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Telefonseelsorge: Hier bekommen Sie Hilfe bei Suizidgedanken

Hanau

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    "Suizidprävention und Telefonseelsorge hängen eng zusammen". Symbolbild: Pixabay

Hanau. Dass ausgerechnet die Telefonseelsorge Viktor Staudt eingeladen hat, damit dieser über seinen Suizidversuch spricht und sein Buch vorstellt, liegt eigentlich auf der Hand. „Suizidprävention und Telefonseelsorge hängen eng zusammen“, erklärt die Leiterin der Telefonseelsorge, Pfarrerin Christine Kleppe.

Artikel vom 04. September 2019 - 14:47

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Von Jutta Degen-Peters

1956 wurde die Telefonseelsorge in Berlin ursprünglich als „Lebensmüdenberatung“ gegründet.

Seit der Gründung ist einiges geschehen. Die Zahl derer, die sich das Leben genommen haben, hat sich von 1970 bis heute deutlich verringert. Heute sind es 9000 bis 10 000 Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen, vor knapp 50 Jahren waren es nach den Worten Kleppes noch 18 000. Zu dieser Entwicklung beigetragen haben dürfte neben der besseren therapeutischen Begleitung die Enttabuisierung des Themas Depressionen, ist Kleppe überzeugt.

„Die gute Nachricht ist, dass sich die Zahl der Suizide verringert hat, die schlechte, dass es immer noch überhaupt Versuche gibt.“ Die Seelsorgerin weist darauf hin, dass von jedem Suizid rund neun Menschen betroffen seien.

Auch für sie dürfte der Vortrag von Viktor Staudt aufschlussreich sein. Denn Staudt berichtete beim Gespräch mit unserer Zeitung von vielen dankbaren Reaktionen nach seinen Veranstaltungen. Häufig signalisierten auch Menschen aus dem Umfeld von Depressiven oder Angehörige von Personen, die einen Suizid begangen hätten, dass sie durch Staudts Schilderungen und Erklärungen alles besser verstünden.

Neue Wege gehen

Es passiert vergleichsweise selten, dass Ratsuchende bei der Ökumenischen Telefonseelsorge anrufen und davon sprechen, dass sie sich jetzt das Leben nehmen wollen, sagt Kleppe: „Unter einem Prozent unserer Klienten sind akut suizidal.“ Häufig aber seien es Menschen, die sich mit Selbstmordfantasien trügen, davon sprächen, dass das Leben nicht mehr lebenswert sei oder für sie keinen Sinn mehr ergebe.

80 Ehrenamtler sind nach den Worten Kleppes für die Telefonseelsorge im Einsatz. Sie beraten Menschen in Not, Menschen, die verzweifelt oder einsam sind, die keinen Ausweg aus ihren Probleme finden und niemanden haben, mit dem sie reden können. Das Wichtigste, was die Telefonseelsorge bieten kann, ist das offene Ohr, zuhören ist die halbe Miete: Rund 63 Prozent der Hilfesuchenden sind Wiederholungsanrufer. 69 Prozent, der Menschen, die zum Telefon greifen und die Nummer 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22 wählen, sind alleinlebend. „Über 80 Prozent der Ratsuchenden sind einsam.

Für sie sind wir eine Art Anker im Alltag.“ Bei einem Drittel der Anrufer sei eine psychische Erkrankung diagnostiziert worden. Zunehmend gebe es Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen. Viele hätten schon Klinikaufenthalte hinter sich, viele hätten auch schon Therapien abgebrochen. Häufig überlappten die Probleme.

Für die Menschen, die Rat und Hilfe suchen, ist das anonyme Angebot besonders wichtig. Ohne Furcht vor Konsequenzen und ohne ihre Identität preiszugeben, können sie sich aussprechen. „Sie wissen, dass sie hier bei uns so angenommen werden, wie sie sind. Und gleichzeitig dürfen sie darauf vertrauen, dass die Berater der Telefonseelsorge geschult sind. Therapien oder Empfehlungen, welcher Arzt für welches Problem geeignet sein könnte, gibt es bei der Einrichtung nicht. Aber Empfehlungen, wie man einen Ausweg aus einem Problem anpacken könnte oder welche Form von Therapeut aufgesucht werden könnte, finden die Anrufer schon. 

Hilfe geschieht in der Regel durch das intensive Zuwenden und Zuhören. „Wir schauen, welche Ressourcen da sind, welche persönlichen Fähigkeiten“, erklärt die Seelsorgerin. Es gelte den Blick der Anrufer zu weiten, ihnen zu zeigen, dass auch sie Eigenschaften oder Fähigkeiten besitzen, auf die man aufbauen könne. Außerdem gibt es das Angebot, dass die Hilfesuchenden immer wieder anrufen können. Damit ist die Telefonseelsorge nicht nur eine wichtige Kontaktstelle für Alleinlebende. „Was wir machen, ist im weitesten Sinne auch Suizidprävention“, so die Pfarrerin.

11 356 Anrufe registrierte die Ökumenische Telefonseelsorge Main-Kinzig im vergangenen Jahr. Jetzt will man neue Wege beschreiten. Derzeit werden laut Kleppe Ehrenamtler ausgebildet, damit sie Ratsuchende auch per E-Mail beraten können. Damit trage man der Tatsache Rechnung, dass sich zunehmend jüngere Menschen an die Telefonseelsorge wendeten und Rat suchten bei Problemen wie Selbstverletzung und Suizidgedanken.

Kontaktaufnahme

Die Ökumenische Telefonseelsorge Main-Kinzig ist zu erreichen unter Telefon 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/ 1 11 02 22 sowie unter der E-Mail-Adresse: buero@telefonseelsorge-main-kinzig.de



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