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Antisemitismus an Schulen: Wenn "Jude" zum Schimpfwort wird

Hanau

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    Julia Bernstein präsentiert bei der Jüdischen Gemeinde Hanau ihre erschreckenden Erkenntnisse über Antisemitismus an Schulen. Ihr Fazit: Lehrkräfte reagieren häufig gar nicht – und somit falsch.  Foto: Christian Dauber

Hanau. Wenn ein Schüler zum anderen „Du Jude“ sagt und ihn damit beleidigen möchte – sollten Lehrer da eingreifen? Unbedingt, sagt Julia Bernstein. Denn nach Auffassung der Professorin, die an der Uni Frankfurt arbeitet, nimmt Antisemitismus in solchen Situationen seinen Anfang. Wer nicht reagiere, der bagatellisiere.

Artikel vom 13. März 2019 - 12:00

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Von Christian Dauber

Die Soziologin war mit einem Vortrag zur Jüdischen Gemeinde Hanau gekommen, um dort die Ergebnisse ihrer Forschungen vorzustellen. Bernstein hat kürzlich in einer Studie jüdische und nicht-jüdische Schüler, Eltern und Lehrer von 171 Schulen nach ihren Erfahrungen zu Antisemitismus befragt. 227 Interviews hat Bernstein im Rahmen der 17-monatigen sozialwissenschaftlichen qualitativen Untersuchung geführt. „Das Ausmaß, in dem mir von Hakenkreuzen und Hitler-Sprüchen berichtet wurde, hat mich überrascht.“ Das Wort „Jude“ als Schimpfwort sei sehr verbreitet, ebenso Formulierungen wie „Judenschwein“. Es habe eine Enttabuisierung stattgefunden.

Die Bezeichnungen fallen laut Bernstein im Sinne von Geiz, Verlogenheit, Verrat, Listigkeit, Hinterhältigkeit und vielen weiteren negativen Zuschreibungen. „Kurz gesagt: als Verkörperung des Bösen in jedem Sinne“, berichtete die Soziologin. Dass Lehrer dies nicht geraderückten, sei nicht zu akzeptieren. Oft werde damit argumentiert, die Kinder hätten dies „nicht so gemeint“, es sei „so dahergesagt“ und man könne auch nicht „auf alles reagieren“.

Lehrer reagiert

Dies zeige, dass viele Lehrer Antisemitismus nicht erkennen könnten oder wollten, meint Bernstein. Sie seien überfordert – vor allem deswegen, weil sie den Umgang damit nicht gelernt hätten. Beispielhaft sei die Aussage eines Lehrers gewesen, das Wort „Jude“ hätte er wohl mal im Klassenraum gehört, aber es habe ja „keine Vorfälle“ gegeben. Das mache sie sprachlos, so Bernstein. „Wieso ist das Gehörte kein Vorfall?“

Schulen müssten Antisemitismus zum Thema machen, sich etwa Experten einladen, um darüber zu diskutieren. Ein Lehrer im Hanauer Publikum meldete sich zu Wort. Er könne die Richtung des Vortrags nicht ganz nachvollziehen. Für ihn sei es selbstverständlich zu reagieren, wenn ein Schüler den anderen beleidige – ganz gleich mit welcher Wortwahl.

Keine offizielle Statistik

Bei Bernsteins Vortrag ging es nicht nur um die Situation an Schulen. Die Veranstaltung bei der Jüdischen Gemeinde in der Wilhelmstraße geriet im guten Sinne zu einer ausführlichen Erklär- und Diskussionsstunde zu Antisemitismus im Allgemeinen. Dies lag auch an der sehr interessierten Gästeschar, die sich eifrig einbrachte. Die Professorin machte unter anderem deutlich, wie verbreitet Antisemitismus in der Gesellschaft sei.

Eine offizielle Statistik dafür gebe es nicht und könne es gar nicht geben, meinte Bernstein. Denn die Ansichten darüber, was Antisemitismus sei und wann er beginne, sei nicht einheitlich – und sie hänge davon ab, ob Juden oder Nicht-Juden dies beurteilten. Die meisten offiziell verzeichneten Fälle kämen aus der rechtsextremen Ecke. Aber Antisemitismus beginne viel früher.

"Jeder muss sich betroffen fühlen"

Von Meldestellen für antisemitische Vorfälle oder Ähnliches hält Bernstein nach eigenem Bekunden nicht besonders viel. Denn Beschimpfungen würden in der Regel von den Betroffenen, den jüdischen Bürgern, nicht gemeldet. „Was sollen andere melden, wenn sie es nicht einmal als Antisemitismus erkennen?“ Oft sei dies schwammig, nicht greifbar. Nicht zu tolerieren sind für Bernstein auch Formulierungen wie „bis zum Vergasen“, die zumindest früher häufiger zu hören waren. Allen Aussagen gemein ist laut Bernstein die dahinterstehende Auffassung, „die Welt ohne Juden wäre besser“, zugespitzt gesagt, die zu Grunde liegende „Vernichtungsfantasie“, so die Soziologin.

An einer Stelle ihres Vortrags brachte Bernstein eine ihrer Botschaften auf den Punkt: Wenn antisemitische Äußerungen fallen, geht das jeden etwas an. „Es muss sich jeder betroffen fühlen. Aber das passiert nicht.“



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