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Sportsfield: Ein Blick in die Vergangenheit

Hanau

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    Undatierte Luftaufnahme des Eingangsbereichs der Pionierkaserne aus den 1940er Jahren. Am linken unteren Bildrand ist noch ein Teil des Sportfelds zu sehen.Foto: rz-Bildarchiv

Hanau. Der Streit um die Weiternutzung einstiger Wohngebäude der U.S.-Army in Wolfgang wirft nicht nur ein Schlaglicht auf regulatorischen Wildwuchs, der letztendlich den Abriss soliden und erst vor wenigen Jahren aufwendig renovierten Wohnraums bedeutet.

Artikel vom 13. Februar 2020 - 23:31

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Von Werner Kurz

Wo jahrzehntelang amerikanische Soldatenfamilien wohnten, deren Kinder den Kindergarten und die Grundschule besuchten, sollen nach dem Willen des Gesetzes die Abrissbagger anrücken. Der Stolperstein: Das Hanauer Industrieunternehmen Dunlop liegt nur einen Steinwurf entfernt jenseits der Friedberger Bahn – also innerhalb eines Bereichs, der nach der Richtlinie wie Seveso-II oder TA Luft nicht als Wohngebiet genutzt werden darf. Dass in der Freigerichtstraße die Bebauung viel näher an den Industriebetrieb heranreicht – das ist die Ironie einer Geschichte, die Mitte der 1920er Jahre begann.

Damals bekam das heute umstrittene Areal in Wolfgang, Acker und Wiesenflächen zwischen Bahndamm und Aschaffenburger Chaussee, seinen Namen: Sportfeld. Der Fußballverein FC Hanau 93 hatte damals seinen angestammten, aber unzulänglichen Platz an der „Schönen Aussicht“ am Kesselstädter Milchweg aufgegeben und war auf die neue großzügige Anlage jenseits des Friedberger Übergangs in Richtung Wolfgang gezogen. Die Sportfreunde pilgerten nun an den Wochenenden hinaus vor die Stadt, um auf dem neuen „Sportfeld“ zum Teil großartige Spiele ihres Vereins gegen zum Teil renommierte Gegner zu erleben. Der Name „Sportfeld“ begann sich einzubürgern.

Fertigstellung des ersten Bauabschnitts im Juni 1939

Im Zuge der Kriegsvorbereitungen des Dritten Reiches erfuhr dann auch der traditionsreiche Militärstandort Hanau eine deutliche Aufwertung. 1936 wurde der Fliegerhorst Langendiebach eröffnet, und kurz darauf begann mit der Errichtung der Pionierkaserne ein großes Kasernenbauprojekt im Osten der Stadt.

Dazu bedurfte es eines riesigen Geländes, welches, über Gemeindegrenzen hinweg, auf Hanauer und Wolfgänger Gemarkung zusammengelegt wurde. Die Aufrüstung hatte Priorität, sodass dem Projekt keinerlei planerische Hindernisse entgegenstanden. Auffällig und im deutschen Kasernenbau ziemlich einmalig ist die fächerförmige Anlage der neuen Kaserne, deren erster Bauabschnitt im Juni 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, fertiggestellt wurde. Dass da quasi „auf der anderen Straßenseite“ das Sportfeld lag, war von Vorteil, konnte diese Sportanlage doch gleich von der Wehrmacht mitbenutzt werden.

Mehrfache, erfolglose Luftangriffe

Der Krieg ging bekanntlich für Deutschland verloren. Hanau als Stadt und vorher schon die Industriebetriebe hatten stark unter dem alliierten Bombenkrieg zu leiden. Auch die Firma Dunlop war mehrfach Ziel von Bombenangriffen, meist zielgenau und in Tagesangriffen von der U.S.-Army Airforce ausgeführt. Doch nicht immer wurden die Bomber der USAAF ihre Bombenlast komplett am Ziel Hauptbahnhof oder Dunlop los.

Und so fiel so manche scharfgemachte Bombe erst auf der Abflugroute, so auch auf das Gelände des Sportfelds und der Pionierkaserne. Letztere war übrigens entgegen der Mär, die Alliierten hätten zwecks späterer eigener Nutzung die Hanauer Kasernen verschont, sogar mehrfach Ziel von nicht ganz folgenlosen Luftangriffen.

Sportsfield wurde nach dem Krieg beschlagnahmt

Dass der Sportplatz der 93er auch von der Wehrmacht benutzt wurde, hatte im Frühjahr 1945 für den Hanauer Sport fatale Folgen. Am 27. März 1945 besetzten die Amerikaner Hanau, wenige Tage später erklärte die provisorische Militärverwaltung die Beschlagnahme sämtlicher militärischer Liegenschaften. Darunter eben auch die Pionierkaserne mitsamt dem Sportfeld.

Dieses Aufklärungsfoto von 1944 stammt aus dem U.S.-Nationalarchiv. Es wurde nach einem Angriff der U.S.-Army-Airforce auf die Firma Dunlop aus Richtung Hauptbahnhof aufgenommen. Im oberen Bilddrittel ist die Aschaffenburger Chaussee zu sehen. Foto: rz-Bildarchiv

Unmittelbar nach dem Kriegsende waren in Hanau, abgesehen von einer kleineren Besatzung im Großauheimer Depot, keine US-Truppen stationiert. Die Kasernen in der Lamboystraße wurden von der UN-Flüchtlingshilfsorganisation UNRRA mit sogenannten Displaced Persons (DPs) belegt, also vom Krieg entwurzelten Zwangsarbeitern, ehemaligen Kriegsgefangenen, KZ-Häftlingen und anderen Verfolgten. 

