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SC 1960 Hanau: Okan Sari im Interview zum turbulenten Jahr 2019

Fußball

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    Okan Sarit ist seit 2004 beim SC 1960 Hanau, kickte dort einst in der Kreisliga A. Schon bald wurde er beim HSC in die Vereinsarbeit eingebunden und wurde Sportlicher Leiter. Hinter ihm und dem Verein liegt ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Archivfoto: TAP

Fußball. Für den SC 1960 Hanau war das vergangene Jahr ein Wechselbad der Gefühle. Im Sommer gewann die Mannschaft erstmals den Hanauer Kreispokal. Im Winter sah es so aus, als würde der Verein als Tabellenführer der Verbandsliga in die Winterpause gehen. Am vorletzten Spieltag des Jahres kam es dann zu den Negativschlagzeilen. 

Artikel vom 02. Januar 2020 - 15:00

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Der Schiedsrichter meldete, er sei von einem HSC-Fan geschlagen worden. Gegen den Verein wurde ein zwischenzeitliches Spielverbot verhängt. Er durfte sein letztes Spiel des Jahres 2019 nicht mehr austragen. Das Sportgericht hob das Spielverbot kurze Zeit später wieder auf, zog dem Team aber drei Punkte ab. Somit überwintert der HSC als Tabellenzweiter hinter dem FC Erlensee.

Für 2020 hat man sich nun vorgenommen, das Image wieder aufzupolieren. Der Sportliche Leiter des HSC Okan Sari sagt im Interview, wie man das angehen möchte, was er von Verband und Fußballkreis erwartet und fordert ein Umdenken in der Gesellschaft.

Der SC 1960 Hanau ist ein Multi-Kulti-Verein, in dem Spieler aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichsten Religionen spielen. Sehen Sie darin eine Ursache, dass die Emotionalität, die zum Fußball zweifellos dazu gehört, manchmal ins Negative überschwappt?
"Wir sind auf jeden Fall ein Multi-Kulti-Verein. Das macht uns auch aus. Wenn die Emotionen nicht wären, würde das Herz nicht für den Sport schlagen. Das darf aber nicht ins Negative übergehen. Es muss immer gewaltfrei bleiben. 1960 hat in den vergangenen Jahren super Arbeit geleistet. Der Verein hatte einen negativen Stempel. Das haben wir aber aufpoliert, weil wir sehr konstant gearbeitet haben. Das wichtige ist, dass wir die Nationalitäten, diese Vielfalt zusammenbringen können. Dieses Vorurteil, dass wir Südländer immer geladen seien, muss aus den Köpfen mal raus. Die Kulturen haben sich inzwischen so vermischt. Manchmal reagieren doch Deutsche viel emotionaler als andere."

Sari fordert Umdenken

Worin sehen Sie die Ursachen?
"Das ist ein gesellschaftliches Problem. Die Leute kriegen zu viel Input. Das Handy und die sozialen Medien lassen die Leute 24 Stunden unter Strom stehen. Nicht nur die Fußballer, auch die Zuschauer sind da teilweise sehr geladen. Man sollte die negative Energie aber nicht auf dem Sportplatz rauslassen. Da muss ein Umdenken stattfinden."

Der HSC hat eine emotionale Anhängerschaft. In der Vergangenheit gab es verbale und teils sogar tätliche Angriffe auf den eigenen Trainer, eigene Spieler und zuletzt den Schiedsrichter. Wie will der Verein da entgegen wirken?
"Wir werden bei den nächsten beiden Auswärtsspielen keine Zuschauer mitnehmen. Damit wollen wir ein Zeichen setzen. Nicht nur an unsere eigenen Zuschauer, sondern an alle. Der Fußball wird darunter leiden, aber es gibt wichtigere Sachen im Leben. Man hat in letzter Zeit gesehen, dass auf vielen Plätzen Unruhe war. Viele sind geladen, ob von der Arbeit oder dem Privatleben. Das darf man nicht sonntags am Schiedsrichter auslassen. Wir werden auch bei allen Heimspielen für einen fairen Umgang untereinander sensibilisieren." 

