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Afghanische Flüchtlinge sind nun auf Sportsfield zu Hause

Hanau

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    Dankbar und glücklich: Easean und seine Frau Naficse leben mit ihren fünf Kindern seit Ende 2015 im Camp auf Sportsfield. Das Bild entstand beim Gespräch im Wohnzimmer der Familie. Foto: Kerstin Biehl

Hanau. Es ist der erste Eingang von Haus 314. Vor der Tür stehen Fahrräder in allen Größen. Es sind Spenden von Ehrenamtlern für die Menschen, die im Camp leben. Zwei Etagen geht's nach oben. Nach dem zweiten Klopfen öffnet Easean Akbari die Tür. Der 33-Jährige lächelt. „Kommen Sie herein“, sagt er mit viel Herzlichkeit.

Artikel vom 12. Februar 2020 - :

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Von Yvonne Backhaus-Arnold

 Die Wohnung ist fast komplett mit Teppichen ausgelegt. Einen Esstisch sucht man vergebens. Die Familie isst auf Matten im Raum neben der Küche. Easeans Frau Naficse hat einen Auflauf im Ofen. Nachher kommen die Kinder aus der Schule. Mit Hunger. 

Im Wohnzimmer dekoriert das Bild eines übergroßen Wasserfalls die eine Wand, gegenüber findet sich die abendliche Skyline von New York. Es ist gemütlich, auch wenn die Möbel gebraucht sind.

6000 Kilometer unterwegs

Wir nehmen im Wohnzimmer Platz. Der 33-Jährige und seine heute 30 Jahre alte Frau sind am 21. September 2015 mit ihren fünf Kindern aus ‧Afghanistan geflohen. Sie waren in einem Dorf in der Nähe von Herat zu Hause, nach Kabul die zweitgrößte Stadt des Landes. Gewalt. Hierarchien. Die Taliban. Easean kann nicht darüber sprechen, findet nur schwer die richtigen deutschen Worte für das damalige Leben in seiner Heimat. Es muss schlimm gewesen sein, sonst hätte seine Familie sich nicht für die Flucht entschieden.

Fast 6000 Kilometer sind sie unterwegs; mit dem Bus in den Iran, dann zu Fuß durch die Türkei. In einem Luftboot mit mehr als 70 Passagieren überqueren sie das Meer Richtung Griechenland, laufen danach wie Hunderttausende zu Fuß über die Balkanroute. Nach einem Monat erreichen sie die bayrische Landeshauptstadt München. Dann geht's weiter nach Frankfurt. Drei Monate leben sie in einer Turnhalle im Stadtteil Ginnheim, kommen dann über die Erstaufnahme in Gießen nach Hanau.

Ziel: Ausbildung zum Erzieher

Hier sind sie geblieben, hier gefällt es ihnen. Einmal sind sie innerhalb des Camps umgezogen, weil die Nachbarn über ihnen wenig Verständnis hatten für das Paar mit den fünf Kindern. Jetzt ist alles gut – auch mit den Nachbarn. Easean, Naficse und ihre fünf Kinder im Alter von 13, elf, neun, sieben und fünf Jahren sind sieben von fast 400 Menschen aus Afghanistan, die im Camp an der Aschaffenburger Straße leben und die größte Gruppe der aktuell 840 Bewohner stellen. 

Die 30-Jährige besucht vormittags einen Deutschkurs, der 33-Jährige lernt ebenfalls Deutsch und absolviert gerade ein Praktikum als Erzieher in einer Kindertagesstätte in Wolfgang. Nach den drei Monaten möchte der Mann, der in Afghanistan als Grafiker gearbeitet hat, eine Ausbildung zum Erzieher machen. 

„Hanau ist gut“

Die Kinder gehen zur Schule, mit dem Bus nach Steinheim oder zu Fuß zur Robinsonschule nach Wolfgang, das Jüngste in eine der drei Kita-Gruppen im Camp. 

„Hanau ist gut“, sagt Easean. Seine Familie und er fühlen sich wohl in der Brüder-Grimm-Stadt. Über das Kinder- und Jugendbüro im Camp sind die vier Töchter und der Sohn mittlerweile in Sportvereinen aktiv: Gymnastik, Karate, Tanzen, Jugendtreff des Jugendzentrums Wolfgang. Der 33-Jährige freut sich über die Freiheiten, die seine Frau und die Töchter haben: ohne Verschleierung allein in die Stadt gehen? „In Afghanistan unmöglich“, sagt Easean. Zwangsheirat. Unterdrückung. In Hanau müssen seine Töchter das nicht fürchten.

Ein Lob für die Meinungsfreiheit

Die Kinder sprechen auch untereinander Deutsch, animieren ihre ‧Eltern, auch Deutsch zu sprechen. Kontakt nach Afghanistan haben sie noch, immerhin leben die Geschwister von Naficse und Easean noch dort. 

Was er an Deutschland schätzt? „Dass man hier seine Meinung sagen kann.“ Und dass es nicht nur Fleisch und Reis, sondern auch Kartoffeln gebe, ergänzt er und lacht. Überhaupt das Lachen. „In Afghanistan habe ich nie gelächelt, in Deutschland tue ich das ganz oft, ohne Angst zu haben, das mich mein Gegenüber deswegen schlägt“, berichtet er von Erfahrungen aus der alten Heimat.

Paar möchte noch besser Deutsch lernen

Pläne hat das junge Paar noch viele. Noch besser Deutsch lernen, irgendwann eine eigene Wohnung mieten, ein Auto kaufen. Doch davor steht die Entscheidung über die Aufenthaltsgenehmigung. Aktuell ist das Asylverfahren der Familie noch nicht abgeschlossen – sie sind somit nur im Besitz einer Aufenthaltsgestattung.

Die Einladung zum Tee müssen wir ausschlagen. „Auf Wiedersehen“, sagt Easean zum Abschied. Wieder mit einem Lächeln auf den Lippen.

Karte: Fotolia/Kartoxjm



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