Lesezeichen hinzufügen hanauer.de als Startseite
Regenschauer
15 ° C - Regenschauer
» mehr Wetter

Kreisliga C: Auch ein Kellerduell kann ansehnlich sein

Fußball

  • img
    Sehenswertes Kontrastprogramm: Das Kellerduell der Kreisliga C zwischen DJK Eintracht Steinheim II (links, Wolfgang Emmerich) und Hilalspor Hanau III (Ibrahim Ikinci Sahin) ist Entschleunigung pur. Fotos: Roland Adrian
  • Kopfsache: Hier hat Steinheims Zaher Charbaji (rechts) das Nachsehen. Foto: Roland Adrian
  • Darf doch nicht wahr sein: Da kullert der Ball doch tatsächlich an den Pfosten. Foto: Roland Adrian

Fußball. Nach einer Woche, in der Bayern München mal eben schlappe 80 Millionen Euro locker gemacht hat, um Lucas Hernández an die Isar zu lotsen, steigt auch in der Sportredaktion unserer Zeitung die Sehnsucht nach mehr Bodenständigkeit im Fußball. 

Artikel vom 02. April 2019 - 11:23

Anzeige

Von Robert Giese

Höchste Zeit also für ein Kontrastprogramm, und kein Spiel könnte mehr Kontrast zum Millionenzirkus der Bundesliga bieten als die Partie der DJK Eintracht Steinheim II gegen Hilalspor Hanau III, schließlich trifft hier der Tabellenletzte der untersten Liga auf den Drittletzten der Tabelle. 

Nicht nur positive Erwartungen

Zugegeben, mit dem Kellerduell der Kreisliga C haben wir im Vorfeld nicht nur positive Erwartungen verbunden: Unkoordiniertes Rumgebolze im Mittelfeld, dauerpöbelnde Spieler, die Kreisliga als Knochenmühle und sicher kein fußballerischer Leckerbissen – auch diese negativen Klischees haften dem bodenständigen Amateurfußball an. Wie sich zeigen sollte, würden uns die Kreisliga-Kicker aber zumindest teilweise Lügen strafen.

Sicher, beim einen oder anderen Spieler, der da in Steinheim auf den Platz lief, spannte das Trikot in der Körpermitte etwas, das Haar war stellenweise schütter und grau, aber die allermeisten Spieler machten einen durchaus sportlichen Eindruck. Mit ansehnlichen Ballstafetten bewiesen beide Teams in den Anfangsminuten, dass sie unter Fußball mehr als „hoch und weit bringt Sicherheit“ verstehen, auch wenn das Tempo zunächst eher gemächlich war.

Schnell schlichen sich hüben wie drüben aber erste Stockfehler und Fehlpässe ein, ein Einwurf wurde falsch ausgeführt – nun ja, auch einem Lionel Messi gelingt nicht immer alles. Hilalspor, als Drittletzter gegenüber dem abgeschlagenen Schlusslicht in der Favoritenrolle, brachte in der Anfangsphase einige strukturierte Angriffe zustande, beim Abschluss haperte es jedoch häufig: Oft ist nicht ganz klar, ob da jetzt geflankt oder doch geschossen wurde.

Erste Chance auf der Gegenseite

Auf der Gegenseite hatten die Steinheimer die erste Großchance, als Claudiu Ricoiu im Eins-gegen-Eins den Ball sehenswert mit dem Außenrist an Gästetorwart Mustafa Günay vorbeilegte, die Kugel aber gegen den Pfosten kullerte. Das Spielgerät prallte zwar ins Feld zurück, ein weiterer Steinheimer Angreifer hatte aber zu viel Geschwindigkeit aufgenommen und rauschte am Ball vorbei – eine kuriose Szene mit hohem Unterhaltungswert.

Hilalspor-Schlussmann Günay stand kurz darauf erneut im Fokus, als er im Anschluss an eine Ecke ganz stark reagierte und den Ball gerade noch über die Latte lenkte. Bei der anschließenden Ecke war der Keeper aber machtlos, als seine Vorderleute die Kugel nicht wegbekamen und der Schuss eines Steinheimers abgefälscht in den Maschen einschlug – nach zwölf Minuten führte der Außenseiter, der in bisher 20 Saisonspielen erst
15 Tore erzielt hatte, tatsächlich mit 1:0.

In der Folge versuchten sich die Gäste am Ausgleich, waren dabei aber oft zu verspielt. „Nicht so viele Hackentricks“, schallte es daher mahnend über das Spielfeld, als sich wieder einmal ein Hilalspor-Spieler verzettelt hatte. Auf der Gegenseite blieb die DJK aber auch eher harmlos und schlug zwischendurch einen Freistoß aus der eigenen Hälfte direkt ins Seitenaus. Die Spieler bewiesen aber viel Humor mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten: Als ein Gästespieler einen Einwurf ebenfalls direkt ins Aus warf, rief er „Schiedsrichter, die Linie ist nicht gerade“, und erntete für seine Selbstironie ein Schmunzeln.

