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Lilly Müller berichtet, wie sie die Kriegsjahre erlebt hat

Hanau

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    Lilly Müller hat den Krieg miterlebt. Noch heute fällt es ihr schwer, das Geschehene in Worte zu fassen. Foto: Mike Bender

Hanau. Lilly Müller ist 102 Jahre alt. Sie hat ein Hanau erlebt, das die meisten von uns nur noch aus Geschichten und von Bildern kennen – auch die Kriegsjahre und den 19. März 1945. Wir haben die rüstige alte Dame getroffen.

Artikel vom 19. März 2019 - 10:46

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Von Yvonne Backhaus-Arnold

Eigentlich sollte Lilly Müller an die Ostfront. Das war schon beschlossene Sache. Moskau. Lazarett. Dass sie damals verheiratet und im fünften Monat schwanger war – und das auch nachweisen konnte – rettete der jungen Rot-Kreuzlerin vielleicht das Leben. 

Ein langes Leben

Es ist ein langes Leben geworden. Vor ein paar Wochen hat Lilly Müller ihren 102. Geburtstag gefeiert. Seit mehr als zwölf Jahren ist das Martin-Luther-Stift ihr Zuhause. Hier hat sie eine kleine Wohnung mit Wohnzimmer und Küchennische, Bad, Balkon und Schlafzimmer. Die Zweitälteste ist sie mittlerweile in der Anlage, und noch topfit für ihr Alter.

Zum Gespräch mit unserer Zeitung sind an diesem Vormittag auch Müllers Tochter Gudrun Möller und ihr Mann Reinhold gekommen. An der Wand hängt der aktuelle Hanau-Kalender von 2019. Die Bilder, die Lilly Müller in den Händen hält, sind schwarz-weiß, zeigen sie als junge Frau beim Roten Kreuz. Im Gleichschritt ziehen die Mädchen durch die Nürnberger Straße. „Und ich bin mitmarschiert“, sagt sie. Überall an den Fenstern hängen die Fahnen der NSDAP. Lilly Müller dreht das Bild. 1. Mai 1936 ist mit Bleistift an den oberen Rand geschrieben.

Damals war Lilly Müller 19, hatte Verkäuferin gelernt, ihren späteren Mann, einen Goldschmied, getroffen. Der Zweite Weltkrieg war da noch weit weg. Ein anderes Bild zeigt die Nürnberger Straße. Hier, an der Ecke Rosenstraße/Nürnberger Straße ist die junge Frau mit ihrer Schwester aufgewachsen. Die Eltern hatten eine Mietwohnung. 

Der Beginn des Krieges

Dann beginnt der Krieg. Lilly Müller hat da schon geheiratet, lebt mit der dreijährigen Gudrun in einer kleinen Parterrewohnung bei den Schwiegereltern an der Annastraße unweit des Hanauer Hafens. Müllers Mann ist eingezogen. Frankreich. Vater und Schwager – alle sind fort. Im Herbst kommt der Krieg nach Hanau zurück, die Amerikaner fliegen erste Luftangriffe. Im November und Dezember nehmen sie die Industrieanlagen der Goldschmiedestadt ins Visier. Am 12. Dezember 1944 wird das Haus an der Annastraße ausgebombt.

Lilly Müller findet bei ihrer Mutter in der Rosenstraße Unterschlupf, auch ihre Schwester Maria, wenige Tage zuvor mit einem acht Monate alten Baby ausgebombt, kommt bei der Mutter unter. Müllers Schwiegereltern verlassen Hanau, gehen zu Bekannten nach Wächtersbach. 

Das Schicksalsjahr der Stadt beginnt bereits am 1. Januar 1945. In Aufzeichnungen ist später zu lesen, dass es einen Luftangriff von 24 britischen Mosquito-Maschinen gibt. Fünf Tage später fliegt das britische Royal Air Force Bomber Command einen Angriff mit 474 Maschinen über dem Stadtgebiet ab. Stadthalle, Stadtschloss und Zeughaus brennen aus. 

Zu Fuß auf der Flucht

Als die Abstände der Angriffe immer kürzer werden, beschließen die Frauen, die Stadt zu verlassen. Mit Kinderwagen und Taschen über den Schultern machen sie sich zu Fuß auf den Weg nach Ravolzhausen. „Wir hatten nur das Nötigste für die Kinder dabei“, erzählt Lilly Müller.

