Lesezeichen hinzufügen hanauer.de als Startseite
stark bewölkt
8 ° C - stark bewölkt
» mehr Wetter

Sportsfield: So ist die Stimmung - Zwei Campmitarbeiter erzählen

Hanau

  • img
    Wo Sonne ist, ist auch Schatten – auch im Flüchtlingscamp Sportsfield Housing in Hanau-Wolfgang. Dort leben aktuell 840 geflüchtete Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Das Camp existiert seit Sommer 2015. Foto: Kerstin Biehl

Hanau. „Wo wollen Sie hin?“ Mit dieser Frage werden wir von zwei Sicherheitsbeamten am Eingang zu Sportsfield Housing empfangen. Die beiden Männer stehen vor einer Schranke und einer Eisentür, die den freien Zugang zu dem Areal, auf dem seit 2015 Geflüchtete leben, versperren – zumindest für uns. 

Artikel vom 12. Februar 2020 - 06:00

Anzeige

Von Kerstin Biehl

Ob wir eine Besuchserlaubnis hätten, wollen sie wissen. Die haben wir nicht. Einen Termin? Auch das müssen wir verneinen. Wir wollten einfach mal gucken kommen. Nachschauen, wie es hier inzwischen aussieht. Wer hier lebt. Was für eine Stimmung herrscht. Mit Geflüchteten ins Gespräch kommen. Aber dazu soll es an diesem vernieselten Januarmorgen nicht kommen. Sportsfield ist abgeriegelt. Mit Zaun und Tor. Besucher unerwünscht. Zumindest unangemeldete. Warum das so ist, wird man uns bei unserem nächsten Besuch erklären. Der ist eine Woche später. Odentlich angemeldet. Jetzt hebt sich auch für uns die Schranke.

Wüssten wir es nicht besser, würden wir denken, in einer Studentenstadt zu sein. Vor den Wohnblocks stehen unzählige Fahrräder, über manchen Balkongeländern hängt Wäsche zum Trocknen, auf den weitläufigen Rasenflächen stehen einige, jetzt im Winter brachliegende Hochbeete. Auf den Dächern der vierstöckigen Gebäude haben sich Fußbälle in den Schneegittern gesammelt. Viele Menschen sind an diesem frühen Vormittag nicht unterwegs. Vereinzelt kommen uns Bewohner entgegen, laufen Richtung Ausgang, grüßen freundlich. Andere stehen auf dem Balkon, beobachten uns, hängen ihre Wäsche auf. 

700 Menschen haben eine eigene Wohnung gefunden

Flüchtlingskoordinator Andreas Jäger führt uns in sein Büro auf Sportsfield. Er arbeitet hier, seit die Geflüchteten im August 2015 in Hanau ankamen. Jäger kennt viele von ihnen persönlich. 840 sind es aktuell. Bei der Hälfte von ihnen ist das Asylverfahren bereits abgeschlossen. Der Großteil davon hat eine Aufenthaltserlaubnis und damit das Recht, sich eigenen Wohnraum zu suchen. Doch das ist nicht einfach. „Finden Sie mal eine Wohnung für eine fünf-, sechs-, sieben- oder sogar zwölfköpfige Familie. Da sind die Möglichkeiten ziemlich beschränkt“, schildert Jäger. Und macht damit deutlich, warum der Wohnraum auf Sportsfield so wertvoll ist.

Dennoch – seit bestehen des Flüchtlingscamps gab es eine Fluktuation von 700 Personen. 700 Menschen, die eine eigene Wohnung gefunden haben. Viele von ihnen wohnen dann erst einmal auf Probe. Eine Initiative der Stadt Hanau gegen Berührungsängste, die bei manchen Vermietern existiert. Ein halbes Jahr geht diese Probezeit, dann kann der Vermieter entscheiden. Auch ein Mietführerschein soll dazu beitragen, die Hemmschwelle, seine Wohnung an Geflüchtete zu vermieten, zu überwinden. Mit dem Mietführerschein weisen Flüchtlinge etwa ihre Kenntnisse über regelmäßige Putzdienste, die Leerung der Mülltonne oder die Mülltrennung nach. 

Jäger und Beyer als eingespieltes Team

Und diejenigen, die hier leben? Sind sie zufrieden? „Ich glaube nicht, dass die Menschen hier unglücklich sind. Sie haben so viele Möglichkeiten. Sprachkurse, Nachhilfe, Nähworkshop, Zumbakurs, Hebammensprechstunde, Kinder- und Jugendbüro“, zählt Jäger auf. „Vieles ist hier komfortabler, als würden sie draußen leben. Sie bekommen viel Unterstützung. Aber natürlich ist das auch immer eine Typfrage. Manchmal fehlt auch der Antrieb, sich nach etwas Eigenem umzusehen“, schildert er und erinnert sich, dass viele der Geflüchteten anfangs vor Glück geweint hätten, als sie die Wohnungen auf Sportsfield bezogen.

