt sich jeder. Da können Beleidigungen und Angriffe mitunter persönlicher ausfallen. Irgendwie scheint es doch mehr und mehr zu einer nicht gewollten Aufgabe des Schiedsrichters zu werden, in dieser komplexen Situation Herr aller Dinge zu sein. Viele Konflikte werden auf seinem Rücken ausgetragen."

Konflikte gehen über das Sportliche hinaus

Das klingt als würden weitaus mehr Konflikte verhandelt, als kritische Spielszenen?
"Wir haben im Fußball einen echten Querschnitt der Gesellschaft. Mag sein, dass sprachliche, kulturelle Unterschiede dann schwer aushandelbar sind. Aus Studien zum Thema Spielabbrüche weiß man, dass das Thema Beleidigungen zum Beispiel in unterschiedlichen Kulturkreisen ganz anders wahrgenommen wird." 

Würden Sie sagen, dass das ein neues Phänomen ist? 
"Nein, das ist nicht neu. Was sich vielleicht ändert, ist dass der Schiedsrichter nicht mehr als neutrale Instanz wahrgenommen wird, die nur dafür da ist, die Einhaltung der Spielregeln zu überwachen. Ihm wird eine extrem hohe Verantwortung aufgetragen, die er mitunter nicht mehr schultern kann. Spieler, aber nicht nur die, neigen dazu, die Verantwortung für das eigene Verhalten an den Schiedsrichter abzugeben." 

Eigenverantwortung der Sportler ist gefragt

Wie nehmen Schiedsrichter diesen Wandel wahr? 
"Schiedsrichter nehmen es vor allem als problematisch wahr, wenn ihnen der Kommunikationsprozess zum Spiel, dem ganzen Umfeld entgleitet. Da braucht es Vermittler aus der Mannschaft oder dem Verein, die Verantwortung für das Miteinander und das Umfeld übernehmen, etwa wenn es darum geht, auch mal Hitzköpfe aus der eigenen Mannschaft zu bremsen. Oder wenn es zu Beleidigungen und Provokationen aus dem Zuschauerraum kommt. Es hängt vieles davon ab, ob es die Vereinsführung schafft, einen ordnenden Rahmen zu gestalten. Wenn das fehlt, kommt es zu diesen drastischen Eskalationen. Gerade im Amateursport können Schiedsrichter hier nicht alleine vermitteln. Das ist dann eine zu Überforderung führende Erwartung an die Rolle des Schiedsrichters." 

Was müsste sich konkret ändern? 
"Nach meiner Befragung wünschen sich Schiedsrichter vor allem eines: Ansprechpartner und einen anständigen Umgang mit ihnen. Bei Spielen in der Kreisliga sind teilweise 20 bis 30 Familienangehörige oder Freunde der Spieler anwesend, da müssen frühzeitig verbale Äußerungen, die über die Grenze hinausgehen, gezielt angesprochen werden. Die Personen müssen dann auch aufgefordert werden, das zu unterlassen. Das geht hier besonders gut, weil die Menschen hier identifizierbarer sind. Man kennt sich häufig." 

Vereine müssen sensibilisieren

Sie sagten auch, dass der Verein stärker in die Pflicht genommen werden muss. Wie meinen Sie das? 
"Der Umgang mit dem Schiedsrichter müsste dringend vom Verein thematisiert werden. Er sollte Grundsätze aufstellen, wie man gemeinsam auftreten will. Dabei ist es ganz wichtig, Personen der eigenen Mannschaft mit in die Pflicht zu nehmen. Es ist immer möglich, schwierige Spiele aufzufangen, wenn Personen mit einem gewissen Fingerspitzengefühl versuchen, im eigenen Team zu vermitteln. Es wäre sicher ein interessanter Ansatz, wenn nur noch der Mannschaftskapitän mit dem Schiri diskutieren dürfte, das müsste aber auf der obersten Ebene des DFB durchgesetzt werden. Im Basketball oder im Eishockey zum Beispiel lässt sich das über die Rolle des Spielkapitäns auffangen."

Wie kann man das Mannschaftsgefüge auf dem Platz dahingehend sensilibisieren? 
"Im Jugendbereich gibt es bis zu einem gewissen Alter eine sogenannte Fair-Play-Liga. Bis zur F-Jugend spielen die Kinder komplett ohne Schiedsrichter. Da wäre es interessant zu forschen, ob sie gelernt haben, eigenverantwortlicher ihr Verhalten zu reflektieren. Die Kinder entscheiden selbst über Spielsituationen und das klappt erstaunlich gut. Sollte das nicht möglich sein, vermitteln natürlich die Trainer. Diese Art der Reflektion fehlt bei Erwachsenen in mancher Hinsicht. Vielleicht auch die Dankbarkeit dafür, dass sich Leute in ihrer Freizeit, dafür bereit erklären, die Rolle des Schiedsrichters einzunehmen – und das obwohl sie dafür nicht fürstlich bezahlt werden."

Das Interview führte Jasmin Jakob.



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