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Jahresempfang der IHK mit emotionalem Appell

Hanau

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    Vollversammlung beim Jahresempfang: Zahlreich waren Vertreter aus der heimischen Wirtschaft sowie der Politik und aus anderen gesellschaftlichen Bereichen erschienen, um die Reden von IHK-Präsident Dr. Norbert Reichhold und des Gastredners Dr. Michael Vogler zu hören. Fotos: Mike Bender

Hanau. Der Osten des Rhein-Main-Gebietes ist eine prosperierende Wirtschaftsregion, wer würde das ernsthaft in Zweifel ziehen wollen. 

Artikel vom 14. August 2019 - 11:07

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Von David Scheck

Darum wird die gute wirtschaftliche Situation des Main-Kinzig-Kreises auch bei wichtigen Ereignissen wie dem gestrigen Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern im Congress Park Hanau (CPH) regelmäßig betont.

Doch wer denkt, solche Zusammentreffen dienten nur dem gegenseitigen Schulterklopfen, der irrt. Und so legte IHK-Präsident Dr. Norbert Reichhold auch gestern den Finger in so manche Wunde – einschließlich eines sehr persönlichen Statements.

Der Jahresempfang 2019 stand unter dem Motto „Zukunft – Teamsport der Generationen“, Gastredner war der österreichische Unternehmensberater und Autor Dr. Michael Vogler. 

Wirtschaftlichkeit der Kreisfreiheit spielte eine große Rolle

Zahlreich waren die Vertreter aus der lokalen Wirtschaft ins CPH gekommen, ebenso wie aus der Politik, darunter Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky sowie Bürgermeister Axel Weiss-Thiel, der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Sascha Raabe oder Landrat Thorsten Stolz.

Beinahe selbstredend spielte in Reichholds Rede Hanaus angestrebte Kreisfreiheit eine gewichtige Rolle – unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet: Ist sie sinnvoll für Hanau? Ist sie gut für den Main-Kinzig-Kreis? Fragen, die auch die IHK-Vollversammlung beschäftigen. Diese nehme deshalb die Frage der Kreisfreiheit „nicht auf die leichte Schulter“, so der IHK-Präsident.

In diesem Zusammenhang kritisierte Reichhold ein Schwarz-weiß-Denken und einen „teilweise konstruierten“ Gegensatz zwischen der Stadt Hanau und dem ländlichen Main-Kinzig-Kreis: „Hinter Hanau liegt nicht der Ural, sondern ringsum ein Landkreis, in dem fast 90 Prozent der Bevölkerung in zehn Minuten auf einer der umliegenden 20 Autobahnauffahrten ist.“ Soll wohl heißen: Auch nach einer Auskreisung der Brüder-Grimm-Stadt wird der Rest-Kreis in seiner Entwicklung wahrscheinlich nicht in die Steinzeit zurück fallen.

Risiken der Digitalisierung überbetont, Chancen kleingeredet

Allein schon deshalb nicht, weil die führenden Köpfe des Landkreises weiter den Breitbandausbau vorantrieben, wie Reichhold lobend anmerkte. Doch seinem Lob schickte er auch gleich eine Ermahnung hinterher: „Es ist für uns als IHK unverständlich, dass Sibylle Herget als hoch motivierte Geschäftsführerin der Breitband Main-Kinzig GmbH das schnelle Internet den gleichen Unternehmen wie Sauerbier anbieten muss, die bei IHK-Umfragen Breitband als Standortfaktor Nummer eins nennen.“ 

Wie dieser Widerspruch sein könne, darüber könne er nur spekulieren, sprach Reichhold, und schickte dennoch gleich eine Vermutung hinterher: „Immer wieder stelle ich im Gespräch mit Unternehmern fest, dass sie eigentlich gar keine konkrete Vorstellung davon haben, was sie aus der Digitalisierung machen wollen.“ Viel zu oft würden die Risiken überbetont, die Chancen aber kleingeredet.

Redner legten Finger in so manche Wunde

Die Digitalisierung bedeutet Wandel – dem auch die Wirtschaftswelt unterliegt: „Die technischen und gesellschaftlichen Veränderungen der nächsten Jahre werden unseren Einzelhandel massiv herausfordern. Das wird Konsequenzen für unsere Innenstädte haben. Seien wir ehrlich: Viele unserer Innenstädte tun sich schwer und wirken trist“, sagte der Kammer-Präsident und legte den Finger in eine weitere Wunde. Es brauche ein gemeinsames Vorgehen, um in Zeiten des Online-Shoppings und der Heimarbeitsplätze Innenstädte attraktiv zu halten.

Reichhold schloss seine Rede mit einer sehr persönlichen Anmerkung, wie er es nannte: „Ich sehe mit großer Sorge eine sich immer offener zeigende Fremdenfeindlichkeit – auch hier im Main-Kinzig-Kreis. Sie geht einher mit einer Ablehnung demokratischer Institutionen und Umgangsformen, die mich erschüttert. Ich denke, es ist an der Zeit, dass jeder von uns an seinem Platz deutlich dafür eintritt, wofür er steht – und zwar nicht in Sonntags- und Jahresempfangsreden, sondern im Alltag.“ Diese Sätze ließen den IHK-Präsidenten sehr emotional werden, sie brachten ihm einen langen Applaus der Gäste ein.

"Zukunft ist der gemeinsame Teamsport" aller Lebensalter

Gastredner Dr. Michael Vogler machte nahtlos weiter mit dem Finger-in-die-Wunde-legen: Warum gehen junge Menschen auf die Straße? Warum sehen sie oft für sich selbst eine Perspektivlosigkeit? Voglers Antwort: „Wir machen unsere Kinder kaputt.“ Denn wie sollen sie einen gesunden Optimismus entwickeln können, wenn sie ständig die Krise eingeredet bekommen? Und das nicht selten kombiniert mit Erfahrungen in der eigenen Familie wie Jobverlust, jahrelange Arbeitslosigkeit, Chancenlosigkeit. Klare Kritik an der Arbeitswelt unserer Zeit.

Eine weitere Absurdität aus Voglers Sicht: Dass ältere Menschen – besonders beruflich – aufs Abstellgleis gestellt werden. „Dabei sind sie so fit wie nie“, so der selbst 65-Jährige mit dem Hinweis darauf, dass wir immer älter werden, aber auch, dass wir heutzutage im Alter meist leistungsfähiger sind als noch die vorherige Generation.

Voglers Lösung für das Generationenproblem: „Zukunft ist der gemeinsame Teamsport aller drei Lebensalter.“



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