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Weltschlaganfalltag: Wie ein 82-Jähriger sich zurückkämpfte

Hanau

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    Klaus Platz wird von Physiotherapeut Helmut Gruhn behandelt.  Foto: PM

Hanau. Am 30. Oktober ist Weltschlaganfalltag. Der Hanauer Klaus Platz kann zu dem Thema heute mehr erzählen als viele Ärzte. Er ist zu einem Spezialisten geworden – und das hat einen guten Grund.

Artikel vom 30. Oktober 2019 - 14:03

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Platz hat eine Spezialform des Schlaganfalls erlitten, einen Thalamusinfarkt. Seitdem hat er alles zu dem Thema gelesen, was ihm unter die Finger beziehungsweise die Augen gekommen ist. 

Im Juni vor fünf Jahren war es, da kündigte sich alles an. Es war während einer Wanderung zum Kreuzberg, da konnte Platz plötzlich nicht mehr laufen und die Beine haben gezittert. Hinzu kommt, dass er bereits zwei Stents nach einem Hinterwandinfarkt gesetzt bekommen hat und seit 2008 sogar mit einer neuen Herzklappe lebt. Hinzu kam ein mächtiger Schwindel und ein niedriger Blutdruck.

Vier Wochen Reha in Bad Orb

Nach einer kurzen Pause konnte er die Wanderung fortsetzen. Als er zwei Tage später zuhause ohnmächtig wurde, kam er sofort mit Blaulicht in die Stroke Unit ins Klinikum Hanau und wurde sofort behandelt. „An das, was an diesem Tag war, kann ich mich kaum noch erinnern“, gesteht der 82-Jährige heute. 

Als er dort wieder zu sich kam, konnte er glücklicherweise alles bewegen, sprechen und sich ganz normal unterhalten. Drei Tage war er auf der Stroke Unit und anschließend eine Woche auf der Normalstation. „Ich war insgesamt ein wenig wackelig, auch im Kopf, aber sonst fehlte mir nichts“, schmunzelte er. Später meinte er zu einem Arzt, dass er wohl Glück gehabt hätte. Der war aber ganz anderer Auffassung und meinte zu Klaus Platz, dass er sich den „blödesten Schlaganfall ausgesucht“ hätte, den es gibt, eben den Thalamusinfarkt. Anfangs konnte sich Platz darunter noch nichts vorstellen und auch in der Reha in Bad Orb, wo er für vier Wochen war, war alles in Ordnung. 

Beratung in einer Mainzer Schmerzklinik

Aber gegen Ende des Aufenthalts dort haben die Schmerzen langsam zugenommen. Auf dem Rückweg von einem Spaziergang hab ich mich bereits setzen müssen, weil der Schwindel so stark geworden ist. Ich musste mich dann mit dem Rollstuhl abholen lassen“, berichtete er von die-sem denkwürdigen Ausflug. Schmerzen in der rechten Schulter und im rechten Arm, später auch im rechten Bein traten erst nach der Reha auf und nahmen mit der Zeit weiter zu. Er erhielt eine niederschmetternde Diagnose: Es entwickele sich ein Thalamus-Schmerzsyndrom. Dieses sei nicht heilbar und kaum therapierbar. Das aber wollte der studierte Nachrichtentechniker nicht so stehen lassen. 

Er las sich tief ins Thema ein und unternahm einiges gegen die Schmerzen. Platz war beispielsweise in Frankfurt im Schmerzzentrum, ist mit Akupunktur behandelt oder auch mit Gleichstrom stimuliert worden. Er wurde in einer Schmerzklinik in Mainz beraten. Aber nach kurzen Anfangserfolgen kehrte der Ausgangszustand wieder zurück. Der Nachbar von Platz, Dr. Wolfgang Busch, ist Mediziner und behandelt ihn mit der Feldenkrais-Methode.

