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Kultoursommer: Neue Philharmonie Frankfurt weniger "klassisch"

Hanau

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    Tolle Bühnenshow: An die spektakuläre Fernsehserie "Babylon, Berlin" erinnert die Neue Philharmonie Frankfurt mit den Solisten Achim Dürr, Katrin Glenz, Mirjam und Esther Wolf bei "Zu Asche, zu Staub". Foto: Reinhard Paul

Hanau. Mit dem Thema Europa hatten sich die Macher des Programms für die Wilhelmsbader Sommernacht um
Neue Philharmonie-Frankfurt-Geschäftsführer Dirk Eisermann und den künstlerischen Leiter Jens Tröster Großes vorgenommen. 

Artikel vom 29. Juli 2019 - 10:37

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Von Jutta Degen-Peters

Und es war auch eine geniale Idee, mitten in die Zeit der Brexit-Wirren und einer ungewissen Zukunft für die europäischen Visionen mit der Wilhelmsbader Sommernacht ein Zeichen für Europa zu setzen. Das Konzert des Orchesters Neue Philharmonie Frankfurt (NPF) und ihrer Solisten tastete sich am Samstagabend auf der Bühne im Park aber etwas zögerlich an dieses große Thema heran.

 Durch das Konzert führte erstmals Rebecca Siemoneit-Barum. Anders als ihr Vorgänger Dr. Ralph Ziegler (dessen Wege sich wegen einer beruflichen Neuorientierung von denen der NPF trennten), gab die Schauspielerin und Moderatorin dem Publikum kaum Hilfestellung zu Inhalt oder Ideen, die zur Wahl der Stücke geführt hatten. Stattdessen führte sie im Plauderton durchs Programm und gab Anekdoten aus ihrem Familienleben zum Besten.

Ein gelungener Auftakt

Nach einem gelungenen Auftakt mit der Eurovisionshymne, die auf der Prélude des Te Deum des Franzosen Marc-Antoine Charpentier fußt, und der Ouvertüre zur Rossini-Oper „Ein Türke in Italien“ bekamen die Liebhaber der Crossover-Mischung erst mal allzu leichte Kost serviert. Nach dem von Achim Dürr interpretierten und als Titelsong von „Babylon, Berlin“ bekannt gewordenen „Zu Asche, zu Staub“ des Griechen Psycho Nikoros wurde das Programm gesangs- und eurovisionslastig.

Thematisch passte „Waterloo“ von Abba so kurz nach der Wahl des Brexit-Kämpfers Boris Johnson zwar gut ins Bild. Doch wurden er und das Medley mit Titeln aus dem Eurovision Song Contest wie „Ein bisschen Frieden“, „Dschingis Khan“ oder „Wadde hadde dudde da“ dem Thema Europa nicht wirklich gerecht. Hier hätte man sich mehr Tiefgang und weniger stimmungsmachende Kracher gewünscht.

Optisch kamen die Titel, die von einer Choreografie in Europablau und Gelb mit Europa-Fähnchen begleitet wurden, gut an. Stimmlich ragte besonders der Sänger Karsten Stiers aus den Solisten heraus, der voller Energie den Facettenreichtum seine Stimme einsetzte. 

Sängerin gewann an Kontur

Die Sängerin Katrin Glenz, feste Größe mit und für die Neue Philharmonie, gewann erst im Laufe des Abends stärker an Kontur. Ihre sanfte und zugleich kraftvolle Stimme ließ bei Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“ über Mängel bei der französische Aussprache hinweghören. Sie wirkte als Spatz von Paris fast so zerbrechlich wie es die Piaf gewesen war. Bei „Show me the meaning of Being Lonely“ (Backstreet Boys) zeigte sich ihre Wandlungsfähigkeit. Allerdings hätte dem Titel „Rehab“ von Amy Winehouse die Rockröhrenstimme von Achim Dürr wohl mehr Authentizität verliehen, als dies Glenz vermochte.

Großartig der Kunstgriff, nach der Pause die Orchestermusiker zu Ravels Bolero aus den Reihen des Publikums spielend auf die Bühne ziehen zu lassen. Die Philharmoniker sind eigentlich die Seele der Wilhelmsbader Sommernacht und bewiesen auch am Samstag wieder, wie einfühlsam Streicher und Trompeter im Einklang mit den übrigen Instrumenten die widerstreitenden Gefühle beim Ringen um eine europäische Zukunft nachzuzeichnen vermögen.

Einen großen Auftritt hatten die Sänger Achim Dürr und Karsten Stiers bei Roger Hodgsons „Fool's Overture“. Ihre Interpretation hätte Peter Gabriel sicher gefallen.

Beethovens „Ode an die Freude“ rundete den Abend ab, der durch eine großartige zweite Hälfte mit Schwächen zu Beginn versöhnte. Der Tradition folgend verabschiedeten sich die Musiker mit einem Strauß-Walzer, der den ganzen Park zum Tanzen brachte.



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