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Bronzemodell der hitorischen Hanauer Innenstadt enthüllt

Hanau

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    Das Modell der Altstadt und der Neustadt aus Bronze wird seiner Bestimmung übergeben: Es steht an der Nahtstelle zwischen Alt- und Neustadt, am Freiheitsplatz, Ecke Marktstraße. Foto: Ulrike Pongratz

Hanau. Eine Stadt zum Ertasten: Anfang der Woche wurde an der Ecke Freiheitsplatz/Marktstraße ein besonderes Stadtmodell enthüllt: Ein Bronzeguss mit der Darstellung der Hanauer Altstadt und Neustadt aus dem 18. Jahrhundert.

Artikel vom 23. Mai 2019 - 17:06

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Von Ulrike Pongratz

Die Bildhauer Egbert und Felix Broerken aus Welver in Westfalen haben nach Vorlage des sogenannten Metzger-Plans von 1735, einer Darstellung der Hanauer Alt- und Neustadt von Christoph Metzger, ein bronzenes Stadtmodell aus einem Stück gegossen. Broerken, dessen Vater das erste Blinden-Stadtmodell für Münster entwickelt hat, sagte anlässlich der kleinen Feierstunde zur Einweihung des Kunstwerks: „Jedes Modell ist für uns eine Herausforderung. Mein Vater hat vor mehr als 20 Jahren an einer Stadtführung für blinde und sehbehinderte Menschen teilgenommen und war der Meinung, das könne man besser machen.“

Egbert Broerken entwickelte gemeinsam mit der Westfälischen Blindenschule in Soest die beste Tastbarkeit der Modelle. Für die Erläuterungen in der Blindenschrift Braille wurde ein spezielles Gussverfahren entwickelt. Etwa 160 Bronzemodelle haben Vater und Sohn bislang gefertigt, so zum Beispiel für Berlin, Hamburg oder München. „Die Stadtmodelle entstehen im Wachsausschmelz-Verfahren, einer traditionellen Handwerkskunst. Bronze lebt weiter“, sagte der Bildhauer, „streicheln Sie also jeden Morgen den Kirchturm.“

Ertastet, erfühlt und getestet

Dieser Aufforderung des Künstlers folgten die anwesenden Gäste nur zu gerne. Kaum hatten Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Barbara Nagel (Wolfgang-Arnim-Nagel-Stiftung) und die Frauen des Lions Clubs Hanau Schloss Philippsruhe, das Stadtmodell an der Marktstraße enthüllt, wurde es ertastet, erfühlt und getestet.

Vor allem die Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen waren sehr neugierig auf das Modell. Silvia Schäfer, die Vorsitzende des Blindenbundes Hanau, erklärte: „Ich kenne die Stadt so, wie ich sie mir erarbeitet habe. Ich habe ein Bild im Kopf über den Straßenverlauf und bin sehr gespannt, ob ich den Straßenverlauf wiederfinde.“

Schäfer lebt seit neun Jahren in der Hanauer Vorstadt. Sie geht zu Fuß zu ihrem Arbeitsplatz am Steinheimer Tor und kann sich in der Hanauer Neustadt sehr gut orientieren. Mit Unterstützung von Freunden hat sie die Reihenfolge der parallel verlaufenden und der Querstraßen auswendig gelernt.

Beim Gehen zählt sie normalerweise die Kreuzungen. „Manchmal bin auch ich in Gedanken versunken“, lacht sie, „dann muss ich stehen bleiben und einen Augenblick überlegen.“ Inzwischen gibt es aber auch Apps, die blinde Menschen navigieren und bei der Orientierung helfen. „Hier in Hanau sind auch die Menschen sehr, sehr hilfsbereit. Sobald ich stehen bleibe, werde ich sofort angesprochen, ob ich Unterstützung brauche.“

Standort mit Bedacht ausgewählt

Jetzt braucht Silvia Schäfer nur eine kleine Hilfe am Altstadtmodell. „Ich brauche einen Orientierungspunkt, von dem aus ich weiterfühlen kann.“ Schäfer, die sich in Altstadt nicht so gut auskennt, positioniert sich vor der Neustadt. „Was ist das für eine Kirche?“, fragt sie. Über die intakte Wallonisch-Niederländische Kirche ist die blinde Frau zunächst irritiert, sie hat das Gebäude als Ruine abgespeichert.

Aber dann kommt sie gut zurecht. Marktplatz und Rathaus sind schnell erkannt, über die Enge der Straßenräume ist sie erstaunt. „Ist das schon die Fahrstraße? Ist sie so nahe am Rathaus?“ Auch Befestigungsanlagen, Wall und Wassergraben sorgen ein wenig für Verwirrung. „Ich brauche sicher eine Stunde, bis ich das Modell ertastet und mit meinem inneren Bild abgeglichen habe“, erklärt Schäfer. Nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen tasten und fühlen, diskutieren und vergleichen, sondern alle wollen das Relief haptisch erfahren.

Der Standort des Modells an der historischen Nahtstelle zwischen Alt- und Neustadt sei mit Bedacht ausgewählt, so Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Der kleine Platz an der Marktstraße, Ecke Freiheitsplatz sei auch als Treffpunkt für Stadtführungen geeignet. Das Modell ergänze die Kunstwerke im öffentlichen Raum, die Hanau auch einzigartig und unverwechselbar machten.

Es stehe direkt neben dem neu erbauten Forum genau richtig und mache für Schulklassen, für Gäste und natürlich für alle Hanauer die Geschichte, die uns nicht gleichgültig ist, deutlich. 30 000 Euro kostete das Kunstwerk, das Stadt Hanau, der Lions Club Hanau Schloss Philippsruhe und die Wolfgang-Arnim-Nagel-Stiftung zu gleichen Teilen finanziert haben.



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