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Coronavirus: Hanauer Studentin erzählt von ihren Erlebnissen

Hanau

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    Einmal kommt Jacqueline Schauer ums U-Bahn fahren nicht herum. Wohl fühlt sie sich dabei nicht. Die wenigen Menschen, die das öffentlichte Verkehrsmittel in Shanghai noch benutzen tragen alle Mundschutz. Foto: Privat

Hanau. „Ich bin so froh, dass ich noch einen Platz in dieser Maschine bekommen habe. Lufthansa ist zu diesem Zeitpunkt ja schon nicht mehr geflogen“ – Die Hanauerin Jacqueline Schauer ist vergangenen Freitag mit einem Flugzeug der Fluggesellschaft China Eastern aus Shanghai zurückgekehrt.

Artikel vom 04. Februar 2020 - 10:30

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Von Kerstin Biehl

Eigentlich wollte die Studentin bis März in der chinesischen Millionenmetropole bleiben. In Ruhe ihr Schulpraktikum absolvieren, das sie im Rahmen ihres Masterstudiums an eine deutsche Schule in Shanghai verschlug. Dann kam das Virus, und das ohnehin schon andersartige Leben in China änderte sich komplett.

Studentin über China: "Ich liebe dieses Land"

„Ich habe bewusst China für mein Praxissemester ausgewählt. Ich liebe dieses Land, habe schon in der Schule
Chinesisch gelernt“, erzählt die ehemalige KRS-Schülerin. Dass der Aufenthalt dort mit einer großen gesundheitlichen Gefahr verbunden sein könnte, davon ahnt Schauer, als sie sich am 3. Januar in den Flieger Richtung Shanghai setzt, noch nichts.

Die junge Frau zieht bei ihrer Gastfamilie ein, geht täglich in die Deutschen Schule Shanghai Yangpu, um dort zu unterrichten. „Alles war gut, ich habe mich sehr wohl gefühlt“, erzählt Schauer gestern während eines Telefongesprächs mit unserer Zeitung.

Schüler kommen mit Mundschutz zum Unterricht

Mitte Januar sieht sich Schauer erstmals mit dem Corona-Virus konfrontiert. Sie möchte einen Mundschutz erwerben, eigentlich wegen der schlechten Luft in Shanghai. Aber alle Masken sind aus verkauft. Nicht etwa wegen der Luftverschmutzung – die Angst vor dem Virus treibt die Chinesen zum Maskentragen an. Kurze Zeit später kommen auch die ersten Schüler mit Masken zum Unterricht. „Das Virus war sehr plötzlich sehr präsent“, erinnert sich Schauer.

Um sie herum tragen immer mehr Menschen Mundschutz. „Ich selber bekam schließlich durch einen befreundeten Arzt meiner Gastmutter noch eine Maske. Sie waren wirklich überall ausverkauft“, erzählt sie. 

Regierung verbietet Rundreise

Die junge Frau hat im Rahmen ihres Aufenthalts auch eine kleine Reise geplant, denn die chinesischen Neujahrsferien stehen an, eine schulfreie Zeit vom 23. Januar bis 3. Februar. Gemeinsam mit anderen ausländischen Studenten nimmt die Gastlehrerin an einer Rundreise zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten teil.

Am Morgen des 23. Januar besteigt sie den Reisebus, voller Vorfreude. Es dauert gerade einmal eine halbe Stunde, dann ist die Reise vorbei: Die chinesische Regierung verbietet sie. Alle Attraktionen, Tempel, Sehenswürdigkeiten und Hostels werden geschlossen. Der Bus kehrt um. Reise gestrichen.

Restaurants geschlossen, Straßen leergefegt

Auch in Shanghai beginnen die ersten Clubs, die ersten Restaurants zu schließen. Und auf der Straße sind immer weniger Menschen anzutreffen. „Und alle, wirklich ausnahmslos alle mit Mundschutz. Und wenn mir wirklich einmal jemand ohne begegnete schlug ich sofort eine andere Richtung ein“, sagt die Studentin.

Die U-Bahn, das Fortbewegungsmittel Nummer eins in Shanghai, meidet sie fortan so gut es geht, läuft stattdessen zu Fuß oder nimmt sich ein Taxi. „Der Taxifahrer trug Handschuhe, da habe ich gemerkt, dass es wohl richtig ernst ist“, erinnert sie sich.

