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Heimatforscher Manfred Geisler erklärt: Wer war Siegmund Strauß?

Schöneck

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    Seit Kurzem lautet die Postanschrift des Büdesheimer Rathauses Siegmund-Strauß-Platz 1. Im Andenken an den letzten Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Foto: Fritzsche

Schöneck. Anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht hat der Schönecker Gemeindevorstand die Entscheidung getroffen, dass das Rathaus in Büdesheim zukünftig die neue Bezeichnung Siegmund-Strauß-Platz 1 auch als Postanschrift erhält. Der kleine Platz trägt bereits seit 2013 den Namen. Doch wer war Siegmund Strauß?

Artikel vom 09. November 2018 - 13:35

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Bürgermeisterin Conny Rück erläuterte im Gemeindeparlament: „Mittlerweile weilen immer weniger Zeitzeugen unter uns und ich sehe es als ein angemessenes Zeichen des Gedenkens, wenn das Rathaus künftig die neue Postadresse trägt.“

Der Namensgeber Siegmund Strauß ist 1867 in Büdesheim geboren und war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Büdesheim. Er war zugleich der Vertrauensmann der etwa 15 jüdischen Familien, die Mitte der 30er Jahre noch in Büdesheim lebten. Zusammen mit einigen wenigen Juden erlebte er die Reichspogromnacht, eingesperrt von SA-Leuten im Büdesheimer Rathaus. In dieser Nacht wurde auch die Synagoge in Büdesheim geschändet und kurze Zeit später zerstört. 

Ein kleiner Überblick über sein Leben

Heimatforscher Manfred Geisler hat die Fakten über über die Familie Siegmund und Lina Strauß zusammengetragen. Der Viehhändler Siegmund Strauß, geboren am 22. November 1867, heiratete am 6. Mai 1896 Lina Seewald aus Gambach. Sie bewohnten das Haus Südliche Hauptstraße 3. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, zwei starben als Säugling. Drei Kinder erreichten das Erwachsenenalter.

Mina Melitha, geboren am 31. März 1897, heiratete den Viehhändler Isaak Wertheim aus Harzburg Kassel, wo sie auch zuletzt wohnten. Sie hatten einen Sohn namens Alfred. Die Familie wird am 7. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Isaak Wertheim starb am 7. Mai 1944 in KZ Theresienstadt. Wahrscheinlich starben auch seine Frau und der Sohn in Theresienstadt. Gerda, geboren am 3. Oktober 1902, heiratete den Kaufmann Theodor Strauß aus Nieder-Wöllstadt. Wo sie wohnten ist nicht bekannt. Sie hatten eine Tochter namens Lotti. Die Familie wurde am 15. September 1942 in den Osten verschleppt. Sie gelten seither als verschollen.

Max Strauß plante auszuwandern

Max, geboren am 14. Dezember 1904, heiratete Karoline Oppenheimer aus König, Kreis Corbach. Zusammen mit den Eltern von Max bewohnten sie das Haus in der Südlichen Hauptstraße 3. Sie hatten einen Sohn namens Maier, der am 3. Juli 1938 in Frankfurt am Main zur Welt kam. „Max war Metzger und galt in Büdesheim als vermögend. Er war bei den Landwirten nicht sehr beliebt“, erklärt Geisler. Der Grund mag unter anderem in folgender, überlieferten Geschichte liegen: Beim Viehhandel zwischen zwei Büdesheimer Bauern kam es zu Unstimmigkeiten. Max erfuhr davon und schaltete sich als Vermittler in das Geschäft ein. Es kam daraufhin zum Abschluss. Mit einen für beide Bauern unbefriedigenden Ergebnis. Der verkaufende Bauer bekam weniger Geld als ursprünglich gewollt. Der kaufende Bauer zahlte mehr Geld als geplant und Max Strauß verdiente die Differenz als Vermittler. Er hatte nichts weiter getan als das er sein Verhandlungsgeschick einbrachte. 

Von den Auswanderungsplänen von Max Strauß und seiner Familie zeugt ein Auskunftsersuchen bei der NSDAP-Kreisleitung Wetterau. „Warum es nicht dazu kam, kann derzeit nicht mit Sicherheit gesagt werden. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass die Planungen wegen Unpässlichkeiten der Mutter, Lina Strauß, nicht weiter betrieben wurden“, so Geisler. Sie starb am 5. Oktober 1939 in Büdesheim.

Umsiedlung in ein Ghetto-Haus

Mit der Enteignung jüdischen Grundbesitzes auf Grund der 11. Ausbürgerungsanordnung vom 25. November 1941 mussten die Familien das Anwesen Südliche Hauptstraße 3 räumen. Sie wurden in das Ghettohaus in der Bahnhofstraße (Klein-Haus) umgesiedelt. Das Haus war um einiges kleiner und musste mit anderen Familien geteilt werden. Das Haus, Südliche Hauptstraße 3, wurde fortan teils als Parteihaus der NSDAP-Ortsgruppe Büdesheim genutzt. Der Rest des Hauses war vermietet. 

Siegmund Strauß starb im Alter von 74 Jahren am 17. Juli 1942 in Büdesheim. Anders als seinem Sohn Max und dessen Familie blieb ihm die Deportation und die Ermordung in einem Konzentrationslager erspart. 

Geisler erklärt: „Die ganze Familie wurde Opfer des Naziregimes. Kein direkter Nachkomme konnte entkommen.“  fmi



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