Präzisere Fehlpässe als Pässe

Da die Partie in der ersten Hälfte zunehmend verflachte – einige Fehlpässe waren präziser als Pässe zum Mitspieler, so mancher Abschluss ging mehr in Richtung Eckfahne als aufs Tor – und es die Spieler bei Spielunterbrechungen nicht eilig hatten, blieb an der Seitenlinie viel Zeit, um die Seele baumeln zu lassen.

Pöbelnde Zuschauer gab es nicht (genau genommen war nicht sicher zu erkennen, ob überhaupt jemand zuschaut, oder ob die paar Zaungäste wegen des Essens im Vereinsheim erschienen waren), die Sonne schien, und im bepflanzten Außenbereich flogen ein paar Schmetterlinge von Blume zu Blume – Entschleunigung pur.
Kurz vor dem Seitenwechsel gab es dann zumindest beinahe doch noch ein fußballerisches Highlight, als ein Steinheimer Spieler einen weiten Pass mit einem Fallrückzieher klären wollte.

Das sah spektakulär aus, allerdings blieb es beim Klärungsversuch: Einerseits streifte er den Ball nur, andererseits pfiff der Schiedsrichter die Aktion ab – gefährliches Spiel. Da ansonsten nicht viel los war, versuchten es die Spieler in der Folge häufiger mit Meckern, wogegen der Unparteiische aber rigoros durchgriff und mit der ein oder anderen Gelben Karte noch vor dem Pausentee für Ruhe sorgte.

Mehr Fahrt nach Halbzeit

Nach Wiederanpfiff nahm die Partie wieder mehr Fahrt auf: Falscher Einwurf (inzwischen der dritte) und Dauerdruck aufs DJK-Tor. Dort zeichnete sich der Steinheimer Schlussmann aus, als er sich bei einem Kopfball ins rechte obere Toreck ganz lang machte und den Ball noch aus dem Winkel fischte. Zwischendurch gab es etwas unvermeidliches Gebolze im Mittelfeld und je eine Halbchance für jedes Team, die jeweils dadurch entstand, dass ein eigener Spieler einen eigentlich harmlosen Schuss noch gefährlich abfälschte.

Ohne fremde Hilfe brachte Gästespieler Ibrahim Ikinci Sahin den Ball nach 70 Minuten schließlich mit einem sehenswerten Fernschuss im Kasten unter, was den Auftakt in eine turbulente Schlussphase bildete. Die DJK war nämlich fest entschlossen, sich den dritten Saisonsieg zu schnappen und drängte auf die erneute Führung.

Diese fiel nach einem krassen Torwartfehler von Günay, der einen Freistoß aus vielleicht 40 Metern trotz langer Flugphase in schönster Tomislav Piplica-Manier völlig unterschätzte, zu weit vorne stand und den Ball über die Fingerspitzen ins Tor gleiten ließ. Schade, dass kein Fernsehteam vor Ort war, sonst wäre der kuriose Treffer von Selim Genchan bei Facebook sicher millionenfach geteilt worden.

Konter von rechts

Der Torjubel der Steinheimer war noch nicht ganz verhallt, da startete Hilalspor über rechts einen schönen Konter, den Tayip Boelge abgezockt vollendete und damit wieder ausglich. Mit dem Unentschieden gab sich aber kein Team zufrieden und drängte noch auf das Siegtor, welches DJK-Stürmer Ricoiu kurz vor Schluss nach einem Konter tatsächlich gelang, weitere Großchancen in der Nachspielzeit blieben ungenutzt, sodass die Steinheimer tatsächlich den dritten Saisonsieg feierten – und den ersten in diesem Jahr.

Entsprechend zufrieden war DJK-Spielertrainer Andreas Thomas, der mit seinen 49 Jahren die zusammengewürfelte Truppe auf dem Platz zusammenhält. „Das Team hat sich an die taktischen Vorgaben gehalten“, freute sich Thomas, für den es wohl die letzte Saison als aktiver Spieler sein wird.

Bis dahin wird er weiter mittendrin dabei sein, wenn allsonntäglich technische Rafinessen ebenso an der Tagesordnung sind wie haarsträubende Stockfehler und wo Glanzparaden und Fallrückzieher ebenso ihren Platz haben wie Freistöße ins Niemandsland und Spielaufbau per Befreiungsschlag – in der Kreisliga C, dem Kontrastprogramm zum Millionenzirkus beim Profifußball und dem Ort für wohltuende Entschleunigung.

Kreisliga C Hanau



Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.