Auch ihre Gastfamilie möchte über die Neujahrsferien verreisen. Gerade einmal zwei Tage ist die vierköpfige Familie unterwegs. Dann kehrt sie zurück. „Sie hatten einfach Angst. Und wollten sich nicht in der Öffentlichkeit bewegen“, berichtet die Hanauerin. Der Urlaub der Familie stellt Schauer kurzzeitig vor eine Herausforderung.

Einkaufen mit mulmigem Gefühl

„In China kauft man selten im Supermarkt. Für Lebensmittel gibt es Lieferdienste, die die bestellten Produkte direkt an die Haustüre liefern. Allerdings habe ich nicht über die nötige App verfügt, deshalb musste ich, als meine Gastfamilie verreist war, raus, in den Supermarkt“, schildert Schauer.

Mit Mundschutz und denkbar mulmigem Gefühl geht sie vor die Tür, erst zu Fuß, dann eine Station mit der U-Bahn. „Es war ein ganz komische Atmosphäre. Alles war so leer. Die Straßen. Die U-Bahn. Sobald jemand hustete, drehten sich alle anderen weg. Ich natürlich auch. Auch im Supermarkt gab es die Fieberkontrolle. An der Hand oder der Stirn wird gemessen, piept es, kann man weiter gehen.

Gespenstische Leere herrschte in den Supermärkten von Shanghai. Foto: Privat

Ich hatte, obwohl ich wusste, dass ich kein Fieber habe, Angst, dass es bei mir anschlägt. Dann ist mir auch noch die Maske über die Augen gerutscht und ich habe mich nicht getraut sie anzufassen, um sie wieder runter zu ziehen, weil meine Hände nicht desinfiziert waren“, schildert die junge Frau die beklemmende Situation.

Gastfamilie rät zur Abreise

Am 27. Januar rät Schauers Gastfamilie ihr schließlich zur Abreise. Ein Rat den Schauer gerne annimmt, denn auch ihre Eltern hatten sie bereits gebeten, heim zu kommen. „Die Situation in Shanghai wurde immer schwieriger. Vor unserem Wohnblock sind dann auch Menschen in weißen Schutzanzügen aufgetaucht. Am Anfang war ich noch optimistisch, auch dahingehend, dass die Schule nach den Ferien wieder aufmacht. Aber aktuell ist sie bis 17. Februar geschlossen, vielleicht auch länger“, sagt sie. 

Am Abend des 27. Januar ruft Schauer bei der Fluggesellschaft an. Ihr wird geraten spätestens am 31. Januar auszureisen. Schauer bucht den Platz in der Maschine der China Eastern. Die Lufthansa hat ihre Flüge von und nach China da schon eingestellt. „Ich hatte bis zum Schluss Angst, dass meine Fluggesellschaft ihre Flüge auch streicht“, sagt sie.

Keine Kontrollen am Frankfurter Flughafen

Doch es geht alles gut. Zwei Fieberkontrollen am Flughafen. Doppelter Mundschutz während des Flugs. Abnahme nur zum Essen. Formulare mit Kontaktdaten, falls einer der anderen Passagiere im Nachhinein erkrankt und sie kontaktiert werden müsste. Dann endlich: nach elfeinhalb Stunden die Landung in Frankfurt. Schauer kann einfach durch die üblichen Kontrollen laufen. Keine erneute Fiebermessung, keine Anweisungen. Nichts. „Das hat mich schon ein wenig gewundert“, sagt sie.

Heute kann die junge Frau durchatmen. Verfolgt die Lage in Shanghai übers Internet. Und chattet mit den ausländischen Studienkollegen, die noch vor Ort sind. „Es heißt, dass vor deren Wohnblocks mittlerweile Schilder mit der Aufforderung zu Hause zu bleiben hängen, sonst werde die Rente gestrichen“, erzählt sie und betont froh zu sein, nicht mehr dort sein zu müssen.

Bei den Eltern in Quarantäne

In den kommenden zwei Wochen bleibt Schauer bei ihren Eltern. Wartet ab, was passiert. „Obwohl ich immer Mundschutz anhatte und immer alles desinfiziert habe“, sagt sie. Ihre Freunde haben den Vorschlag für ein Treffen erst einmal dankend abgelehnt. Schauer hat dafür Verständnis, sagt: „Vielleicht gehe ich einfach mal zum Arzt. Denn ich hätte mir hier in Deutschland am Flughafen einfach mehr Aufklärung gewünscht.“



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