Täter konnte nicht identifiziert werden

In Wald-Michelbach soll ein Fan des HSC den Schiedsrichter geschlagen haben. Hat der Verein den Täter denn überführt?
"Das gehört nicht auf den Sportplatz. Egal wer das war. Wir konnten ihn nicht identifizieren. Aber der Schiedsrichter muss geschützt werden. Das ist unsere Devise. Wir haben selbst sechs Schiedsrichter im Verein. Man muss seine Emotionen in die richtige Richtung lenken. Das darf nicht zu Gewalt führen. In Wald-Michelbach hätte man direkt handeln müssen. Uns hat den Vorfall dort niemand mitgeteilt. Es waren vielleicht 100 Zuschauer da, davon höchstens zehn von uns. Man hätte direkt Anzeige erstatten können, da wären wir auch dabei gewesen. Vom Spielverbot habe ich dann auf der Homepage des HANAUER ANZEIGER gelesen. Das hätte anders laufen müssen. Wir haben dadurch einen großen Imageschaden erlitten."

Wenn Sie wissen würden, wer es war, wie wäre der Verein mit der Person umgegangen?
"Egal, ob der Schiedsrichter geschlagen oder geschubst wurde, die Person hätte eine Platzsperre von uns bekommen, auch für Heimspiele. Wir hätten das auch bei Auswärtsspielen der Heimmannschaft mitgeteilt, sodass er auch dort keinen Zugang hat. Das wäre eine angebrachte Strafe in meinen Augen. Er hat dadurch Mannschaft und Verein sehr geschadet."

Der Verein nach dem Sportgerichtsurteil und dem Punktabzug in einer Stellungnahme wortwörtlich SOS gefunkt und um Hilfe gebeten. Wie waren die Reaktionen? Hat sich der Verband beim Verein gemeldet? 
"Wir haben im HANAUER die Stellungnahme des HFV gelesen. Das war alles. Ich denke, das ist nicht ausreichend. Man muss schauen, dass man als Kollektiv entgegenwirkt. Auch aus dem Fußballkreis haben wir kein Feedback bekommen. Da müsste der Kreis die Vereine mal zusammenbringen, sodass man gemeinsam Lösungen sucht."

Amateurfußball immer kommerzieller

Der Hessische Fußball-Verband wurde in der Stellungnahme hart angegriffen. Was wünschen Sie sich vom HFV konkret?
"Das Problem ist, dass das mittlerweile alles sehr kommerziell ist. Die Liga wird vermarktet, heißt „11 Teamsports Verbandsliga“. Da fließen Gelder. Klar möchte man als Verein da präsentiert werden, aber finanzielle Mittel kommen bei den Vereinen nicht an. Immer mal wieder zieht eine Mannschaft aus finanziellen Mitteln zurück. Man hat zu wenig helfende Hände. Das könnte man mit finanziellen Mitteln vielleicht etwas ändern und das müsste sich bis in die untersten Ligen durchschlagen. Stattdessen zahlen wir einen Haufen Geld an den Verband, werden für kleinste Sachen bestraft. Wenn man das Ergebnis eine Sekunde zu spät meldet, kriegt man 15 oder 20 Euro Strafe. Das betrifft auch Kosten für Passanträge oder Freigaben von Spielern. Da sollte man die Vereine unterstützen."

Dem Verein ist bewusst, dass in seiner Anhängerschaft ein kleiner Teil ist, der Probleme bereitet. Haben Sie mit diesen Personen gesprochen und nach Lösungen gesucht?
"Das hat jetzt große Wellen geschlagen. Jetzt weiß jeder um was es geht, dass damit der Mannschaft geschadet wurde. Die Zuschauer wissen durch den Ausschluss jetzt bescheid. Wir werden sie weiter sensibilisieren, indem wir bei Heimspielen an der Kasse Zettel rausgeben, auf denen wir um mehr Fairness werben wollen. Sich mit allen hinzusetzen, ist nicht machbar."

Mannschaft will Reaktion zeigen

Wie geht die Mannschaft mit diesem Imageproblem des Vereins um?
"Sie will das sportlich wieder gut machen. Das geht nur mit der Meisterschaft, auch wenn uns da jetzt drei Punkte fehlen. Ich habe in den letzten Wochen mit vielen Spielern Einzelgespräche geführt und habe ihnen unsere Sicht übermittelt. Das Feedback war sehr positiv."

Die Mannschaft will das Image des Vereins wieder aufpolieren. Nach dem Punktabzug wollen die Spieler des SC 1960 Hanau um Michael Kohnke (rechts) und Aret Demir (Zweiter von rechts) unbedingt den Meistertitel. Archivfoto: TAP

Sie erwarten zur Rückrunde eine Trotzreaktion?
"Ja, die Spieler sagen sich: „Jetzt erst recht!“ Sie wissen um die Qualität, die wir haben und wollen dem Verein das verloren gegangene Image mit der Meisterschaft zurückgeben."

