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Letzte Rettung für Tiere: Der Gnadengarten Hoppels und Wuzze

Hanau

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    Bei Hoppels und Wuzze in Kesselstadt steht ein Generationswechsel an. Gründerin Maritta Hirschhäuser (Zweite von links) will sich nach und nach aus der Tierrettung zurück ziehen und den alteingesessenen Gnadenhof in jüngere Hände geben. Eine potenzielle Nachfolgerin könnte Lisa Marie Stahlecker (links) sein. Unterstützung bei der Tierpflege gibt es von Jennifer Hörnig. Foto: Kerstin Biehl

Hanau. Als vor einem guten dreiviertel Jahr das Handy von Maritta Hirschhäuser klingelt, muss es schnell gehen. Eine Autofahrt nach Bayern. 300 Kilometer einfache Strecke. Es gilt einen Schwan zu retten. Er befinde sich in einem desolaten Zustand, heißt es am Telefon. 

Artikel vom 10. Februar 2020 - 07:17

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Von Kerstin Biehl

Was die Gründerin und Besitzerin des Gnadengartens Hoppels und Wuzze vor Ort sieht, schockiert sie zutiefst.„Ein Flügel des Tiers war quasi nicht mehr vorhanden. Es war ein wirklich schlimmer Anblick“, erzählt die 63-Jährige. „Bis auf den Knochen abgefault.“ Ihrem Blick ist anzumerken, dass sich dieses Bild tief bei ihr eingebrannt haben muss.

Gemeinsam mit einer Helferin holt Hirschhäuser den Schwan aus dem Wasser. „Die Passanten dort haben ihn einfach weiter gefüttert. Obwohl sie gesehen haben, in welchem Zustand er war. Wie er leidet.“

Tiere wurden teilweise extrem gequält

Es ist Hirschhäusers Berufung, Tieren einen liebevollen und umsorgten Lebensabend zu ermöglichen. Dafür hat sie in Kesselstadt, in der Nähe der Kaiserteiche, den Gnadengarten Hoppels und Wuzze geschaffen. Dort leben ausschließlich Tiere, die sehr alt, sehr krank oder behindert sind oder solche, die extrem gequält wurden.

110 Tiere leben bei Hoppels und Wuzze in Kesselstadt – unter ihnen auch viele Geflügeltiere.

So wie Pixie und Pumba, die Minischweine, die das Team des Gnadenhofs vor dem Schlachthaus gerettet hat. Und ihr Kumpel Smoothie; er wurde aus einem Meerschweinchenkäfig gerettet. Acht Wochen war er damals alt – und für einen solch beengten Lebensraum freilich viel zu groß.

Kaninchen überlebt nach Tod der Halterin

Oder das flauschige Kaninchen, das eine Woche ohne Essen und Trinken überlebt hat, als seine Besitzerin gestorben ist. „Die Schwester der Verstorbenen hat die alte Dame nach einer Woche tot in ihrer Wohnung gefunden – neben ihr das Kaninchen. Sie war so glücklich, dass wir es aufpäppeln konnten und aufgenommen haben“, erinnert sich Hirschhäuser.

Einen Tag vor der Beerdigung ihrer Schwester sei sie im Gnadengarten vorbeigekommen, habe 100 Euro gespendet und betont, wie froh sie sei, und dass sie tags drauf, am Grab ihrer Schwester, dieser sagen wolle, dass ihr Kaninchen in guten Händen ist.

20 Kaninchen genießen ihren Platz

Gemeinsam mit mehr als 20 anderen Kaninchen tummelt sich das Tier im weitläufigen Außen- und Innengehege. Da ist Fred, mit dessen Tod das Gnadenhof-Team beinahe täglich rechnet, mit Feldkaninchen Wall-E, der als Baby angefahren wurde, oder die große Matilda, die aus einem 50 mal 50 Zentimeter kleinen Käfig mit Gitterboden befreit wurde und zu Beginn ihrer Gnadenhofzeit auf Grund von Haltungsbedingten verkrusteten Füßen überhaupt nicht richtig laufen konnte.

