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HANAUER ANZEIGER richtet Veranstaltung zur Medienkompetenz aus

Region Hanau

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Cybermobbing, pädophile Netzwerke, nicht altersgemäße Inhalte: Schüler werden im Internet zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Einige Eltern überblicken die Online-Welt selbst nicht hinreichend. Genau an sie richtet sich die Veranstaltung zur Medienkompetenz, die der HANAUER am 20. September in der Karl-Rehbein-Schule durchführt.

Artikel vom 06. September 2018 - 09:43

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Von Lukasz Galkowski

Als Referenten konnte unsere Zeitung Günter Steppich gewinnen. Er ist Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis. Im Interview mit dem HANAUER spricht Steppich über den Medienkonsum bei Kindern, die richtige Medienerziehung sowie über die bevorstehende Veranstaltung.

Herr Steppich, was ist das Ziel der Veranstaltung?
„Es geht vor allem darum, den Eltern zu vermitteln, was ihre Aufgabe ist. Vielen ist gar nicht bewusst, was das Internet für eine Erziehungsaufgabe ist und einige wollen damit auch gar nichts zu tun haben und würden sie am liebsten an Institutionen wie Schulen outsourcen. Das Problem ist aber, dass die Lehrergeneration genau dieselbe wie die der Eltern ist und sie oft kein Stück mehr Ahnung haben von dem Thema als die Eltern.“

Das heißt, Sie sehen die Eltern bei der Vermittlung der Medienkompetenz in der Pflicht und nicht die Schule?
„Wir haben hier zwei Ebenen: Das ist zum einen die Medienbildung, das heißt den Umgang mit Office-Programmen, Recherche, Kreatives. Das ist natürlich Aufgabe der Schule. Aber die andere Ebene ist die Medienerziehung, und Erziehung ist erst einmal ganz klar Elternthema. Da kann man nicht einfach sagen: Weil ich keine Ahnung von Medien habe, soll es jemand anders für mich übernehmen. Das wäre in der Schule mit Klassen von bis zu 30 Schülern auch nicht so einfach. Zu Hause ist es ein Dauerthema, das jeden Tag die Beteiligten beschäftigt: Fragen, was mein Kind wie lange darf, welche Regeln gelten, welche Ausstattung es in welchem Alter gibt. Ein Beispiel: Selbst mit dem besten Draht zu meinen Schülern habe ich keinen Einfluss darauf, ob sie das Smartphoneüber Nacht mit ins Kinderzimmer nehmen dürfen oder nicht. Und selbst da haben mich schon Eltern angesprochen, ob ich nicht mal mit ihrem Kind reden könnte, dass es einsieht, abends nicht mit dem Handy ins Bett zu gehen, was ich relativ absurd finde.“

Ab welchem Alter sollten Kinder überhaupt Handys und Tablets benutzen dürfen und wie lange?
„Das ist schwierig, weil nicht jedes Kind gleich ist. Wir haben vom Kultusministerium eine Empfehlung herausgegeben, dass man in der fünften Klasse eigentlich das erste Handy bekommen sollte, aber ein Modell ohne Internetfunktion, so ein klassisches Tastenhandy. Und wir sehen ganz klar, dass so ab der achten Klasse die Probleme, die beim Umgang mit den Handys entstehen, ganz stark zurückgehen. Mit ungefähr 13 bis 14 ist man so weit, dass man mit der komplexen Technik zurechtkommt. Aber auch da müssen Eltern ganz viel beraten, helfen, Regeln setzen, Limits vorgeben.“

Und die Dauer des Medienkonsums?
„Studien zufolge liegen Jugendliche in der Altersspanne von 12 bis 19 Jahren alleine bei der Onlinezeit im Schnitt bei 220 Minuten am Tag. Dann kommen noch Fernsehen, Spielkonsole und so weiter dazu, sodass wir an Schultagen bei einem Bildschirmkonsum von sechs Stunden sind, an Wochenenden sind es noch mehr. Das ist offensichtlich, dass es viel zu viel ist.“