Arslan kommt von Nachbar Hanau 93

Welche Spielerwechsel in der Winterpause sind schon fix?
"Paa-Kofi Boateng, der leider zuletzt keine große Rolle mehr gespielt hat, aber am längsten schon bei uns ist, geht zum SVG Steinheim. Ivan Puljic genauso. Melih Gültekin zieht weg und verlässt uns daher leider. Als Zugänge stehen Engin Arslan von Hanau 93 und zwei weitere Spieler fest. Bevor ich die Namen nenne, möchte ich aber erst mit den abgebenden Vereinen sprechen. In der Vorbereitung haben wir noch ein paar Probespieler da. Das müssen wir mal abwarten."

Gab es schon Gespräche mit Trainer Savas Erinc über seine Tätigkeit in der neuen Saison?
"Generell möchten wir ihn weiter behalten. Da gibt es auch keinen Grund lange zu überlegen. Ich habe schon einige Trainer mitgekriegt, mit denen ich arbeiten durfte. Das waren starke Charaktere wie Seref Zangir oder Antonio Abbruzzese. Auch Savas Erinc macht für sein junges Alter hervorragende Arbeit. Man sieht, dass er bei der TSG Hoffenheim eine super Ausbildung genossen hat. Wir möchten mit ihm weiter machen. Auch von seiner Seite sieht es positiv aus."

Sari wünscht sich mehr Frauen auf den Sportplätzen

Giovanni Fallacara, ihr Kollege bei Hanau 93, ärgert sich über das geringe Zuschauer-Interesse bei den Hessenliga-Heimspielen der 93er. Sind Sie zufrieden mit den Zuschauerzahlen beim HSC und womit rechnen Sie im Falle eines Aufstieges?
"Der Fußball hat im Amateurbereich zu wenig Anerkennung. Man muss als Gesellschaft umdenken. Ich kann mich mit vielen Profimannschaften nicht identifizieren. Es müssen auch eine C- und eine B-Liga weiter zustande kommen. Die Schere darf da nicht noch weiter auseinander gehen. Die Leute müssen ihre eigene Mannschaft unterstützen. Ein Hanauer sollte eine Hanauer Mannschaft unterstützen. Wir sind da mit unserer Zuschauerzahl gut aufgestellt. Da ist aber noch größeres Potenzial. Wir wollen das zur Familiensache machen. Es kommen zum Beispiel zu wenige Frauen auf die Sportplätze. Wir nehmen unsere Frauen mit, animieren die Spielerfrauen. Deswegen haben wir eine ordentliche Zuschauerzahl. Wenn wir den Aufstieg schaffen, wollen wir natürlich mehr Zuschauer dazu gewinnen, natürlich auch mit attraktivem Fußball. In der Hessenliga sollte man schon vor 500 Zuschauern spielen."

Wie sieht der Blick auf die Jugend aus? Die zweite Mannschaft wurde ja vor der Saison abgemeldet.
"Wir wollen die Jugend voranbringen. Das haben wir dieses Jahr zwar etwas verbessert, aber da musste ich auch einiges an Kritik einstecken, weil wir noch nicht so weit sind. Wir haben eine E- und ‧eine F-Jugend, bieten seit Sommer zweimal wöchentlich Individualtraining mit ‧einem A-Lizenz-Trainer an. Für eigene Jugendspieler, aber auch für andere. Nächstes Jahr wollen wir den Unterbau weiter verstärken. Savas Erinc wird da mithelfen. In zwei oder drei Jahren wollen wir alle Altersklassen besetzen und dann selbst Jugendspieler für unsere erste Mannschaft ausbilden. Da wird dann eine starke U19 ausreichen, da brauchen wir keine zweite Mannschaft. Die bindet nur Personal. Diese Energie der drei, vier oder fünf Leute wollen wir in den Jugendbereich stecken."

Kunstrasenplatz im Dröse-Stadion?

Auch in Sachen Infrastruktur und beim Positionieren in der Stadt hat der Verein Ziele.
"1960 hat Impulse gesetzt, das muss man anerkennen. Wir haben rund 300 Mitglieder und wollen auf einer gesunden Basis den Fußball in Hanau interessanter machen, dass Hanau als Fußball-Stadt anerkannt wird. Hanau steht kurz vor der 100 000 Einwohner-Grenze. Die Stadt unterstützt uns toll. Derzeit laufen Gespräche wegen eines Kunstrasenplatzes am Herbert-Dröse-Stadion. Wir hatten schon tolle Projekte, wie den Umbau des Hartplatzes zu einem Naturrasenplatz, den wir umgesetzt haben."

Das Interview führte Thorsten Jung.

Verbandsliga Hessen-Süd



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