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Wie Hanauer Kliniken den letzten Patientenwillen umsetzen

Hanau

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    Dr. Marco Abruscato (links) und der evangelische Pfarrer Hans-Joachim Roth stehen an der Spitze des Ethikkomitees im Klinikum Hanau. Foto: Privat
  • Eine Patientenverfügung ist ein wichtiges Dokument. Doch wie handeln die Ärzte, wenn sie nicht vorliegt? Foto: Schlitt

Hanau. Jüngste Schlagzeilen, wonach eine Klinik in der Rhein-Main-Region Patienten angeblich gegen deren erklärten Willen reanimiert haben soll, machen nachdenklich. Wie gehen Ärzte in den beiden Hanauer Krankenhäusern mit ethischen Konfliktsituationen um?

Artikel vom 26. März 2018 - 09:23

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Von Reinhold Schlitt

Zum ärztlichen Alltag in Kliniken gehört, dass die Ermittlung des Patientenwillens an der Schwelle von Leben und Tod mitunter schwierig und ethisch konfliktreich ist. Da war der ältere Patient, der nach einem Schlaganfall vom Nacken her abwärts gelähmt war und keine Perspektive mehr für sich sah. Er äußerte den Wunsch, sterben zu dürfen. Durfte man ihn gehen lassen? Die an der Behandlung im Klinikum Hanau beteiligten Ärzte waren sich uneins: Hier der Sterbewunsch, dort die sehr kleine Chance, doch noch etwas für den Mann tun zu können.

Die Ärzte riefen das hauseigene Ethikkomitee zusammen und ließen den Fall erörtern. Dort kam man – zusammenfassend dargestellt – überein, dem ärztlichen Rat zu folgen und es mit einer Reha zu versuchen. Der Patient sollte aber sofort in die Klinik zurückverlegt werden, wenn man in der Reha nichts mehr für ihn tun könne, so die Empfehlung. Dann hätten die Ärzte dem Wunsch des Mannes entsprochen und lebensverlängernde Maßnahmen eingestellt. Doch dazu kam es nicht mehr. Der Tod trat noch in der Reha ein.

Entscheidungen des Komitees sind nicht bindend
Für das Ethikkomitee war entscheidend, dass sich der Patient in einer Ausnahmesituation befand. Niemand vermochte sicher zu sagen, in welchem Umfang er tatsächlich entscheidungsfähig war. Eine schriftliche Patientenverfügung gab es auch nicht. Verbindlich war das Votum des Ethikkomitees für die behandelnden Ärzte freilich nicht, denn die Entscheidung über die Fortführung, Einschränkung oder Ausweitung einer Therapie können und dürfen immer nur sie treffen. Ganz gleich, ob es sich um die Unterstützung der eigenen Atmung oder das Legen einer PEG-Sonde zur künstlichen Ernährung über den Magen-Darm-Trakt handelt. Das ist im Städtischen Klinikum nicht anders als im St.-Vinzenz-Krankenhaus und andernorts.

Ethikkomitees – sie bestehen meist aus Fachärzten, Pflegespezialisten, Sozialarbeitern, Patientenfürsprechern, Klinikseelsorgern sowie Juristen – beziehen, wo nötig, auch Angehörige in ihre Beratungen ein. Ihre Arbeit taugt nicht für schrille Schlagzeilen. Es gibt solche Gremien mittlerweile an vielen deutschen Kliniken. In Hessen sind Ethikbeauftragte sogar im Krankenhausgesetz verankert.

Last soll auf mehrere Schultern verteilt werden
Dr. med. Mario Abruscato, Oberarzt an der Klinik für Neurologie im Städtischen Klinikum Hanau, kann sich zu den Vätern des dortigen Ethikkomitees zählen. Lange vor der offiziellen Berufung dieses Gremiums durch die Klinikleitung machte er sich zusammen mit seinem Kollegen PD Dr. med. Marco Gruß dafür stark, die Beurteilung schwieriger medizinethischer Probleme auf mehrere Schultern zu verteilen. Gruß ist im selben Haus Chefarzt der Anästhesiologie und muss seinerseits immer wieder mal schwierige ethische Entscheidungen treffen. Er tauschte sich darüber hin und wieder mit seinem Kollegen aus. Dr. Abruscato sagte unserer Zeitung: „Als es wieder einmal einen ethischen Konflikt zu lösen gab, kam uns der Gedanke, ein spezielles Gremium zu schaffen.“

Das, so seine damalige Überlegung, sei in einer akuten Situation schnell zusammenzutrommeln und böte die Chance, ein Problem aus unterschiedlichen Perspektiven zu reflektieren. Dass daraus dann im Jahr 2013 das Ethikkomitee wurde, konnte beiden Ärzten nur recht sein: „Die Beratung in diesem Gremium erweitert den eigenen Horizont und gibt mehr Sicherheit bei der Entscheidungsfindung“, ist sich Dr. Abruscato sicher. Er selbst hat die Diskussionen und Voten des Ethikkomitees bisher meist als persönliche Bereicherung, aber auch als Entlastung empfunden.

Menschenwürde, Lebensschutz, Selbstbestimmung und Persönlichkeitsrecht sowie das Diskriminierungsverbot oder die Verteilungsgerechtigkeit – die Satzung des Komitees schreibt wichtige, gleichwohl selbstverständliche Grundsätze fest und spricht von der „Chance, in interdisziplinärer und systematischer Weise anstehende Entscheidungen im Bereich der Medizin, Pflege, Organisation und Ökonomie ethisch zu reflektieren und aufzuarbeiten“.

 



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