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Umfrage zur Bonpflicht: Händler sauer, Kunden haben keinen Bedarf

Hanau

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    Fast niemand will sie, außer dem Gesetzgeber: Kassenbons für Kleinbeträge. Bäckermeister Thorsten Philippi kehrt die von Kunden nicht mitgenommenen Belege in einer seiner Filialen zusammen. Fotos: Reinhard Paul

Region Hanau. Die seit Jahresbeginn geltende Bonpflicht stößt sowohl bei Händlern als auch den meisten Kunden in der Region Hanau auf wenig Gegenliebe. Die Einzelhändler, die nun auch bei Mini-Beträgen einen Beleg ausdrucken müssen, sprechen von einem unverhältnismäßigem Mehraufwand, der nur für steigende Kosten sorge. 

Artikel vom 11. Januar 2020 - 05:28

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Von Reinhard Paul

Bei einer nicht repräsentativen Umfrage unserer Zeitung meinten über 95 Prozent der befragten Käufer von Kleinartikeln, dass sie dafür keinen Bon benötigten. Kritisiert wurde von Kunden- und Händlerseite, dass die Pflicht zur Ausgabe von Belegen unnötig Müll produziere.

Unmengen von Kassenbons fluten die Geschäfte

Bäckermeister Thorsten Philippi aus Nidderau betreibt mittlerweile 16 Filialen und hat die Bons von nur zwei Tagen gesammelt.  „Es ist unglaublich, was sich hier ansammelt“, sagt er und deutet auf einen großen Stapel, der nur aus drei seiner Filialen stammt.

„Früher haben wir maximal einmal die Bonrolle wechseln müssen. Natürlich hatten wir auch da schon auf Kundenwunsch die Kassenbons ausgedruckt, das kam aber sehr selten vor. Heute müssen wir nicht nur rund 2000 Kassenrollen pro Jahr zusätzlich kaufen – was einem materiellen Wert von knapp 2500 Euro darstellt – sondern wir haben auch jede Menge Sondermüll, den wir jetzt entsorgen müssen.“

Kunden wollen keine Bons

Rund 95 Prozent von Philippis Kunden wollen überhaupt keinen Bon und lassen ihn im Laden. „Aneinandergereiht ergäben das 160 Kilometer an Papier“, so der Bäckermeister. Da es Thermopapier sei, könne es nicht mit dem normalen Papier entsorgt werden, sondern ausschließlich im Restmüll.

Philippi hält es für vermessen, dass quasi alle Kleingewerbebetreiber vom Staat und Fiskus unter Generalverdacht gestellt würden. „Ich denke, die wenigsten betreiben Steuerhinterziehung. Unsere Kassen sind doch sowieso für das Finanzamt jederzeit einsehbar und den Betrag müssen wir doch ohnehin eingeben“.

Interessant findet Philippi auch die Frage, wie die Behörden mit der Problematik nun auf Märkten, Festen und Vereinsfeiern umgingen. „Wollen die denen jetzt auch alle Kassen anordnen? Ich denke, da wird im Allgemeinen mehr Schindluder getrieben als an der normalen Bäckerkasse.“

Elektronische Kassensystem sind für viele Pflicht

Unabhängig von der neuen Bonpflicht sind bereits seit dem 1. Januar 2017 für die meisten Einzelhändler elektronische Kassensysteme vorgeschrieben, die unter anderem Umsätze zehn Jahre lang unverändert speichern. Wer ein solches Kassensystem in seinem Betrieb im Einsatz hat und dieses weiterhin nutzen möchte, muss dafür sorgen, dass alle gesetzlich vorgeschriebenen Anforderungen erfüllt werden.

Er muss seine alten Kassen also aufrüsten oder – wenn das nicht mehr möglich ist – neue Kassen anschaffen. Sonst drohen bei der nächsten Betriebsprüfung Strafgelder oder aber der Prüfer verwirft und schätzt die Buchführung, was zu erheblichen Steuernachzahlungen führen kann.

Bäckermeister bezweifelt Sinn und Zweck

Für Bäckermeister Philippi bedeutet das, dass er und seine Kollegen ältere Kassen umrüsten müssen, damit der Fiskus dieselben direkt vor Ort auslesen kann. Dies würde pro Kasse zwischen 300 und 500 Euro kosten. Philippi hat 16 Kassen und somit zusätzliche 8000 Euro Kosten. 

