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Fast die Hälfte der Auszubildenden fiel durch Abschlussprüfung

Ronneburg

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    Obermeister Walter Ebert (Siebter von links) freut sich mit den Junggesellen im Elektronikbereich nach Übergabe der Prüfungszeugnisse und Gesellenbriefe. Auch Klaus Repp (ganz links), der ‧Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, gratulierte den Absolventen. Foto: PM

Ronneburg.  Fast die Hälfte aller Auszubildenden der Innung für Elektro- und Informationstechnik der Kreishandwerkschaft Hanau ist durchgefallen. Entsprechend gedämpft und nachdenklich war die Stimmung bei der Freisprechungsfeier auf der Ronneburg.

Artikel vom 07. März 2018 - 15:25

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Obermeister Walter Ebert fand auch deutliche Worte für die hohe Durchfallquote bei der Winterprüfung und musste betrübt feststellen: „Vielen war es regelrecht egal. Man hat sich nicht angestrengt. Man hat für die Prüfung nicht gelernt.“

Laut Ebert lag die Durchfallquote bei den Elektronikern in den vergangenen Jahren stabil zwischen 23 und 25 Prozent. Bei der letzten Sommerprüfung fielen von 22 Teilnehmern nur sechs durch. Bei der nun absolvierten Winterprüfung traten hingegen 44 Prüflinge an, von denen nur 23 bestanden. Entsprechend lag die Durchfallquote diesmal bei horrenden 48 Prozent.

Ebert kritisiert die Entwicklung
„Das ist eine sprunghafte und auch negative Entwicklung“, konstatierte Obermeister Ebert. Auch aus den anderen Innungen der Kreishandwerkerschaft habe es bisher solche schwachen Ergebnisse bei den Prüfungen nicht gegeben, erklärte Renate Voigt, die bei der Kreishandwerkerschaft für Lehrlingswesen und Ausbildung zuständig ist, auf Rückfrage des HA.

Allerdings gäbe es noch Hoffnungen auf ein am Ende besseres Ergebnis. „Erfahrungsgemäß wird die Wiederholungsprüfung nach einem halben Jahr in den meisten Fällen bestanden. Und das hoffen wir sehr für die Elektroniker-Auszubildenden, die im Winter so zahlreich durchgefallen sind“, sieht Voigt noch nicht völlig schwarz was die zunächst durchgefallenen Auszubildenden anbetrifft.

Probleme könnten im Elternhaus liegen
Klare Worte fand Obermeister Ebert bei der Freisprechungsfeier, wobei er betonte, dass nicht etwa das gestiegene Anforderungsprofil Grund für die schwache Bilanz sei. Es habe schlicht an den Auszubildenden selbst gelegen, ist Ebert überzeugt. „Man hat es schon kommen sehen. Es war vielen regelrecht egal. Man hat sich nicht angestrengt. Man hat für die Prüfung nicht gelernt“, stellte er ohne Umschweife fest. Zugleich zeichnete der Obermeister der Elektronikinnung ein recht nachdenklich stimmendes Bild darüber, was nicht wenigen Auszubildenden fehle, wenn sie ihre Lehre beginnen: „Die ersten Monate in der Ausbildung werden zum Training von Sozialverhalten gebraucht: Pünktlichkeit, Höflichkeit, Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit müssen vielfach noch gelernt werden. Dies sind Kultureigenschaften, die anscheinend weder im Elternhaus noch in der Schule groß gepflegt werden, von Grundlagen wie Lesen, Rechnen und Schreiben ganz zu schweigen.“

Ebert wollte bei seiner Rede aber nicht nur die negativen Dinge herausstellen. So hätten die drei besten Auszubildenden bei ihrer Gesellenprüfung allesamt mehr als 85 Prozent erzielt. Dies sind als Jahrgangsbester Viktor Kaplan (Firma Kraft aus Bruchköbel) mit 87,4 Prozent, Jonas Betz (Firma Lorenz aus Gründau) mit 86 Prozent sowie Valmir Elshani (Firma R+S Solutions aus Hanau) mit 85,6 Prozent.

Fünf Prozent Anstieg bei Anzahl der Ausbildungsverträge
Ein Lichtblick sei laut Ebert auch die gestiegene Zahl der Ausbildungsverträge. So hätten im zurückliegenden Jahr fünf Prozent mehr junge Menschen eine Lehre als Elektriker begonnen als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. „Das lässt hoffen und motiviert, bei den Anstrengungen in der Nachwuchsarbeit nicht nachzulassen“, so der Obermeister. Aber, auch blendende Perspektiven führten nicht zu mehr Zulauf zum dualen Berufssystem. Schulabgänger ziehe es „in warme Universitätsstuben und nicht auf zugige Baustellen“.

Die Folgen seien eindeutig, so der Obermeister weiter: „Der Nachwuchsmangel bremst das Geschäft. Fachwissen und handwerkliches Knowhow gehen sehr schnell verloren. Die Gefahr ist, dass Bauboom und die zur Zeit übermäßig sprudelnden Steuereinnahmen den notwendigen Wandel bremsen. Denn der Rausch wird irgendwann vorbei sein. Der Brunnen muss gebohrt werden, bevor man Durst bekommt“, betonte Ebert.

Ehrengäste nahmen auch Bezug zu den Problemen
Das insgesamt schlechte Prüfungsergebnis und die zunehmenden Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden, schlugen sich auch in den Reden der Ehrengäste nieder. Klaus Repp, der Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, mahnte die jungen Leute, fleißig zu sein, lobte aber alle diejenigen, die an diesem Abend ihren Gesellenbrief in Empfang nehmen konnten. Der Landtagsabgeordnete Hugo Klein (CDU) ermutigte die jungen Menschen, ihre Karriere mit der Lehre zu starten. Es sei keine Sackgasse, sondern „ein wesentliches Fundament für eine hervorragende Karrierechance“.

Die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) betonte, dass man deutlich machen müsse, dass das Handwerk keine Berufe zweiter Klasse biete. Sie warb aber auch dafür, Studienabbrechern, die feststellten, dass der akademische Weg doch nicht der ihre ist, „eine zweite oder dritte Chance im Handwerk zu geben“. Bange werde ihr aber beim Thema „Fachkräftemangel“, räumte Simmler ein.  leg



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