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Henry Hirschmann, Zeitzeuge des Holocaust, ist tot

Großauheim/Großkrotzenburg

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    Während einer USA-Reise im Jahr 2015 hatte Pfarrer Heinz Daume (links) Henry Hirschmann in North Carolina besucht. Beide verband eine intensive Freundschaft. Nun ist der Holocaust-Überlebende verstorben.  Archivfoto: PM

Großauheim/Großkrotzenburg. Henry Hirschmann, der letzte Zeitzeuge des Holocaust aus den Gemeinden Großkrotzenburg und Großauheim in Charlotte, North Carolina, USA ist im Alter von 99 Jahren friedlich eingeschlafen. Hirschmann starb am 19. Oktober. Pfarrer Heinz Daume resümiert in einer Mitteilung das Leben des Verstorbenen.

Artikel vom 26. Oktober 2019 - 12:33

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Seit der Erneuerung der Großkrotzenburger Synagoge als Gedenk- und Begegnungsstätte 1992 hat er viele Male Großkrotzenburg besucht. In der Synagoge, bei Gedenkveranstaltungen und vor allem bei Schulveranstaltungen im Kreuzburg-Gymnasium, der Lindenau- und der Karl-Rehbein-Schule war er bereit, seine Lebensgeschichte zu erzählen und mit Jung und Alt zu diskutieren. Durch seine offene Art, begleitet von dem Wunsch der Aussöhnung, wurde er zu einem wichtigen Zeitzeugen. Vor allem vor Jugendlichen zu sprechen, war ihm ein wichtiges Anliegen. Der Aussage „Wir haben doch von nichts gewusst“ entgegnete er mit seinen Erfahrungen von Ausgrenzungen und der Inhaftierung im Heimatort sowie der Deportation ins Konzentrationslager Buchenwald, die von der Bevölkerung weithin wahrgenommen wurden.

Henry, zunächst noch Heinz genannt, wurde am 5. August 1920 in Großauheim geboren. Mit 13 Jahren feierte er in der Synagoge Großkrotzenburg seine Bar Mitzwa. Als Jugendlicher erlebte er wie „Juden“, die ja auch Deutsche waren, verboten wurde, im Schwimmbad am Main schwimmen zu gehen. So brachte er bei seinen Reisen als Dokument für die Zeit davor seinen Freischwimmer-Ausweis mit.

Weil er kein Gymnasium mehr besuchen durfte, machte er eine Ausbildung in einer Lederfabrik in Offenbach. Am 10. November 1938, er war gerade 18 Jahre alt, rief seine Mutter ihn am Telefon in Offenbach an und bat ihn, nicht nach Hause zu kommen, sondern nach Holland zu reisen. Aber da er keine wirkliche Ahnung hatte, wie er das völlig ohne Geld und Kleider tun konnte, kam er nach Großauheim, wurde dort inhaftiert und mit anderen Juden aus Großauheim und Großkrotzenburg am nächsten Tag unter Schlägen in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert.

Visum für Amerika

Nach mehreren Monaten wurde er dort entlassen, denn seine Eltern hatten ihm ein Visum für Amerika besorgt. Anfang Mai zog er nach New York. Seine Eltern und seine beiden Brüder musste er zurücklassen. Seine Versuche, sie nach Amerika zu bringen, schlugen fehl. Sein ganzes Leben lang litt er darunter, dass seine Familie in Minsk ermordet wurde und er das nicht verhindern konnte.

Dennoch leistete er danach als Soldat einen großen Beitrag. Er bewarb sich bei der U. S. Army und wurde trotz Vorbehalten, da er Deutscher war, in den Dienst aufgenommen. Er gehörte zu den Truppen, die im Juni 1944 in der Normandie landeten und von dort den Kampf gegen Nazi-Deutschland aufnahmen.

Auf seinem Weg kam er bis Ende des Krieges mit seiner Truppe bis nach Salzburg. Auch nach dem Krieg blieb er noch im Dienst der U. S. Army in Deutschland. Er wollte in der Nähe von Großauheim sein und wählte Wiesbaden als seinen Standort. Trotz des Leids durch die Ermordung seiner Eltern durch die Nazis gibt es Geschichten, wie er Menschen aus dem Heimatort bei Nöten der Nachkriegszeit half.

Zunächst in New York wohnhaft

Zurück in den USA, wohnte er zunächst in New York, heiratete eine polnische Jüdin. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder. Später zog er nach Charlotte in North Carolina. Er hatte einen kleinen Vertrieb von Geschenkartikeln. In seinem langen Ruhestand wurde er aber als Holocaust-Überlebender und zugleich Soldat im Zweiten Weltkrieg, der den ganzen amerikanischen Feldzug mitgemacht und mehrere Auszeichnungen dafür bekommen hatte, ein wichtiger Zeitzeuge, der vor vielen Schulen und vor großen Versammlungen auch in Amerika über seine Erlebnisse sprach. „Er hat große Anteile am Verständigungs- und Versöhnungsprozess sowohl in den USA als auch in der Region Hanau. Dafür gebührten ihm großer Dank und Anerkennung“, schreibt Pfarrer Daume.

Daume war bis 2017 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Großkrotzenburg und Beauftragter für Christlich-Jüdischen Dialog in der Evangelischen Landeskirche in Kurhessen-Waldeck. Seit 2018 ist er Pfarrer im Ruhestand und wohnt in Nidderau-Windecken. Ehrenamtlich ist Daume Schatzmeister des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bad Nauheim. Daume hat Hirschmann auf seinen Besuchen in Deutschland begleitet und ihn in seinem Wohnort Charlotte in North Carolina (USA) mehrmals besucht.

In den Jahren hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, so Daume. Freunde und Bekannte aus Großkrotzenburg und Groß-auheim trafen sich kürzlich in der Ehemaligen Synagoge Großkrotzenburg, um ihre Betroffenheit, aber auch ihre Anerkennung der Lebensleistung zum Ausdruck zu bringen. Bürgermeister Bauroth und Daume richteten den beiden KindernmPaul und Adina sowie den Enkeln und Urenkeln ihr Beileid aus. cd



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