Er ist auf seine Frau angewiesen

Darüber hinaus hat er ihn auf Helmut Gruhn mit seinem Perzeptionshaus und dessen „Back to Life“-Konzept  aufmerksam gemacht, und bereits nach drei Monaten war er hier zur Therapie. Schmerzlindernde Medikamente, die ja alle auch Nebenwirkungen haben, halfen kaum. Doch dank der intensiven Betreuung durch Dr. Busch und Physiotherapeut Gruhn konnte er einige Verbesserungen erreichen. Aber die Schmerzen und der Schwindel kehren regelmäßig wieder zurück, wenn auch nicht ganz so schlimm.

Nichts ist mehr wie es war Klaus Platz' Leben ist seit dem Thalamusinfarkt sehr eingeschränkt. Vorher ist er gerne gewandert und war sogar Vorsitzender eines Wandervereins, er tanzte gerne, besuchte gerne Konzerte, und weder Auto- noch Bus- noch Radfahren machten ihm Probleme. Heute ist das ganz anders, Platz kann fast nicht mehr allein aus dem Haus gehen, seine Frau begleitet ihn überall hin.

„Es ist ein Teil Lebensqualität, die einem verloren geht.“

Er hat nach wie vor  Gleichgewichtsstörungen, kann nicht schnell den Kopf drehen, im Dunkeln ist das Sehen und die Orientierung eingeschränkt. Selbst Auto fahren geht nicht mehr, im Bus oder in der U-Bahn wird ihm sehr schnell schwindelig. Es gibt dort zu viele Reize für ihn, die er nicht verarbeiten kann. Sein rechter Fuß ist zudem taub.

Hinzu kommen Muskelschmerzen, die anfallartig oder auch lange anhaltend, auftreten. Temperaturänderungen lösen ebenfalls Schmerzattacken aus. Er kann im Sommer nicht in die Sonne und im Winter nicht in die Kälte. Er muss jede Menge Medikamente nehmen. „Es ist ein Teil Lebensqualität, die einem verloren geht. In Gesellschaften oder in Situationen, in denen viele Leute sind, fühle ich mich überfordert und nicht wohl. In ein Konzert oder eine Oper gehe ich nicht mehr, weil es dort zu laut ist und dadurch Schmerzattacken ausgelöst werden“, bedauert Platz seine Situation nach dem Schlaganfall.

Multimodaler Ansatz zeigte die größte Wirkung

Klaus Platz und seine Frau Ingeborg freuen sich aber sehr über die „Back to Life“-Therapie im Perzeptionshaus. „Ohne die Behandlung wäre es wesentlich schlimmer“, fügt die 77-Jährige Ehefrau an. Die Übungen und Handgriffe von Helmut Gruhn, die nicht immer sehr sanft sind, haben eine positive Auswirkung auf die Muskelschmerzen, und die Attacken verschwinden vorrübergehend. Die Feldenkrais-Therapie bringt zusätzlich vorrübergehende Entspannung und Erleichterung.

„Zusammenfassend hat Herr Platz mit dem chronischen Schmerzsyndrom ein in Ausprägung und Symptomatik oft wechselndes sensomotorisches Beschwerdebild. Die größte Wirksamkeit der Behandlung liegt in dem multimodalen Ansatz der Therapeuten mit dem Bobath Konzept, Feldenkraisübungen und Techniken aus der manuellen Medizin“, erläutert Helmut Gruhn laut der Mitteilung.

„Sie gibt mir Sicherheit und das in doppeltem Sinn“

Dadurch könne Platz immer wieder leichter laufen und mit Pausen auch größere Strecken zurücklegen. Arztbesuche in Frankfurt oder Einkaufstouren auf dem Hanauer Wochenmarkt seien so möglich.

Auch ein ergänzendes, selbstständiges Übungsprogramm zu Hause diene der Entspannung. Aber so richtig wohl fühlt er sich nur, wenn er seine Ingeborg beim Gehen neben sich an der Hand nehmen kann. „Sie gibt mir Sicherheit und das in doppeltem Sinn“, meinte Klaus Platz schmunzelnd.  cd



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