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Der OB ergibt sich: Narren übernehmen Kontrolle im Rathaus

Hanau

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    Triumphieren nach dem erfolgreichen Sturm auf die Rathausspitze: Das Kernstadtprinzenpaar Sabrina II. und Maik I. hält auf dem soeben eingenommenen Balkon von Schloss Philippsruhe den Schlüssel zum Rathaus und die angeblich prall gefüllte Stadtkasse in die Höhe. Unten jubelt das Narrenvolk. Foto: Reinhard Paul

Hanau. Eine feindliche Übernahme sieht eigentlich anders aus. Meist wird im Vorfeld in Hinterzimmern gekungelt (was diesmal wohl auch der Fall war), trifft es das Opfer völlig unvorbereitet (was ganz anders war), treten die Heuschrecken feindselig auf, (diesmal freundlich) und geschieht nach der Übernahme wenig Gutes.

Artikel vom 13. Januar 2020 - 14:16

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Von Jutta Degen-Peters

Beim Sturm auf die Rathausspitze im Schloss Philippsruhe durch die Hanauer Karnevalisten waren Oberbürgermeister Claus Kaminsky und seine Frauen und Mannen die absoluten Gewinner: Sie können sich bis zum Aschermittwoch entspannt zurücklehnen und den Narren das Regieren überlassen.

Dass der OB und seine Mann- und Frauschaft zudem Urlaub bei vollem Lohnausgleich machen dürfen, freut den Sozialdemokraten besonders: „Damit wurde ja eine urgewerkschaftliche Forderung erfüllt. Die muss jetzt nur noch auf alle anderen Lohngruppen übertragen werden“, feixte der OB unter dem Beifall der umstehenden Zuschauer, nachdem er ohne große Gegenwehr Rathausschlüssel und Stadtkasse an die Vertreter der Hanauer Karnevalsvereine übergeben hatte.

Verhandeln die Narren die Kreisfreiheit?

Insider munkeln ja, er habe sich nicht ohne Grund kampflos ergeben. Wer möchte in einem stressigen Job nicht mal sechseinhalb Wochen Sonderurlaub genießen. Im vollen Vertrauen darauf, dass andere die eigenen Aufgaben bestens erledigen. Ende Januar sollen schließlich die Gespräche mit dem Main-Kinzig-Kreis über die Kreisfreiheit beginnen.

„Da werden wir die Närrinnen und Narren zu Landrat Thorsten Stolz schicken“, ließ Stadtrat Thomas Morlock auf dem Balkon des Schlosses durchblicken. Das klingt nach einem perfekten strategischen Schachzug. Wenn die Karnevalisten auch in Gelnhausen das Husarencorps mitnehmen und ihre Kanonen abfeuern lassen, wie sie das gestern vorm Schloss Philippsruhe taten, dürfte die Kreisfreiheit beschlossene Sache sein. 

Dafür, dass diese Theorie stimmt, spricht auch, dass sich ein unerkannt-bleiben-wollender Karnevalist mit Clownsmaske unter die närrische Schar gemischt hatte und das Schild „Hanau, kreisfreie Brüder-Grimm-Großstadt“ hochhielt. Keine Frage, dass sich der Rathauschef mit ihm gerne fotografieren ließ.

Narren sind scharf auf die Finanzen

Der Rädelsführer der Karnevalsvereine aus Kernstadt und den Stadtteilen, Sascha Feldes, seit fünf Jahren Vorsitzender des Carnevalvereins Klein-Auheim, wollte auf die knallharten Fragen der HA-Vertreterin nicht viel rauslassen. Man werde sich jetzt schwerpunktmäßig den Ressorts Kultur, Freizeit, Sport und Karneval widmen, erklärte er einsilbig, um dann aber noch noch zu verraten, dass man scharf sei auf die Finanzen.

Die Frage „Wie werden Sie das Geld künftig einsetzen“ konterte er geschickt mit den Worten: „Das entscheiden wir ganz spontan“.

OB hat keine Chance gegen die Narrenschar

Unter dem Strich hatten die vereinten Karnevalisten – die IG Tümpelgarten mit Kinderprinzenpaar Benjamin und Eyleen I. sowie Sylvia und Dirk Breitkopf, die 1. KG Kleinauheim mit den Kinderprinzen Philipp I. und Phoebe I. mit Rosi Bauer, Stefan Schönberg und Jürgen Dräger, die 1. Steinheimer Karnevalgesellschaft 1950 mit Prinz André I., Prinzessin Stephanie I und Heiko Lipke, die 1. GKG Großauheim mit Prinz Fabian und Prinzessin Eva I. gestern also leichtes Spiel.

Die Masse der Narren komplettierten die Trommelgruppe „Los Krautis“, Nico Atzert und Jutta Straub, dem Hanauer Carnevalszug Verein mit den Vorsitzenden Peter Weber und Thomas Eberhardt sowie Thorsten Storck, dem KZV Klein-Auheim mit Chef Werner Peth, der 1. Hanauer Tanzgarde unter Nadine Wietzel, den Lustische Geeleriebe mit ihrer Vorsitzenden Anni Gast, der Concordia Kesselstadt mit Vorsitzendem Steffen Heeg und Vize Reinhard Prüssing, dem MCV Mittelbuchen mit Chefin Manuela Kunkel, dem CCSW Steinheim und dem Carnevalsclub Blaues Blut mit Andrea Schenk.

Feinstaub der Grund für die Kapitulation?

Offiziell hieß es, der Magistrat und diverse Stadtverordnete hätten sich wegen des Feinstaubs ergeben, der den Schlossbalkon und die dort versammelten rund 25 Personen nach mehreren Kanonensalven mit dichten Wolken einnebelte. Die 250 Köpfe zählende Karnevalistenschar, die unten zum Sturm aufs Schloss ansetzte, konnte die Politikerkaste jedenfalls nicht einschüchtern.

Die Narren sollten nicht auf die bloße Zahl der Köpfe schauen, argumentierte der OB mit Blick auf das große „politische Gewicht“ von BfH-Mitglied Oliver Rehbein. Man entbiete zwar, wie es sich gehöre, den drei Jubiläums-Faschingsvereinen mit insgesamt 224 Jahren seinen Glückwunsch – das 1. Hanauer Husarencorps 1986 wird 33, der HCV feiert 66-jähriges und der CV Klein-Auheim sein 125-jähriges Jubiläum. Doch blicke die Regierungsmannschaft mit 717 Jahren Stadtrechten auf die ungefähr dreifache Zahl zurück und sei daher schwer im Vorteil.

Trotzdem ergaben sich der OB und sein Team am Ende mit den Worten: „Wir kapitulieren“, was nachgewiesenermaßen ausschließlich taktische Gründe haben kann.



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