Ein wichtiger Kollege von Jäger ist Stefan Beyer. Er leitet das Amt für Wohnhilfen und Soziales. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Beyer erzählt, dass die Flüchtlinge auf Sportsfield für das Nutzungsverhältnis bezahlen. Von dem Geld, das ihnen durch das Asylbewerberleistungsgesetz zusteht. Ein Haushaltsvorstand bekommt beispielsweise um die 400 Euro, ein großer Teil davon fließt in die Miete.

Flüchtlingsthematik sei nicht mehr „in“​

Jäger und Beyer werden bei ihrer Arbeit von ehrenamtlichen Flüchtlingslotsen, meist Menschen im Ruhestand, unterstützt. „Es gibt viele Lotsen, die von Anfang an dabei sind. Sie wachsen mit ihren Aufgaben, kommen aber auch irgendwann an ihre Grenzen“, sagt Jäger. Allerdings habe die Unterstützung von außen abgenommen. Die Stimmung habe sich gewandelt. Die große Hilfsbereitschaft sei abgeflaut. „In meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich aufgehört, über meine Arbeit hier zu sprechen. Jeder hat sich in irgendeiner Form seine Meinung zu dem Thema Flüchtlinge gebildet. Jeder weiß irgendetwas oder meint etwas zu wissen. Da habe ich keine Lust mehr drauf.“

Das Thema Flüchtlinge sei einfach nicht mehr „in“. Was in Teilen auch unsere Frage nach der Abgrenzung des Camps nach außen beantwortet. Jäger erklärt: „Der Zaun, das Tor, die Schranke, das ist nichts anderes als Schutz für die Menschen hier drinnen. Anfangs gab es einen regelrechten Flüchtlingstourismus, die Leute kamen, wollten gucken, die meisten sicher aus purer Neugier. Aber es gibt eben auch andere“, so Jäger.

Es gibt auch Probleme im Camp

Er und Beyer führen uns über das Gelände. Zeigen, wo der Kindergarten untergebracht ist. „Kinder“, sagt Beyer, „profitieren am meisten davon, dass sie hier sind. Sie integrieren sich schnell, lernen schnell die Sprache. Probleme gibt es eher bei den Frauen.“ Viele von ihnen blieben auf der Strecke. Sie kämen am wenigsten raus, blieben zu Hause, kümmerten sich um Haushalt und Familie, sprächen am schlechtesten Deutsch. „Es gibt aber auch Frauen, die sich emanzipieren. Eine spannende Entwicklung“, sagt Jäger.

Freilich ist im Camp nicht immer alles eitel Sonnenschein. Es gibt durchaus auch Probleme. Auch davon berichten Jäger und Beyer. Trennung, Scheidung, Krankheit, Existenzängste. Dinge, die sich auch außerhalb eines Flüchtlingslebens finden. Aber auch die Angst vor Abschiebung.

Geflüchtete müssten Geduld lernen

„Kürzlich hatten wir hier den Fall, dass eine Frau und die drei Kinder anerkannt wurden, der Vater aber abgeschoben werden sollte. Wir haben uns eingeschaltet. An den Schutz der Familie appelliert. Die Sache ist zu einem glücklichen Ende gekommen. Der Vater hat nun auch eine Aufenthaltserlaubnis“, schildert Jäger. Abschiebungen gebe es auf Sportsfield aber nur „sehr, sehr wenige“. Diejenigen, die zurückgehen, tun dies freiwillig. Wegen ‧unerfüllter Erwartungen. Oder weil sie Heimweh haben, weil die Familie zurückgeblieben ist. 

„Geduld“, sagt Jäger, „ist eines der ersten Worte, die Geflüchtete in Deutschland lernen.“ Wenn man vom Arzt zum Hartz-4-Empfänger wird, quasi wieder bei null anfangen muss, dann macht das etwas mit den Menschen. „Das ist schon hart für viele. Aber wir haben durchaus auch Erfolgsgeschichten. Wie der Geflüchtete, der jetzt, nach drei Jahren, einen Job bei Heraeus hat. Wie diejenigen, die nach kürzester Zeit fließend Deutsch sprechen. Da ist viel Eigenantrieb dabei. Das zu sehen, freut uns ungemein.“

Selbstverwirklichung als Ziel

Und wie geht es auf Sportsfield mit den Geflüchteten weiter? Gibt es ein Datum, an dem sie hier raus sein müssen? „Wir haben das Areal bis 2025 vom Bund angemietet“, so Beyer. Bis dahin werde man so viele Menschen aber nicht in kostengünstigen Wohnraum vermitteln können. „Tendenziell denke ich an eine Vertragsverlängerung, zumindest für einen Teil des Geländes“, sagt Beyer.

Dennoch, der Wunsch, das Ziel, der Idealfall von Jäger und Beyer ist es, die Geflüchteten von Sportsfield dezentral unterzubringen. „Es wäre schön, wenn jeder Einzelne hier seine individuellen Vorstellungen von seinem Leben verwirklichen könnte.“

Wie ist Ihre Meinung? 
Treten Sie mit uns zu dem Thema in Kontakt. Schreiben Sie uns an hier


Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.