Alles andere ließen sie zurück, ohne zu wissen, was kommt. „Unsere Kartoffelbauern haben uns aufgenommen“, sagt die 102-Jährige, und es schwingt viel Dankbarkeit mit in diesen Worten. Müller, ihre Schwester, die Mutter und die beiden kleinen Kinder beziehen einen Raum auf dem Hof in Ravolzhausen. „Ich habe viel gelernt in dieser Zeit“, sagt die alte Frau und lächelt. Feldarbeit, die Frucht aufstellen, Kartoffelkäfer sammeln. Geschenkt worden sei ihnen nichts.

Vielleicht haben sie die fast 300 Bomber gehört, die Hanau ansteuerten in jenen frühen Morgenstunden des 19. März. Was diese in der Zeit zwischen 4.24 und 4.40 Uhr anrichten, sehen Lilly Müller und ihre Schwester erst am Morgen. Von einer kleinen Anhöhe in Ravolzhausen aus. „Alles hat gebrannt“, sagt die Hanauerin. Heute weiß man, dass 442 Sprengbomben, rund 360 000 Brandbomben, 70 Zielmarkierungsbomben und 804 Leuchtbomben in jener Nacht auf die Stadt gefallen sind.

Fehlende Worte

Eine Bombe trifft das Haus der Familie an der Rosenstraße. Mit dem Fahrrad machen sie sich wenige Tage später zum ersten Mal auf den Weg nach Hanau. Was Lilly Müller sieht, was sie empfindet, kann sie heute, 74 Jahre später – trotz wachen Geistes und hervorragenden Gedächtnisses – gar nicht mehr so genau in Worte fassen. Nur die Toten hat sie nicht vergessen. „Am großen Torbogen, ganz in der Nähe des Verkaufsladens Henrich, waren die Opfer des 19. März aufgebahrt“, erzählt die 102-Jährige. 

Die Handtücher, Aussteuer von der Hochzeit, die sie aus Platzgründen im Keller der Eltern an der Rosenstraße eingelagert hatte, waren verkohlt, genauso wie das elfenbeinfarbene Geschirr. Immer wieder sind sie danach nach Hanau gekommen. Weitermachen. Weiterarbeiten. Aufbauen. „Jeder musste zugreifen“, so Müller. Not leiden sie nicht. „Wir konnten uns als Ausgebombte nicht beschweren“, fasst es Tochter Gudrun zusammen. An die Zeit damals hat die heute 78-Jährige nur bruchstückhafte Erinnerungen. 

Lilly Müllers Mann kommt aus dem Krieg zurück, leicht verwundet, aber am Leben. Auch Vater und Schwager kehren heim, ein Schicksal, das nicht vielen Familien gegeben war. Ein älteres Ehepaar, das eine Holzschleiferei an der Leipziger Straße besessen hatte und ebenfalls bei der Bauerfamilie Fuchs untergekommen war, wanderte später nach Amerika aus. 

Stein für Stein

Die Müllers kehren nach Hanau zurück, bauen das Haus an der Annastraße auf. Stein für Stein. Monatelang. Lilly Müllers Mann arbeitet bei der Bahnpolizei, sie kümmert sich um Haushalt und Kind. Ihre Eltern leben bei ihnen, ziehen dann an die Frankfurter Landstraße. Ab Mitte der 50er Jahre pflegt Lilly Müller Mutter und Vater, sieht die Stadt wiedererstehen und sich verändern.

Lilly ist beim TV Kesselstadt aktiv und auch noch ein bisschen beim Deutschen Roten Kreuz. Das Leben geht weiter. 2006 stirbt ihr Mann, da ist sie 92, beschließt, ins Martin-Luther-Stift zu ziehen. Ihrer Tochter Gudrun und den beiden Enkeln hat sie immer viel von damals erzählt. Ein Enkel ist nach Amerika ausgewandert, hat dort eine Familie gegründet. Über den Computer und Facetime sprechen sie regelmäßig miteinander. So sieht Lilly Müller ihre eineinhalbjährige Enkeltochter Sophia groß werden.

Und manchmal, wenn sie mit dem Auto zum Arzt fahren müssen, dreht Gudrun Möller eine Extra-Runde durch die Stadt, zeigt ihrer Mutter, was sich hier und dort getan hat, wo neu gebaut wird. Vielleicht denkt Lilly Müller dann noch an jene Wochen im Frühjahr und Sommer 1945 zurück, als ihr Hanau in
Trümmern lag. 
 



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