Ob all diese Maßnahmen einen Steuerbetrug verhindern, wagt er zu bezweifeln. „Jedes Eintippen in die Kasse, jedes Storno – es wird doch sowieso alles dokumentiert – ist nachträglich elektronisch auslesbar“. 
„Ich halte das auch für Quatsch“, sagt eine junge Windeckerin in der Warteschlange der Bäckerei. „Ich werde doch mein Brötchen ohnehin nicht reklamieren.

Wochenmarkt nur zum Teil betroffen

Peter Krebs steht auf dem Hanauer Wochenmarkt. Er und seine Kollegen sind zum Teil ebenfalls von der Bonpflicht betroffen. Elektronische Kassen sieht man hier zwar kaum, weil größtenteils noch in das große Kellnerportemonnaie ein- und ausgezahlt wird.

„Die, die ein elektronisches Kassensystem haben, müssen einen Bon ausgeben. Das wird aber sicherlich nicht allzuoft der Fall sein“, mutmaßt er. Krebs hat noch keine elektronische Kasse. „Mal schauen, wann der Rest dran ist. Vor allem wird dann alles noch zeitintensiver“, befürchtet er.

Kassenbon statt Bierdeckel in Kneipen

Susanne Zintz betreibt eine Gastronomie in Bruchköbel, das Lokal Gleis 3. Und auch hier ist das Thema eine Frage der Zeit. In der Kneipe hat man bislang die Rechnung auf den Bierdeckel geschrieben. Und nun soll nun alles einzeln in die Kasse eingegeben werden? Zintz: „Ich habe in den seltensten Fällen eine Bonanfrage. Klar wenn mal jemand einen Essensbeleg für das Finanzamt benötigt schon, aber ansonsten fragt doch kein Mensch nach einer Rechnung.“

Den Kneipiers würde sowieso immer nachgesagt, dass sie in die eigene Tasche arbeiteten. „Aber wir müssen doch ganz klar belegen, was wir eingekauft haben und was wir ausgegeben haben. Da sind die Schummelmöglichkeiten doch verschwindend gering“, sagt die Gaststättenbetreiberin.

Im Frisiersalon K 2 Körperkult an der Bruchköbeler Landstraße in Hanau gibt es schon immer einen Beleg. Chefin Anette Marti Pedrol: „Nicht jeder will einen Bon mitnehmen, aber wir bieten es von jeher an“.

Im Kiosk geht es um Centbeträge

Teilweise um Centbeträge geht es bei Verkäufen von Manuel Lippert beim Zeitungskiosk auf dem Hanauer Marktplatz. „Wir finden diese Bonpflicht sehr fragwürdig. Auf der einen Seite macht man auf Umweltfanatiker und andererseits soll man für jeden Pfennigbetrag einen Thermobeleg herausgeben. Das passt nicht wirklich zusammen."

„Wenn hier jemand den HANAUER oder eine Schachtel Zigaretten mitnimmt, dann lässt er sich in der Regel keinen Beleg geben.“ Er schätzt, dass zwei Prozent der Kunden  tatsächlich diesen Bon mitnehmen und er den Rest umweltgerecht entsorgen müsse. Seine Kunden würden nur den Kopf schütteln über so viel Bürokratie. 

Zeit- und Ressourcenverschwendung

Den Kopf schüttelt auch Jacqueline Wolf aus dem Damfastore in der Salzstraße. „Bei uns kommen die Kunden mehrmals die Woche rein um sich ein Liquid zu kaufen. Das ist das Gleiche als wenn sich jemand täglich eine Packung Zigaretten kauft.“ 

Da ließe sich nicht jeder eine Quittung geben, es sei denn es gehe um Garantiefragen wie bei einem neuen Akku oder Zubehör, wofür es ja Sinn mache. Für die übrigen Bons hält sie die ganze Aktion eher für Zeit und Ressourcenverschwendung. 

„Wir sind doch ohnehin kassentechnisch mit dem Finanzamt verbunden. Jeder Finanzbeamte kann jederzeit einsehen, was wir einkaufen und was wir rausgeben.“ Ihres Erachtens ändert die Bonpflicht nur eins: „Es wird noch mehr Müll produziert. Achja, und wir haben natürlich eine erhebliche Summe an Mehrausgaben für die Bonrollen“.



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