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Das langsame Sterben des Ostheimer Soldaten Heinrich Peter Bickes

Nidderau

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    Die Benachrichtigung der „Preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen“ über den Transport des gefallenen Heinrich Peter Bickes in die Heimat. Solche Rücktransporte waren die Ausnahme. Meist wurden die Gefallenen vor Ort auf Soldatenfriedhöfen bestattet. Der Auflistung ist zu entnehmen: „Art der Verpackung: ein Wagen; Inhalt: eine Leiche“. Eine Fotografie von Bickes ist der Nachwelt nicht erhalten geblieben. Foto: Privat

Nidderau.  Im Rahmen der Ausstellung „Schicksale Ost‧heimer Soldaten im Ersten Weltkrieg“ hat Jürgen Müller, Historiker an der Frankfurter Goethe-Universität und Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein, anhand von Briefen das Schicksal des Heinrich Peter Bickes dargestellt.

Artikel vom 02. November 2018 - 13:36

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Hier seine Ausarbeitung in gekürzter Fassung:

„Liebe Eltern. Ich will euch mitteilen, daß ich hier verwundet liege und daß es mir ganz gut geht“

Mit diesen Worten informierte der Soldat Heinrich Peter Bickes aus Ostheim am 19. September 1915 seine Eltern darüber, dass er bei den Kämpfen an der Westfront in Frankreich eine Verletzung erlitten hatte. Heinrich Bickes war in Ost‧heim am 12. September 1895 als Sohn des Landwirts Johannes Bickes und seiner Frau Maria Philippine, geborene Löffler, zur Welt gekommen. Im Alter von knapp zwanzig Jahren wurde er im Mai 1915 zur Armee eingezogen und nach kurzer Ausbildung schon im Juli 1915 an die Front nach Frankreich geschickt. (. . .)

In seinen Briefen versuchte Heinrich immer wieder, seine Eltern zu beruhigen und ihnen die Sorge um sein Wohlergehen zu nehmen. (. . .) Bald jedoch sollte Bickes die Realität des Krieges kennenlernen, denn schon der zweite erhaltene Brief an seine Eltern vom 11. September, dem Vorabend seines 20. Geburtstags, ist in einem ganz anderen Ton gehalten. In diesem Schreiben aus dem Schützengraben bedankt sich Heinrich zunächst für die Pakete mit Kuchen und Trauben, die ihm seine Eltern geschickt haben und schildert dann die Lage an der Front. In der Stellung im Priesterwald (wenige Kilometer vor Verdun), in der er seit Wochen liege, hätten die Soldaten „furchtbar unter Artilleriefeuer zu leiden, die [Franzosen] schicken uns als in einer Stunde über 300 Granaten zu uns“.

„Auf dem Wege der Besserung“

Nur wenige Stunden, nachdem er diesen Brief geschrieben hatte, wurde Heinrich Bickes von einer Granate verwundet. Er erlitt, wie Unteroffizier Kall aus dem Feldlazarett in Rembercourt am 15. September an die Eltern schrieb, „vor drei oder vier Tagen“ eine Kopfwunde, wurde ins Lazarett eingeliefert und war angeblich „auf dem Wege der Besserung“.

Heinrich selbst berichtete, wie eingangs erwähnt, seinen Eltern am 19. September von seiner Verwundung. Seither schrieb er alle paar Tage nach Ostheim. Immer wieder versicherte er seinen Eltern, es gehe ihm gut, und auch Unteroffizier Kall bestätigte, dass sich Heinrichs Zustand „sehr gebessert“ habe (20. September). Am 26. September schrieb Heinrich, er hoffe darauf, bald nach Deutschland transportiert zu werden, doch müsse er vorerst noch im Feldlazarett bleiben, wahrscheinlich weil er „ein paar mal gebrochen“ hatte. (. . .)

„Der Ausdruck Kopfschuß ist mehr, wie es eigentlich ist“

Der Rücktransport in die Heimat, den Heinrich so sehr erhoffte, wurde aber immer wieder verschoben. Am 6. Oktober schrieb Heinrich seinen Eltern, er müsse „noch einmal acht Tage hierbleiben“, zwei Tage später beteuerte er wiederum, es gehe ihm gut, er habe „gar keine“ Schmerzen. (. . .)

Am 18. Oktober und damit fünf Wochen nach der Verwundung, schrieb Heinrich erstmals ausführlicher über die Art der Verletzung, wobei er deren Ernsthaftigkeit aber herunterspielen wollte. Er habe eine Wunde über dem rechten Auge erlitten, aber „der Ausdruck Kopfschuß ist mehr, wie es eigentlich ist“. Dass es durchaus eine ernste Verwundung war, zeigen die nächsten Worte: „beim Verbinden wird immer noch ein Röhrchen hineingesteckt, und wie ich heute morgen beim Verbinden gesehen habe, ist es sieben Zentimeter lang. Da kann es so gar keine kleine Wunde sein, denn hier liegen lauter schwer Verwundete.“ (. . .)

„Ganz sanft und ruhig ging er in die ewige Ruhe ein.“

Dass er am 20. Oktober operiert wurde, teilte er seinen Eltern erst am 29. Oktober mit, und wieder versuchte er seine Eltern mit der Beteuerung zu beruhigen, er habe gar keine Schmerzen und es gehe ihm sehr gut.

Zugleich scheint er sehr schwach gewesen zu sein, denn er schrieb, am liebsten wäre es ihm, wenn er gar nicht mehr zu schreiben brauche, denn es strenge ihn zu sehr an. Es folgten noch zwei kurze Feldpostkarten vom 31. Oktober und 3. November, in denen sich Heinrich für Briefe und Pakete bedankte und abermals versicherte, es gehe ihm „ganz gut“. Damit endet die Korrespondenz zwischen Heinrich und seinen Eltern. Ein Bettnachbar berichtet von seinen Leiden in den letzten Lebenstagen. Schließlich: „Ganz sanft und ruhig ging er in die ewige Ruhe ein.“

Überführung nach Ostheim

Heinrich Bickes starb am 4. November 1915. Wie schwer seine Verwundung gewesen war, erfuhren die Eltern durch einen Brief des Lazarettarztes Dr. Lintner vom 19. November. In dem an die Mutter gerichteten Brief schrieb der Arzt, dass ihr Sohn „einen Schädelschuss mit Splitterung des Schädels und Eindringen von Knochensplittern ins Gehirn“ erlitten hatte. Es habe sich ein Abszess gebildet, der operativ entfernt worden sei, doch habe die Wunde weiter stark geeitert. Bei einer folgenden Operation sei aber kein weiterer Abszess gefunden worden, erst nach dem Tod habe man noch sechs Knochensplitter zwölf Zentimeter tief im Gehirn gefunden, die zuvor auf den Röntgenaufnahmen nicht zu sehen gewesen seien. Der Patient sei leider nicht zu retten gewesen.

Der Leichnam von Heinrich Bickes war bereits am 11. November 1915 per Eisenbahn nach Ostheim überführt worden, wo er von seinem Vater in Empfang genommen und auf dem dortigen Friedhof bestattet wurde. Ein solcher Rücktransport gefallener Soldaten war im Einzelfall auf Antrag der Angehörigen möglich, fand aber in der Praxis wegen der damit verbundenen Kosten und Umstände nur selten statt. Bickes war einer der wenigen gefallenen deutschen Soldaten, die in Anwesenheit ihrer Angehörigen in der Heimat begraben werden konnten.“  jow



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