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Depression - Die unterschätzte Krankheit

Hanau

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    Depressionen sind nicht nur im Fußball ein eher vernachlässigtes Thema. Symbolfoto: Pixabay

Region Hanau. Wie es ihm wirklich ging, wusste kaum jemand: Robert Enke galt als bescheidener, demütiger und rücksichtsvoller Profifußballer, mit den besten Aussichten, 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft zu werden.

Artikel vom 07. November 2019 - 13:49

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Von Jasmin Jakob

In Folge einer wiederholt auftretenden Depression nahm er sich am 9. November 2009 im Alter von 32 Jahren in der Nähe von Hannover das Leben.

Am kommenden Sonntag jährt sich der Todestag des Ex-Nationalspielers und Torhüters von Hannover 96 zum zehnten Mal. Damit rückt neben dem Gedenken an den Menschen Robert Enke auch das Thema Leistungsdruck im Sport in Verbindung mit psychischen Belastungsstörungen wieder vermehrt in die mediale Öffentlichkeit. 

Thema werde totgeschwiegen

So fragt unter anderem der NDR-Dokumentarfilm „Robert Enke – auch Helden haben Depressionen“, ob sich der Umgang mit dem Thema seitdem verändert hat. Spitzensportler stehen unter einem enormen Erfolgsdruck sowie unter ständiger medialer Beobachtung.

Darf man dann auch Schwächen zeigen? Und wie wird heute, zehn Jahre nach dem Suizid von Robert Enke, mit dem Thema Depressionen umgegangen? Wir haben Profis aus unserer Region gefragt, wie sie mit dem sportlichen Leistungsdruck umgehen. Der Neuberger Fußballer Marcos Álvarez spielt derzeit beim Zweitligisten VfL Osnabrück und sagt zum Beispiel: „Die Spieler untereinander kriegen das oft nicht mit, wenn jemand unter Depressionen leidet. Darüber spricht man nicht. Das Thema wird definitiv immer noch totgeschwiegen.“ 

Leistungssportler genauso oft betroffen wie die allgemeine Bevölkerung

Dabei gehört die Depression zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Krankheiten. Im Laufe eines Jahres erkranken laut der Stiftung der Deutschen Depressionshilfe 5,3 Millionen Erwachsene (zwischen 18 und 79 Jahren) in Deutschland an einer klinischen Depression, die mitunter tödliche Folgen haben kann. Die gute Nachricht: „Es handelt sich um eine behandelbare Erkrankung, die meisten werden wieder gesund“, so Dr. Karsten Henkel, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie, Klinikum Christophsbad Göppingen. 

Laut Henkel, der auch das Referat Sportpsychiatrie und -psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) leitet, erkranken Leistungssportler genauso häufig an einer klinischen Depression wie die allgemeine Bevölkerung.

Genetische Vorbelastung spiele eine Rolle

„Depressionen sind multifaktorielle Erkrankungen, deren Ursachen nicht nur in einer Umgebungsbedingung zu suchen sind“, begründet er dies. Im Sport bestünde jedoch die Gefahr, dass der offene Umgang mit psychischen Erkrankungen oft als Zeichen von Schwäche angesehen und tabuisiert werde. Dabei seien oft auch körperliche Faktoren für die Entstehung von Depressionen verantwortlich. 

„Die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken, hängt zum Beispiel auch von der genetischen Ausstattung ab, die ein Mensch mitbringt, zu der verschiedene Belastungsfaktoren hinzukommen können. Meistens besteht eine erblich vorbestimmte Anfälligkeit, aber auch Verletzungen wie wiederholte Schädeltraumata können zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen, die ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidalität herbeiführen.“ 

Sportpsychologe als Anlaufstelle

Zudem bestehe die Gefahr, dass Sportler Symptome einer Depression, die sie von „Übertraining“, also der permanenten Steigerung der eigenen Belastbarkeit kennen, nicht als Anzeichen für eine psychische Erkrankung wahrnehmen. Symptome sind unter anderem unbegründete Traurigkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit oder Schmerzen. „Dauern diese Symptome länger als zwei Wochen an, sollte man auf jeden Fall den Arzt seines Vertrauens aufsuchen“, rät Dr. Henkel. 

Für viele sei die erste Anlaufstelle der Sportpsychologe des eigenen Vereins. „Deren Aufgabe ist es meistens, die maximalen Leistungen aus einem Sportler herauszuholen. Bestehen schon manifeste Krankheitssymptome, wäre ein Psychiater eine bessere Anlaufstelle. Der fragt nämlich, was tut dem Menschen jetzt am besten? Man sollte bedenken, dass ein Großteil der Sportpsychologen keine entsprechende therapeutische Ausbildung besitzt und zum Beispiel keine Medikamente verordnen darf, die aber laut Behandlungsleitlinie notwendig sein können.“

 

Hilfe für Betroffene und Angehörige: 

Ökumenische Telefonseelsorge Main-Kinzig: buero@tele
fonseelsorge-main-kinzig.de, 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22
Beratungshotline der 
Robert-Enke-Stiftung: 02 41/ 8 03 67 77 
Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: 08 00/3 34 45 33


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