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Briefe erinnern an Angriffe auf Hanau am 5. und 8. Januar 1945

Hanau

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    Der Hanauer Architekt Carl Cost, der in Briefen die Angriffe auf Hanau Anfang April schildert, hat den Blick durch die Paradiesgasse auf die Niederländisch-Wallonische Kirche in einer Bleistiftzeichnung festgehalten. Repro: HA

Hanau. Seine Erinnerungen an die Kriegstage in Hanau hat der Architekt Carl Cost  in zwei Briefen und einer Bleistiftzeichnung festgehalten. Costs Enkel, Dieter W. Horst, stellte uns die Aufzeichnungen seines Großvaters zur Verfügung, in denen dieser den Bombenfall vom 5. Januar sowie den Angriff vom 8. Januar 1945 schildert.

Artikel vom 19. März 2018 - 02:11

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„Mein Großvater“, so scheibt Dieter W. Horst, „hat als Hanauer Architekt mit Projekten wie dem Beethovenplatz, der Bebauung der Freigerichtstrasse, dem Kino Gloria oder dem Nordstraßenquartier wichtige Beiträge zum Stadtbild Hanaus vor und nach dem zweiten Weltkrieg geleistet.“ Trotz seiner Verbundenheit mit der neuen Sachlichkeit und mit der Formensprache des Bauhaus habe er aber auch das alte Hanau geschätzt und dessen Atmosphäre mit dem Zeichenstift eingefangen, wie sein Blick durch die Paradiesgasse auf die Niederländisch-Wallonische Kirche auf einem von ihm mit Bleistift gezeichneten Bild zeigt.

In einem Brief vom Januar 1945 gibt er Einblick in sein Leben, das seiner Frau Henriette Zahn und den drei Kindern Dieter, Ulla und Anne am Beethovenplatz 12, und er schildert seinen Gang durch das brennende Hanau.

Im ersten Teil des Briefes vom 5. Januar 1945 berichtet Carl Cost seinem Schwager Karl Markus, dem Leiter der Frankfurter Stadtkasse, unter anderem über einen Blindgänger der zwischen die beiden Hausnummern Beethovenplatz 11 und 12 in die (heutige Bruckner-) Straße eingeschlagen war und dort einen Krater gerissen hatte mit folgenden Worten:

'Nach dem ersten Bombenfall neben unserer Wohnung hatten wir mit viel Mühe, die Fenster und Rollläden wieder einigermaßen dicht bekommen. Und dann ist am Sonntag Abend durch die Explosion zweier Luftminen der ganze schöne fertige Zauber wieder in die Zimmer geflogen. Mitten in der dicksten Arbeit musste sich Henni nach meiner Meinung mit Angina und hohem Fieber ins Bett legen. Am Mittwoch darauf stellte der Arzt Scharlach fest, und seit dieser Zeit liegt sie nun im Dr. Robert Ley-Krankenhaus. Dazu hatte sich Dieter an der linken Hand eine kleine Blutvergiftung zugezogen, die ich im Krankenhaus aufschneiden lassen musste.

Zur Abrundung hat unsere kleine Anne sich Läuse zugelegt. Und bei Ulla ist es das Gleiche, und von mir kann ich sagen, dass ich nach all dem Auftrieb und den Schwierigkeiten der Haushaltsführung ohne Gas und zeitweise ohne Wasser und Licht ein recht wackeliges Krüstchen geworden bin. Trotz allem ist es gelungen, für die Kinder noch ein leidliches Weihnachtsfest zu gestalten. Ich danke Euch im Namen der Kinder für die Weihnachtsfreude, die Ihr trotz Eurer Schwierigkeiten so schön zustande gebracht habt. Durch eine heftige Erkältung und Überlastung war es mir leider nicht möglich nach Frankfurt zu kommen, ich hoffe jedoch, dass dies in den nächsten Tagen der Fall sein wird, da ich mit Hilfe der Firma Degussa meinen Wagen zeitweise wieder fahren kann. Seid nicht böse über mein Stillschweigen, aber Ihr wisst ja, die obwaltenden Umstände bestimmt zu würdigen. Mit herzlichen Grüßen bin ich Euer Bruder und Schwager Carl'

Am 8. Januar 1945, schrieb Carl Cost die Fortsetzung seines Briefes vom 5. Januar: 'Am vergangenen Samstag erlebten wir einen fürchterlichen Terrorangriff auf unsere Stadt. Es war eine verzweiflungsvolle halbe Stunde. Ich kann ruhig sagen, das mich die helle Verzweiflung gepackt hatte. Mit den Kindern in dem oft erzitternden Keller, Henni im Krankenhaus, und so oft ich einen Blick nach der Stadt ins Freie wagte, sah ich nur ein loderndes Flammenmeer. Nachdem der teuflische Zauber vorüber war, stellten wir fest, dass zum dritten Mal so ziemlich alle Fenster und Rolladen hinein geflogen waren. Herr Ochsner war zum Glück da und er vernagelte noch während der Nacht bei der Saukälte, was irgend noch zu vernageln war. Indessen ging ich mit schwerer Sorge mit dem Fahrrad los, um nach Henni zu sehen. Diese Fahrt oder vielmehr das Gestolper durch die hell brennende Stadt werde ich wohl in meinem restlichen Leben nicht mehr vergessen.

Das Krankenhaus brannte zu einem Teil, den Neubau jedoch sah ich zunächst unbeschädigt vor mir, stellte dann plötzlich fest, dass der linke Flügel fehlte. Es war eine Mine darauf gegangen. Bei dieser Feststellung wurde mir recht flau – bald traf ich jedoch eine Schwester, die mir sagte, dass niemand tot oder verletzt wurde. Na, suchte ich dann im Keller nach meiner mir nun seit fünfundzwanzig Jahren angetrauten Ehehälfte und fand sie dann allerdings recht verstört vor. Nach wechselseitigem Aufatmen haben wir uns auf dem Heimweg durch die immer wilder brennende Stadt begeben. Es war ein schauerlicher Nachtmarsch.

Das Wiedersehen mit den Kindern, die sich während des Angriffs erstaunlich brav gehalten haben, hat uns dann allerdings den Rest gegeben. Weitere Schilderungen kann ich mir ersparen, denn ihr kennt ja die furchtbaren Geschehnisse einer solchen Nacht aus eigener Erfahrung. Es ist wie ein Wunder – der Beethovenplatz ist bis auf die bekannten Minendruckschäden, heil geblieben – und wir, bis auf eine große Erschöpfung der Alten, auch.

Chlormann (Architekt Georg Chlormann, sein ehemaliger Kompagnon) hat in dieser entsetzlichen Nacht seinen jüngsten Sohn verloren. Wir wissen nicht wie es Euch geht, hoffen jedoch, dass Ihr gesund seid – mehr kann man unter den schrecklichen Umständen gar nicht mehr erhoffen. Ich erwarte, dass es mir gelingt Euch baldigst aufzusuchen.

Mit allen guten Wünschen bin ich Euer Carl.“



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