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Vorstellung in Gebärdensprache begeistert Festspiel-Besucher

Hanau

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    Zeigt vollen Einsatz vor der Bühne: Simultandolmetscherin Yvonne Barilaro. Foto: PM

Hanau. Über Inklusion zu reden ist eine Sache, sie zu leben, eine ganz andere. Dass gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigungen tatsächlich eine Selbstverständlichkeit sein kann, hat sich am Sonntag bei der „Stadtmusikanten“-Vorstellung der Brüder Grimm Festspiele gezeigt:

Artikel vom 25. Juni 2019 - 12:14

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Die Vorstellung wurde simultan in Deutscher Gebärdensprache übersetzt und war damit zwar irgendwie besonders, aber eigentlich auch „ganz normal“ und eine Bereicherung für alle Beteiligten, resümiert die Stadt Hanau in einer Mitteilung.

50 Gehörlose unter den 1200 Zuschauern

Volles Haus für die Bremer Stadtmusikanten: 1200 große und kleine Zuschauer wollten am Sonntagnachmittag das schmissige Abenteuer der vier Tiere auf ihrem Weg in den Norden sehen. Unter ihnen: 50 Gehörlose, für die die Geschichte von Kathrin Enders und Yvonne Barilaro-Boracchia in Gebärdensprache simultan übersetzt wurde. Die beiden Dolmetscherinnen sind bereits seit 2017 bei den Brüder Grimm Festspielen im Einsatz, begleiten die Vorstellungen jeweils gemeinsam am rechten Rand der Bühne stehend – die Zuschauerreihen direkt vor ihnen sind für die gehörlosen Besucher reserviert. So haben diese den besten Blick auf beides, können das Geschehen auf der Bühne und die Simultanübersetzung mühelos verfolgen.

Für Enders und Barilaro ist die Vorstellung nicht weniger schweißtreibend als für die Akteure hinter ihnen: Sie arbeiten mit vollem Körper- und Mimikeinsatz, gestikulieren, malen mit Gesicht und Händen Worte, Inhalte, Geräusche und sogar Musik. Das Stück haben sie denn auch untereinander aufgeteilt: Wenn eine der beiden Diplomdolmetscherinnen in Aktion ist, liest die andere im Textbuch mit – auf diese Weise sind immer beide komplett bei der Sache, sind die Übergaben fließend. Eigentlich ist das Textbuch aber fast so etwas wie ein Requisit für Kathrin Enders und Yvonne Barilaro: Wenn sie sich auf ihren Einsatz bei einem Theaterstück vorbereiten, lernen sie es fast auswendig. „Erstmal schauen wir es uns auf der Bühne an, dann bekommen wir den Text und eine Videoaufzeichnung, legen fest, wer welchen Teil übernimmt, und dann wird gelernt und geübt“, erklärt Enders die Vorgehensweise des eingespielten Teams.

Mimik und Gestik besonders anspruchsvoll

Die Besonderheit für sie besteht auch in diesem Jahr in der Kombination von gesprochenem Text und Liedern. Generell erfordert die Simultanübersetzung eines Theaterstückes mit vielen verschiedenen Akteuren schnelle Rollenwechsel und eine besonders ausdrucksstarke Mimik und Gestik, doch die Lieder sind noch eine weitere Herausforderung, weil Takt und Rhythmus zusätzliche Bestandteile sind. Es gilt also, die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache mit der der deutschen Lautsprache in Einklang zu bringen, den Rhythmus des Liedes zu halten und gleichzeitig das Kunststück hinzubekommen, Schauspiel- und Gesangstempo richtig darzustellen.

Dass sie damit ihr Publikum überzeugten, zeigte sich am Sonntag sehr eindrucksvoll: Nicht nur gab es bereits in der Pause begeisterte Rückmeldungen für die beiden Simultanübersetzerinnen, sondern zeigte sich an den Reaktionen in den für Gehörlose reservierten Reihen während der laufenden Show, dass diese so richtig ihren Spaß hatten. Lautes Jubeln und Applaus, sogar rhythmisches Mitklatschen nach Vorgabe der „Tiere“ auf der Bühne war nicht nur der Lohn für die beiden engagierten Dolmetscherinnen, sondern auch für Andrea Freund von der Abteilung Senioren, Ehrenamt und Vielfalt der Stadt Hanau ein deutliches Zeichen, dass die erhoffte Teilhabe wirklich angekommen ist.

"Wird zur Selbstverständlichkeit"

„Die Gehörlosen gehören einfach dazu. Dass sie und die Dolmetscherinnen dabei sind, wird mehr und mehr zu einer Selbstverständlichkeit für alle. Auch für die hörenden Besucher ist es ein Gewinn. Ich finde, das ist wirklich gelebte Inklusion! Ich finde es auch großartig, dass Intendant Frank-Lorenz Engel und auch das Ensemble das mittragen und unterstützen.“ Engel selbst hatte vor Beginn der Vorstellung in seiner Begrüßung nochmals betont, wie wichtig ihm diese Initiative sei: „Inklusion ist ein Thema, das uns alle betrifft. Kulturelle Bildung allen gesellschaftlichen Gruppen zugänglich zu machen, ist uns ein besonderes Anliegen.“

Was aber bedeutet diese besondere Tätigkeit für die beiden Dolmetscherinnen selbst? „Es ist ein sehr emotionales Erlebnis, jedes Mal. Das kann der Schlussapplaus sein, aber auch ein besonderes Lied oder eine Szene“, sagt Kathrin Enders, „und wir bekommen ja direkt mit, ob das, was wir tun, auch ankommt.“ Yvonne Barilaro ergänzt: „Ja, klar, es ist anstrengend, aber es erzeugt auch Energie bei uns, ist vielfältig und macht einfach Spaß. Für mich ist es eine Verbindung – wir bauen eine Brücke für Gehörlose und Hörende gleichermaßen. Das ist wichtig und eine große Verantwortung.“

Umsetzung durch Sponsoren möglich

Sie wuchs in der Gehörlosenkultur auf, da ihre beiden Eltern gehörlos sind. Die Schauspielerin Kathrin Enders, die übrigens 2013 selbst bei den Brüder Grimm Festspielen auf der Bühne stand, kam durch einen Zufall dazu: Über die Rolle der „stummen Kattrin“ in „Mutter Courage und ihre Kinder“ setzte sie sich mit der Deutschen Gebärdensprache auseinander und entschloss sich, eine Ausbildung zu machen.

Für Hanau und die Brüder Grimm Festspiele ein Glücksgriff – bereits im dritten Jahr mit Hilfe von Sponsoren wie der Firma Werbebau umgesetzt und ein weiterer Schritt in Richtung Inklusion. Und in Richtung Selbstverständlichkeit – tosender Applaus von 1200 begeisterten Zuschauern, geklatscht und in Gebärden ausgedrückt, sprach am Sonntag eine deutliche Sprache. cd



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