Welche Tipps können Sie Eltern bei der Medienerziehung mit auf den Weg geben?
„Da kann man Bücher drüber schreiben. Das ist wie in der Schule: Wenn ich eine Regel vereinbart habe und jemand hält sich nicht daran, dann gibt es eine, zwei Ermahnungen und dann muss eine Konsequenz folgen, sonst werde ich nicht ernst genommen. Wir haben bei vielen Eltern gesehen, dass sie sich gar nicht mehr unbeliebt bei ihren Kindern machen wollen, sondern lieber alles laufen lassen und inkonsequent sind. Sie sagen tausend Mal: 'Du sollst doch dein Handy schon längst ausgeschaltet haben' Ich halte eine klare Regelung – einmal besprechen, ein, zwei mal vielleicht noch erinnern, dass es so nicht läuft und beim dritten Mal ist dann so ein Handy auch mal ein paar Tage weg – für zielführend.“

Welche Gefahren drohen dem Kind überhaupt durch den Umgang mit dem Internet?
„Das ist eine ganze Palette: Cybermobbing, nicht altersgemäße Inhalte wie Gewalt oder sexualisierte Inhalte. Zudem ist die Pädophilie ein Massenphänomen, das total unterschätzt wird. Wir sagen ganz klar: Jedes Kind, das in irgendeinem Spiel die Möglichkeit zu chatten hat, wird über kurz oder lang irgendeiner pädophilen Ansprache begegnen.“

Wie kann man sich speziell davor schützen?
„Da müssen die Kinder aufgeklärt sein, sie müssen wissen, dass sie sofort die Eltern informieren, wenn sie jemand komisch anquatscht. Aber das haben viele Eltern gar nicht auf dem Schirm. Das heftigste Thema, mit dem wir aktuell zu tun haben, sind Nacktaufnahmen, die Jugendliche, vor allem vom Anfang der Pubertät an, von sich machen und die dann verschicken – meistens an so eine feste Beziehung, die dann aber in dem Alter nicht so lang dauert. Dann werden diese Nacktbilder aus Wut oder aus Rache in einer Schule verbreitet und die Situation eskaliert total.“

Gibt es speziell im Bezug auf Soziale Netzwerke etwas zu beachten?
„Eltern müssen wissen, was ihre Kinder da genau tun. Wir erleben immer wieder, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Beispiel: An meiner Schule haben wir eine Umfrage gemacht, wer welche App benutzt. 30 Kinder haben angegeben, dass sie Snapchat benutzen. Aber nur vier Eltern wussten es.“

Wie müsste ich mich hier als Elternteil verhalten?„Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gibt klar vor, dass sich Kinder unter 16 Jahren überhaupt nirgendwo ohne Zustimmung der Eltern anmelden dürfen. Das muss man Eltern auch immer wieder klar machen: Das Internet ist kein Kinderspielplatz, das Internet ist die komplette Erwachsenenwelt. Ich würde doch mein Kind in einer dunklen Nacht auch nicht alleine in einem Park alleine rumlaufen lassen. Im Internet toben aber bereits Grundschüler herum. Und wenn sie dabei nicht begleitet werden, dann ist unausweichlich, dass sie unangenehme Erfahrungen machen. Da reichen schon auf Whatsapp irgendwelche Grusel-Kettenbriefe, dass sie nicht mehr schlafen können.“

Die rund zweistündige Veranstaltung, bei der jederzeit die Möglichkeit besteht, Fragen zu stellen, findet am Donnerstag, 20. September, um 19.30 Uhr in der Mensa der Karl-Rehbein-Schule statt und ist kostenlos. Allerdings ist eine Anmeldung per E-Mail an: redaktion@hanauer.de nötig. Die Teilnehmerzahl ist auf 130 Personen begrenzt.



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