Die teilweise schweren Schicksale merkt man den Tieren meist, zumindest äußerlich, nicht mehr an.

Oder der blinde Benji, der freundlich wedelnd übers Gelände läuft und die schlechten Tage, in denen er ausgesetzt und damals schon blind durch Frankfurts Innenstadt irrte, wohl schon vergessen hat.

Supermarkt spendet Essen für Tiere

Was es wohl kostet all diese Tiere zu ernähren? „Ich weiß es nicht“, sagt Hirschhäuser. „Wir bekommen Essensspenden von einem großen Supermarkt. Wenn wir die nicht hätten, ich wüsste nicht, wie wir das alles stemmen sollten.“ Doch ob es mit den Essensspenden weitergehen wird, sei ungewiss. 

Hirschhäuser, eine gelernte Bankkauffrau, hat sehr viel Herzblut in das Projekt gesteckt. 1998 hat sie den Gnadengarten aus der Taufe gehoben. Damals gab es ein Schweinchen, Sunny, Hirschhäusers ein und alles. Ein Fotos des Borstentiers hängt bis heute über dem Schweinegehege. Damals war der Gnadengarten noch in Seckbach, zog dann um nach Dörnigheim und vor 13 Jahren weiter nach Kesselstadt. „Das Grundstück gehört einer Freundin. Sie stellt es uns zur Verfügung.“

Betreiberin sucht langsam eine Nachfolge

Hirschhäuser ist 63 Jahre alt. Und augenscheinlich putzmunter und sehr fit. Dennoch weiß sie: „Natürlich geht auch an mir das Alter nicht vorbei. Irgendwann muss ich hier loslassen, muss auf eine Nachfolgeregelung hinarbeiten“, sagt sie. Peu à peu möchte sie sich zurückziehen. Auf keinen Fall irgendwann dastehen und keinen haben, der ihren Hof in ihrem Sinne weiterführt. „Es soll ein fließender Übergang sein.“

Soll den Gnadengarten bald übernehmen – die Abiturientin Lisa Marie Stahlecker. Foto: Kerstin Biehl

Und für diesen setzt sie große Hoffnung in die 19-jährige Lisa Marie Stahlecker. Stahlecker engagiert sich seit einem guten halben Jahr im Gnadengarten. „Sie könnte meine Nachfolgerin werden. Aber man muss abwarten.“ Zu überschwänglich möchte Hirschhäuser nicht sein. Eher vorsichtig. „Ich habe hier schon so viele Helfer kommen und leider auch wieder gehen sehn. Man muss abwarten“, sagt sie.

Tierphysiotherapeutin statt Lehrerin

Dennoch – bei Lisa Marie habe sie ein gutes Gefühl. Die Abiturientin, die schon mit zwölf ihre Sommerferien als Helferin in einem rumänischen Tierheim verbrachte und im Laufe der Jahre auch Erfahrungen in anderen Tierheimen sammelte, zuletzt in den USA, erzählt: „Ich habe meine Pläne umgeworfen. Eigentlich wollte ich Lehramt studieren. Dann wäre ich tagsüber aber nicht hier gewesen. Also mache ich jetzt eine Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin. Im Abendstudium. Da bleibt genügend Zeit für den Gnadenhof.“

Jennifer Hörnig ist eine der ehrenamtlichen Helferinnen auf dem Gnadenhof.

Eine andere Helferin, die dem Gnadengarten über viele Jahre die Treue hält, ist Jennifer Hörnig. „Für meine Kinder, meinen Mann und ich ist Maritta so etwas wie eine Oma. Und der Gnadengarten ein zweites Zuhause“, sagt sie. Übernehmen möchte Hörnig den Gnadengarten aber nicht, das sei ihr zu viel Verantwortung.

„Da ist die Lisa schon besser geeignet“, verweist sie auf die große Nachwuchshoffnung, die gerade ins Schweinegehege steigt. Sechs Minischweine leben dort. Sie sehen sehr zufrieden aus, wie sie sich durch den Schlamm wühlen, immer auf der Suche nach Essbarem.