Tragischer Unfall im Juli 1950

In der Pionierkaserne und der ebenfalls teilweise stark beschädigten Argonner-Kaserne begannen erst langsam die Aufräumarbeiten. Dies änderte sich aber Ende der 1940er Jahre mit der Verschärfung des Kalten Krieges und der damit verbundenen Erhöhung der US-Militärpräsenz in Europa.

Im Frühjahr 1950 wurde die Hessen-Homburg-Kaserne mit dem 4. Combat Engineer Bataillon belegt, einer Einheit, die vor allem mit der Kampfmittelbeseitigung befasst war. Sie kam auch zum Einsatz bei der Räumung des Sportfelds in Wolfgang, welches die Amerikaner als Übungsgelände vorgesehen hatten. Dabei kam es im Juli 1950 zu einem tragischen Unfall: Ein Blindgänger töte dabei einen neugierig die Arbeit der Minenräumer beobachtenden zehnjährigen Hanauer Buben und einen 24-jährigen amerikanischen Soldaten. 

Vietnam-Krieg hatte Auswirkungen auf Wolfgang

Die Kasernen im Lamboy und in Wolfgang wurden in den frühen 1950er Jahren zügig belegt, und Hanau wurde in Zeiten des Ost-West-Konflikts zur größten amerikanischen Garnison außerhalb der USA; die U.S. Military Community umfasste zeitweise über 30 000 Soldaten und Angehörige. Man richtete sich seitens der Amerikaner ein in Deutschland – und die militärischen Einrichtungen wuchsen, nicht nur in Hanau.

Ein Einschnitt in der ganzen Geschichte war die Niederlage der Amerikaner im Vietnam-Krieg 1975, in deren Folge es in den USA zu einer grundsätzlichen militärischen Neuorientierung kam. Ein Ergebnis war die Schaffung einer reinen Berufsarmee und damit die Abschaffung der Wehrpflicht. Und dies hatte nun auch Folgen für Wolfgang. Es kamen nämlich nun nicht mehr nur Soldaten, die in den Kasernen untergebracht waren. In der Berufsarmee konnten nun auch die unteren Dienstgrade im Gegensatz zu früher ihre Familien mitbringen. Der dadurch heftig anziehende Bedarf an Wohnraum konnte vom lokalen Wohnungsmarkt in der Region bei Weitem nicht gedeckt werden.

Ausbau des Gebiets

So legte das US-Verteidigungsministerium in den ausgehenden 1970er Jahren ein gewaltiges Wohnungsbau- und Infrastrukturprogramm auf, das auch in Wolfgang Wirkung zeigte. So entstand an der Abzweigung nach Großauheim ein medizinisches Versorgungszentrum, und am Rande der ehemaligen Pulverfabrik wurde mit der größten PX weltweit ein gigantischer Supermarkt eröffnet. Nicht weit davon entstand ein riesiges Bowling-Zentrum, welches es ohne große Anstrengung ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft hätte.

Zugleich wurden in dem Zwickel zwischen der Bebraer Bahn, der Aschaffenburger Straße und der Pionierkaserne die „Triangle Housing Area“ genannte Zivilsiedlung deutlich erweitert. Und auch gegenüber der Pionier-Kaserne, zwischen Friedberger Bahn und Aschaffenburger Straße, mithin auf dem Gelände des ehemaligen 93er Sportplatzes, entstanden eine Grundschule und ein Kindergarten.

Keine planungsrechtlichen Vorgaben für die Amerikaner

Aber auf dem bald auch offiziell „Sportsfield“ genannten Areal war noch mehr Platz: Insgesamt 22 Wohnblocks wurden dort buchstäblich aus dem Boden gestampft. Weil auch die dortige Bushaltestelle der Hanauer Straßenbahn „Am Sportfeld“ heißt, so war schnell ein Name für das neue Wohnviertel gefunden.

Auch diese Aufnahme aus dem U.S.-Nationalarchiv ist ein Aufklärungsfoto von 1944 nach einem Angriff auf Dunlop. Das Bild zeigt teils das Kleingartengelände entlang der Friedberger Bahn, auf dem heute die Wohnblocks der Sportsfield Housing Area stehen. Im Hintergrund ist die Dunlop zu erkennen. Foto: rz-Bildarchiv

Das war natürlich für die Amerikaner, die Millionen von US-Dollars in diese Projekte investierten, leicht zu machen, hatten sie doch im Wesentlichen keine planungsrechtlichen Vorgaben zu beachten. Die Nähe zur Dunlop war für die Errichtung der Sportsfield Housing Area denn auch kein Hindernis. Seit 1982 galt aber für deutsche Bauherren, mithin auch die Kommunen, die sogenannte Seveso-Richtlinie der EU, die 1996 erweitert wurde und welche die Verhütung schwerer Betriebsunfälle mit gefährlichen Stoffen und die Begrenzung der Unfallfolgen regelt. Um deren Kriterien und um weitere Auflagen geht es nun bei den Wohnblöcken der Sportsfield Housing: Sie liegen zu nahe an der Dunlop!

90 Prozent der Wohnungen stehen zurzeit leer

Sie waren gleichwohl jahrzehntelang belegt, teilweise über das Jahr 2009 hinaus, als die Garnison Hanau aufgelöst wurde. Buchstäblich Tausende von Amerikanern sind dort aufgewachsen und hatten dort ihr Dach über dem Kopf. Und heute leben noch immer dort Flüchtlinge, die vor Jahren nach Hanau kamen. Nun steht der Wohnungsmangel in der Region gegen eine regulative Auflage, welche im Klartext den Abriss sofort nutzbaren Wohnraums bedeutet. 90 Prozent der Wohnungen stehen derzeit leer. Aber Hanau kämpft!



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