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Sportsfield: Gesetzeslage sorgt für kuriose Wohngebietssituation

Hanau

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    Hier wohnen und wohnten schon immer Menschen: Doch Baugenehmigungen wurden nie erteilt und die nachträgliche Aufstellung eines Bebauungsplanes für ein Wohngebiet ist nicht rechtssicher umzusetzen. Archivfoto: Mike Bender

Hanau. Die Stadt Hanau will auf einem zentrumsnahen und verkehrstechnisch gut erschlossenen Areal Wohnraum schaffen – beziehungsweise im Falle von Sportsfield Housing bereits bestehenden Wohnraum als solchen offiziell ausweisen und erhalten – und darf es nicht, weil es, salopp gesagt, zu laut ist und zu sehr stinkt. 

Artikel vom 12. Februar 2020 - 23:00

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Von David Scheck

Aber warum ist das nur wenige Meter entfernte, auf der anderen Seite der Aschaffenburger Straße gelegene Pioneer-Gelände von der Geruchsbelastung und dem Lärm nicht betroffen? Was ist mit dem nahegelegenen Freigerichtviertel? Und warum dürfen trotz zu hoher Immissionswerte Menschen, nämlich Flüchtlinge, in den Sportsfield-Blocks wohnen? Zur aktuellen Situation und den rechtlichen Rahmenbedingung haben wir die Stadt Hanau befragt.

Was hat die Stadt Hanau mit dem Areal Sportsfield Housing vor?
Die Stadt strebt die Nutzung der bestehenden intakten Gebäudestrukturen zur Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums an. Wohnungen sind im Rhein-Main-Gebiet ein knappes Gut. Die Nachfrage nach preisgünstigen, zentral gelegenen Wohnungen ist hoch, und die Stadt will die Chance nutzen, im Bereich Sportsfield ein Wohnangebot zu machen, das die Entwicklung in Pioneer sinnvoll ergänzt.

Konkret heißt das: Die Stadt oder eine ihrer Gesellschaften würde das Gelände im Rahmen der Erstzugriffs-Option erwerben, um es analog zu Triangle zu entwickeln. Ein Teil der Wohnungen würde saniert als erschwingliche Eigentumswohnungen verkauft werden, zu einem Preis unter Marktwert und mit der Auflage der Eigennutzung. Der andere Teil würde im Bestand der Baugesellschaft als Mietwohnungen bleiben.

 

Warum ist auf dem Sportsfield-Gelände rechtlich kein Wohngebiet möglich?
Die Wohnnutzung genießt keinen Bestandsschutz, da niemals Baugenehmigungen erteilt wurden. Es bedarf daher der Aufstellung eines Bebauungsplans für ein Wohngebiet. Rechtssicher ist dieser aber nicht darstellbar, da durch benachbarte Verkehrsstraßen und gewerbliche Nutzungen die Immissionsrichtwerte für ein allgemeines Wohngebiet deutlich überschritten sind und – vor allem hinsichtlich der Geruchsbelastung – auch nicht durch aktive oder passive Schutzmaßnahmen zu bewältigen sind. Benachbarte Gewerbebetriebe könnten sich rechtlich gegen die „heranrückende“ Wohnbebauung zur Wehr setzen.

 

Wie kann es sein, dass eine Unterbringung von Flüchtlingen dort möglich ist und dass zuvor jahrelang die Familien der US-Soldaten wohnen konnten?
Für die Unterbringung Geflüchteter gelten gemäß Paragraf 246 Baugesetzbuch (BauGB) Sonderregelungen. Hier wird von wesentlichen baurechtlichen Anforderungen befreit. Für die frühere Unterbringung von amerikanischen Familien bedurfte es keiner Baugenehmigungen nach deutschem Recht; insofern wurden diese weder erteilt noch wurden die entsprechenden rechtlichen Anforderungen geprüft.

 

Warum sind Lärmschutzwände keine Lösung?
Prinzipiell wären Lärmschutzwände durchaus eine Lösung, weil sie das Wohnen in Sportsfield leiser machen würden. Rechtlich unterscheidet man aber (für uns überhaupt nicht nachvollziehbar) zwischen Gewerbelärm und Verkehrslärm. Während Verkehrslärm mittels Lärmschutzwänden verringert werden darf, gilt das für Gewerbelärm ausdrücklich nicht.

Das Hauptproblem im Bereich Sportsfield ist aber zudem neben dem Lärm die signifikante Überschreitung der Richtwerte der Geruchs-Immissionsrichtlinie (GIRL). Gegen Gerüche gibt es keine sinnvollen Schutzmaßnahmen im Einwirkungsbereich.

 

Warum ist auf dem Pioneer-Gelände Wohnbebauung zulässig und auch in Quartieren wie dem Freigerichtviertel möglich, wo es auch immer wieder eine Geruchsbelastung durch Goodyear-Dunlop gibt?
Auf dem Pioneer-Gelände, das deutlich weiter von Dunlop entfernt ist, ist die Geruchsbelastung deutlich geringer als im Bereich Sportsfield. In den am stärksten belasteten Bereichen von Pioneer sind gewerbliche Nutzungen festgesetzt, für die nach der GIRL höhere Richtwerte gelten. Das Freigerichtviertel ist ein bestehendes Wohngebiet, die dort vorhandenen Nutzungen genießen Bestandsschutz.

 

Was ist mit den neun Wohnblocks der ehemaligen Erstaufnahmeeinrichtung geplant, die dem Land gehören?
Wir würden im Rahmen der Erstzugriffs-Option das gesamte Areal der Sportsfield Housing kaufen wollen und als Gesamtpaket entwickeln. Wenn es für Sportsfield eine zügige Lösung durch den Bund für die weitere Wohnnutzung gäbe, könnten auch wir zeitnah mit der Sanierung und Übergabe an künftige Nutzerinnen und Nutzer beginnen. Wobei zeitnah hier einen Vorlauf von etwa eineinhalb Jahren bedeutet. Das macht deutlich, dass die Zeit wirklich drängt, denn die Gebäude werden durch jahrelangen Leerstand nicht besser.

 

Sollte es nach der Novellierung des Baugesetzbuches auf Bundesebene keine Änderungen für Sportsfield geben: Welche alternativen Pläne hat die Stadt in der Schublade?
Eigentlich hoffen wir auf die Einsicht und Vernunft der Gesetzgebung und bohren auch dickere Bretter. Sollten sich unsere Hoffnungen nicht erfüllen, müssten wir uns schweren Herzens einer gewerblichen Entwicklung zuwenden, die dann so gestaltet sein muss, dass keine Störungen für Wohnnutzung auf Pioneer entsteht.



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