110 Tiere leben im Gnadengarten in Kesselstadt

„Wir haben hier immer so um die 110 Tiere. Aktuell sind das neben den Schweinen 23 Kaninchen, 34 Meerschweinchen, viele Geflügeltiere, zahlreiche Enten, unseren Schwan Arthur und zwei Hunde“, zählt Stahlecker auf, während ihr die Schweinchen die mitgebrachten Weintrauben aus der Hand fressen.

Hirschhäuser schaut dem Treiben zu. Eine Zufriedenheit geht von ihr aus, eine Entspanntheit und Zuversicht. „Wir können nicht alle retten, das ist klar. Aber die Tiere, denen wir helfen können, haben hier ein Paradies.“

Finanzierung ist nicht einfach

Doch wie ist so ein Gnadengarten finanziell zu stemmen? Da sind zu einem die Ersparnisse, die das Ehepaar Hirschhäuser in den Gnadengarten eingebracht hat und immer wieder einbringt. Ab und zu gibt es auch mal eine Spende. Und es gibt die Tierpatenschaften, für die ein Pate, je nach Tierart, einen monatlichen Beitrag zwischen fünf und 20 Euro bezahlt.

Hereinspaziert: Der Gnadengarten befindet sich in Kesselstadt, ganz in der Nähe der Kaiserteiche.

Dafür darf er sein Patentier besuchen, darf Gast im Gnadengarten sein, denn der Aufenthalt ist nur Paten gestattet. „Irgendwann haben die Besuche von außen einfach überhandgenommen. Da kamen am Wochenende Scharen von Familien mit Kindern, die teilweise alles platt getrampelt haben. Vor vier Jahren blieb uns nichts anderes übrig, als diese Regelung zu schaffen.“

Weitere Helfer werden dringend gesucht

Und personell? Wer kümmert sich um all die geschundenen Kreaturen, die hier ein Zuhause gefunden haben? „Ja, das ist ein echtes Problem. Eigentlich sind wir immer zu wenige. Wir suchen dringend nach ehrenamtlichen Helfern“, sagt Hirschhäuser.

Vor allem vormittags und an den Wochenenden könnten sie jede helfende Hand gut gebrauchen. Auch engagierte, handwerklich begabte Männer dürften sich gern bei ihnen melden. „Jeder, der so tickt wie wir, ist hier herzlich willkommen“, so die Tierfreundin.

Schwan erholt sich von seinen Qualen

Von dem mehr als desolaten Zustand, in dem sich der eingangs erwähnte Schwan noch vor einem halben Jahr befand, ist nichts mehr zu sehen. Allein Arthurs – sämtliche Tiere des Gnadengartens bekommen beim Einzug einen Namen – linke Seite sieht ein wenig weniger füllig aus als die rechte. „Wir sind damals direkt von Bayern in die Tierklinik gefahren. Der Flügel wurde amputiert“, erinnert sich Hirschhäuser.

Mit einem bis auf die Knochen abgefaulten Flügel fand das Gnadengarten-Team Schwan Arthur an einem Gewässer in Bayern vor. Heute geht es Arthur wieder gut.

Heute, ein halbes Jahr später, ist dem anmutigen Tier sein schweres Schicksal nicht mehr anzumerken. Der Schwan scheint sich wohlzufühlen im Gnadengarten. Hat sogar Freunde gefunden und zieht nun mit einer Gänseschar übers Gelände. Hier wird er bleiben. Seinen Lebensabend verbringen. Liebevoll umsorgt. 

Helfen im Gnadengarten Hoppels und Wuzze, am Köppelweg, in Kesselstadt in der Nähe der Kaiserteiche. Der Gnadengarten ist nicht öffentlich. Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte oder Interesse an einer Tierpatenschaft hat, kann sich telefonisch mit dem Team in Verbindung setzen unter der
Telefonnummer 01 77/6 13 93 00.

Der Verein freut sich über Spenden für Tierarztkosten oder Medikamente. 
Spendenkonto IBAN: DE02 5005 0201 0394 2228 49


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