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Sektenfall: Schwurgericht lässt Mordanklage zu

Hanau

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    Spurensuche auf dem Kesselstädter Friedhof: Nach jahrelangen Ermittlungen wird nun der Hanauer Sektenfall als Mordprozess vor dem Landgericht als Prozess eröffnet. Im Oktober soll die Hauptverhandlung eröffnet werden. Archivfoto: Reinhard Paul

Hanau. Der vierjährige Jan H. soll in einen Leinensack gesteckt und grausam seinem Schicksal überlassen worden sein. Was im Umfeld einer angeblich obskuren Sekte in Hanau passiert sein soll, wird ab Mitte Oktober, 31 Jahre nach dem Fall, vor dem Schwurgericht untersucht.

Artikel vom 20. Mai 2019 - 15:24

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Von Thorsten Becker 

Wie am Montag am Hanauer Landgericht bekannt wurde, hat die 1. Kammer nun die Anklage der Staatsanwaltschaft zum Hauptverfahren zugelassen und mit der Terminierung der Verhandlungstage begonnen. Die Richter sehen somit, wie vom Gesetz verlangt, einen „hinreichenden Tatverdacht.“

Teilerfolg der Anklagebehörde

Oberstaatsanwalt Dominik Mies wertete diesen Schritt des Gerichts als einen Teilerfolg der Anklagebehörde: „Die Kammer hat unsere Auffassung, dass es einen hinreichenden Tatverdacht gibt, bejaht.“ 

Angeklagt ist die 71-jährige Sylvia D., eine mutmaßliche Sektenführerin. Ihr wirft die Staatsanwaltschaft Mord aus niederen Beweggründen und Grausamkeit vor. Die Frau soll das vierjährige Kind vor anderen Sektenmitgliedern als „Schwein“ und „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet haben. Der kleine Bub sei von „den Dunklen“ besessen.

Am Tag des mutmaßlichen Mordes, dem 17. August 1988, soll die Mutter das Kind der Frau in Obhut gegeben haben. D. soll dem Vierjährigen einen Leinensack über den Kopf gezogen und ihn angeblich zum Mittagsschlaf ins Badezimmer gelegt haben.

Panische Schreie des Kindes

Die panischen Schreie des Kindes seien anschließend ignoriert worden. Jan H. starb wenig später in dem Leinensack. Als seine Eltern zurückkamen, sei er bereits tot gewesen. D. soll den Sektenmitgliedern erklärt haben, Gott habe das Kind „geholt“.

Kurz danach sei auch ein Notarzt vor Ort gewesen. Kurze Zeit später war das Geschehen als tragischer Unfall zu den Akten gelegt worden – und schnell vergessen.

Bis vor rund fünf Jahren, als ein angeblicher „Sekten-Aussteiger“ sein Schweigen brach und sich mit Details über den Fall von Jan H. und die Sekte an die Öffentlichkeit wandte. Die „Frankfurter Rundschau“ hatte zuerst über den Fall berichtet. Die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen wieder auf, H.s Leiche wurde im Juli 2017 auf dem Kesselstädter Friedhof exhumiert. 

Untersuchung der Überreste

Es folgten Untersuchungen der sterblichen Überreste in der Rechtsmedizin in Frankfurt, um zu klären, ob der kleine Jan ermordet wurde, oder ohne Fremdverschulden zu Tode gekommen ist.

Wenig später erhob die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Anklage gegen D. wegen des Verdachts des Mordes. Dies ist, juristisch gesehen, die einzige Möglichkeit, denn während alle anderen möglichen Straftaten bereits verjährt sind, wäre nur eine Verurteilung wegen Mordes denkbar. Denn Mord verjährt nicht.

Dass es im Zwischenverfahren – von der Erhebung bis zur Zulassung der Anklage – nunmehr über eineinhalb Jahre gedauert hat, ist der hohen Verfahrensdichte der Schwurgerichtskammer geschuldet, die seitdem ein Kapitalverbrechen nach dem anderen zu behandeln hatte. In diesen Fällen haben Verfahren, in denen die Beschuldigten in Untersuchungshaft sitzen, immer Vorrang. D. hingegen befindet sich weiter auf freiem Fuß, für sie gilt die Unschuldsvermutung. 

Harte Kämpfe hinter den Kulissen

Seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe wird hinter den Kulissen offenbar mit harten Bandagen gekämpft, denn bei einem der Hauptbelastungszeugen soll es sich um einen ehemaligen Mitarbeiter von D. handeln, die mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann ein Medienunternehmen für Film- und Werbeproduktionen in Hanau aufgebaut hatte.

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Immer wieder wurden die schweren Vorwürfe zurückgewiesen. Das Unternehmen selbst wehrt sich auf seiner Homepage gegen die Sektenvorwürfe und spricht von einer „Rufmordkampagne“.

„Wir kämpfen seit mehreren Jahren gegen eine von ehemaligen Mitarbeitern initiierte Vernichtungskampagne“, heißt es dort.

So betreibe der „ehemalige Mitarbeiter mit einigen Gesinnungsgenossen“ mit „falschen Behauptungen“ eine öffentliche Kampagne.“



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